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Autorin Karin Kalisa spricht über ihr Buch "Radio Activity"

Kostenpflichtiger Inhalt: Interview mit Karin Kalisa : „Man denkt zu wenig über Reue nach“

Die Schriftstellerin spricht über Rachephantasien in ihrem Buch „Radio Activity“ und über den Schreibprozess.

Rache, Reue und Vergebung: In „Radio Activity“ von Karin Kalisa geht es um Nora Tewes, die mithilfe des Radios den Mann zur Rechenschaft ziehen will, der einst ihre Mutter sexuell missbraucht hat. Doch schon bald stellt sich für Nora die Frage, ob sie nicht doch zu weit geht. Animiert sie ihre Hörer etwa zu Selbstjustiz? Über ihren Roman und die Ideen dahinter hat die Autorin mit der SZ gesprochen.

Wie viel von der Autorin Karin Kalisa steckt in der Figur Nora Tewes beziehungsweise Holly Gomighty?

KALISA Soviel, wie es brauchte, eine literarische Figur zu erschaffen, die weder ein Abbild meiner selbst noch das Abbild einer anderen Person ist – und auch nicht ein bloßes Sprachrohr für eigene Überzeugungen oder eine Marionette für eigene Handlungsabsichten. Nora Tewes respektive Holly Gomighty führt sozusagen ein ganz eigenes Leben.

In „Radio Activity“ sprechen Sie an einer Stelle explizit von den Rachefantasien der Protagonistin Nora Tewes. Wie ist Ihre eigene Einstellung zum Themenkomplex Rache und Vergebung?

KALISA Das ist in ein paar Sätzen schwierig zu sagen. Dass Rache in der Regel Fortsetzung von Unglück und Unfrieden bedeutet, dass Vergebung geeignet ist, dem Unglück und Unfrieden ein Ende zu setzen, ist in meinen Augen ebenso richtig wie leicht gesagt. Die Frage ist doch, wie können verständliche Rachegelüste in Genugtuung umgewandelt werden, im Sinne von: genug tun, um Verbrechen vor Gericht zu bringen, Täter zur Verantwortung zu ziehen, und dabei zynische Effekte zu vermeiden und präventive zu ermöglichen. Und was Vergebung anbelangt, so gehören in einem basalen Sinne um Vergebung bitten und Vergeben zusammen (wenngleich ein Vergeben auch denkbar und möglich ist, wenn nicht darum gebeten wird). Man denkt in diesem Zusammenhang vielleicht auch noch zu wenig über „Reue“ nach; ein altmodisches Wort, dass man aber versuchen könnte, neu zu bedenken.

Fließen in Ihre Bücher eigene Erfahrungen und Erlebnisse mit ein?

KALISA Wie könnte es anders sein? Aber auch hier gilt, was ich oben schon gesagt habe: Nicht in einem simplen Abbildungsverhältnis, sondern als eine Art Nährboden, aus dem dann Figuren und Konstellationen eigener Art erwachsen.

Welche Autoren oder Autorinnen haben Ihr literarisches Wirken beeinflusst?

KALISA Schwer zu sagen. Ich war von Kindesbeinen an eine vehemente Leserin ganz unterschiedlichster Bücher, Autoren und Autorinnen verschiedenster Länder und Epochen. Sie alle werden Wirkung getan haben. Was ich Ihnen aber sagen kann ist, dass das Denken und Schreiben des Sprachphilosophen Ludwig Wittgenstein für mich von allergrößter Bedeutung war und ist. Weiterhin die Schriften von Paul Ricoeur und Hannah Arendt.

In Ihrem neuen Werk „Radio Activity“ gehen Sie auf die Themen Kindesmissbrauch und Rache ein. Das sind keine einfachen Stoffe. Wie sehr hat Sie die Arbeit am Buch emotional mitgenommen? Hatten Sie während des Schreibprozesses Gelegenheit, zwischendurch einmal abzuschalten?

KALISA Ja, der Schreibprozess, die Recherchen waren hart, und tatsächlich musste ich zwischendurch immer wieder mal rausgehen und durchatmen. Andererseits hat mich die Relevanz dieser Themen, also sowohl die Straftatbestände selbst in ihren sehr weitreichenden Auswirkungen als auch die gesetzlichen Regelungen, die darauf antworten (oder eben nicht darauf antworten), nicht zuletzt die Zumutungen bestimmter sprachlicher Wendungen dazu gebracht, nicht locker zu lassen.