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Christian Klotz liest Saarlouis die Leviten

Christian Klotz liest Saarlouis die Leviten

Ein kerniges oberbayerisches Mannsbild sagt Saarlouis, was Sache ist. Christian Klotz aus Bad Reichenhall hat am Donnerstagabend im Pieper Restaurant einige Finger in eine ganze Reihe von Wunden gelegt.

"Lachen Sie nur, solange Sie lachen, hören Sie zu und merken sich, was ich Ihnen sage." Christian Klotz, über deutsche Grenzen hinaus bekannter Experte für Stadtmarketing, hat unzählige solcher Sprüche drauf. Kein Problem für den Bad Reichenhaller, auf Unterhaltungsmodus zu schalten. Im Pieper Restaurant spricht er vor 200 Zuhörern über Saarlouis . Kaufleute, Kommunalpolitiker und eine Menge Leute, die gekommen sind, einfach weil sie sich für ihre Stadt interessieren, lassen sich die Leviten lesen.

Denn mit dem Kuschelkurs, als er den Einladenden von IHK, Verband und Stadt Geschenke macht, ist es schnell vorbei. Klotz nimmt uns mit auf Besuch in Saarlouis , wie ihn ein Fremder erlebt. Über Roden fährt er rein und wundert sich: "So eine tolle Stadt und so ein hässliches Entree.

Es wird nicht besser. "Was jedes kleine Dorf in Bayern hat, fehlt bei euch. Touristen wollt ihr nicht, oder?", fragt Klotz. Kein Wegweiser zu seinem Hotel, keine Antwort, als er Passanten fragt. Und die zwei Touristenbüros von Stadt und Kreis fallen brutalst möglich durch: Milchglas-Türen, hinter denen eine telefonierende Mitarbeiterin am Riesenschreibtisch sitzt (Stadt) oder kein Mensch zu finden ist (Kreis) - Klotz ist entsetzt. In Österreich, beschreibt er den Gegenentwurf, steht die Mitarbeiterin im Touristenbüro, bietet etwas zu trinken an und kümmert sich. Dass die paar Schilder, die sich mit Glück finden lassen, braun sind, mutmaßt er als "Überbleibsel von 1945".

Warum gibt es von den Politessen keinen Parkplatzplan an die Windschutzscheibe, statt des Knöllchens? "Wer zehn Euro bezahlt, wechselt zu E-Commerce", warnt Klotz die Stadt. Und zwei Stunden Parkzeit sind ohnehin zu kurz: "Sollen die Kunden nicht eigentlich hier bleiben, statt dass wir sie verscheuchen?" Drei Stunden sind das Minimum, sagt der Oberbayer.

Beim virtuellen Gang durch die Stadt lobt Klotz viele schöne kleine Geschäfte etwa in der Weißkreuzstraße, Kaufhaus Pieper - "das ist etwas, das es eigentlich gar nicht mehr gibt, ich kann Ihnen sagen: Wenn Pieper nicht am Ort wäre, hätte der übrige Ort keine Chance" - und die beiden großen Magneten am Kleinen Markt P & C und C & A. Aber: So gut die riesige Parkfläche am Großen so fatal ist für ihn die Autofreiheit am Kleinen Markt. Nirgendwo funktionieren große Plätze ohne Verkehr, sagt er und empfiehlt: "Entfernt die Poller und Markierungen und lasst die Autos wieder rein." Auch sähe er die Bäume in der Französischen Straße, wo das Niveau der Geschäfte nicht dem der "fantastischen Straße" entspricht, lieber von unten als von oben beleuchtet - "Oder machts Ihr das für die Vögel?"

Fast ein bisschen überraschend, dass er zum Schluss noch einmal "zu Ihrer tollen Stadt" gratuliert. Er wünscht "sakrisch viel Erfolg" beim Umsetzen seiner Anregungen.

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Saarlouiser Kennziffern sind zum Teil "großartig"

Hoher Umsatz auf riesiger Fläche - Zahl der Leerstände dürfte aber zunehmen

Markige Sprüche, Anekdoten und Witz bis zur Ironie sind Kennzeichen von Stadtmarketing-Guru Christian Klotz. Die Basis für seine Vorträge allerdings sind Erfahrungen aus über 1000 Städten, Kenntnisse der aktuelle Entwicklungen und Kennziffern sowie intensive Beschäftigung sowohl mit den örtlichen Gegebenheiten als auch Zahlen.

Letztere sind laut Klotz in Saarlouis zum Teil "großartig". 150 000 Quadratmeter Verkaufsfläche sind fast dreimal so viel als für Städte dieser Größenordnung üblich. 430 Millionen Euro Einzelhandels-Umsatz sind ebenfalls mehr. Beim Umsatz pro Fläche ist der Wert aber nicht gut. Leerstände werden das Kernproblem, weil etwa ein Viertel der bisherigen Flächen zum Beispiel wegen des Internethandels oder auch der bald überflüssigen großen Bankenfilialen nicht mehr benötigt wird.

Ein Einkaufscenter mit Fläche und Angebot wie die Summe von beidem in Saarlouis würde für Marketing etwa zehn Millionen Euro pro Jahr ausgeben, rechnet Klotz vor. Dieses Geld müssten Stadt und Handel auch aufbringen, um sich gegen die Konkurrenz zu behaupten - das wäre mehr als das Zehnfache von heute.

Meinung:

Vier Stunden Parken sofort

Von SZ-Redakteur Mathias Winters

Was haben wir gelacht. Sachliche Information gepaart mit pointierter bis gnadenloser Bewertung: Christian Klotz wurde seinem Ruf gerecht, klare Ansagen zu machen. Wenn dabei manches zur Sprache kam, was wir alle schon immer gewusst oder wenigstens geahnt haben, ist das nicht der Fehler des Mannes aus Bad Reichenhall.

Es zeigt vielmehr, wie zäh das Geschäft ist, Dinge zu ändern - insbesondere, wenn heterogene Haufen wie Handel- und Gewerbetreibende, (Kommunal-)Politiker und Verwaltungsmenschen das machen müssten. Wetten, es passiert wieder mal herzlich wenig?

Klar, eine Einkaufspassage im Erdgeschoss des Rathauses an dieser toten Seite des Großen Markts scheint schwer umsetzbar. Aber diese eine Sache geht und sollte schnellstmöglich eingeführt werden: Drei Stunden Parkzeit auf dem Großen Markt sind das Minimum, hat Klotz empfohlen. Weil die maximal zwei wie jetzt schwerlich zulassen, nach einem Einkauf in Ruhe einen Kaffee zu trinken. Lasst uns sofort noch besser sein: Erlaubte Parkzeit auf dem Großen Markt vier Stunden.