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Aus dem Tagebuch des Eierkartons

Aus dem Tagebuch des Eierkartons

Saarlouis. Das Tagebuch eines Eierkartons könnte den Anfang machen: Der Kleinst-Chip im Karton meldet auf das Handy des Verbrauchers, ob das verbliebene Ei noch genießbar ist. Woher es kommt. Ob die Kühlkette unterbrochen wurde. Kein Ei mehr da? Auf einem Bildschirm am Kühlschrank kann der Verbraucher das Eier-Symbol antippen und in die Einkaufsliste im Handy übertragen

 Das Publikum fragte besonders nach ethischen Aspekten.
Das Publikum fragte besonders nach ethischen Aspekten.

Saarlouis. Das Tagebuch eines Eierkartons könnte den Anfang machen: Der Kleinst-Chip im Karton meldet auf das Handy des Verbrauchers, ob das verbliebene Ei noch genießbar ist. Woher es kommt. Ob die Kühlkette unterbrochen wurde. Kein Ei mehr da? Auf einem Bildschirm am Kühlschrank kann der Verbraucher das Eier-Symbol antippen und in die Einkaufsliste im Handy übertragen. Geht er dann einkaufen, meldet sich das Gerät, wenn er an einem Geschäft mit den gewünschten Eiern vorbei kommt. Ist das ein Kaufhaus, leitet ihn dort ein weiterer Bildschirm am Einkaufswagen zum Regal. Dort sagt ihm ein Chip alles über das Produkt und meldet dem Warenlager den Kauf. Oder auch, dass der Karton in die Hand genommen und zurück gestellt wurde.Das ist ein praktisches Anwendungsbeispiel für das "digitale Produktgedächtnis", das auf künstlicher Intelligenz beruht. Weltweit führend wird sie vom "Deutschen Forschungsinstitut für Künstliche Intelligenz" (DFKI) mit Hauptsitz in Saarbrücken entwickelt. Dessen Leiter, Professor Wolfgang Wahlster, gab am Dienstagabend in Saarlouis vor dem Geschäftskunden-Forum der Bank 1 Saar einen Überblick über den aktuellen Stand. Rund 300 Zuhörer aus dem ganzen Saarland hörten, dass solche Szenarien keine Fantasie sind. Das DFKI erprobt solche Systeme mit großen Firmen, unter anderem aus dem Saarland. So teste Kohlpharma in Merzig mit (essbaren) Mini-Chips in jeder einzelnen Tablette die patientengenaue Portionierung der Pillen. "Eingebettete Computer" heißt die Technologie. Sie kommt ohne Stromzufuhr aus. Dabei kommunizieren Computer untereinander. 2006 sei ein solches Verfahren bei Saarstahl probiert worden. Es habe zu einem Produktionsrekord geführt. Ausgründungen aus dem DFKI haben der Region nach Angaben Wahlsters 1200 Arbeitsplätze im Bereich Künstliche Intelligenz gebracht.Das Publikum interessierte sich in der regen, von SZ-Regionalleiter Mathias Winters geleiteten Diskussion vor allem für ethische Aspekte. Wo bleibe die Privatsphäre, wenn Chips in allen Gegenständen eines Menschen Auskunft über ihn gäben - wie beim Gebrauchtwagen, dessen Minicomputer beim Verkauf zeige, wo er gefahren, wie oft gewartet oder ob er mit zu wenig Öl versorgt gewesen sei? Wahlster: "Berechtigte Frage. Aber wer besseren Service will, muss auch etwas über sich preis geben." Ethische Regeln seien gefordert. Deutschland habe darin einen Vorsprung, ethische Fragen dieser Technologie ernst zu nehmen. Künstliche Intelligenz steuert auch Roboter. Werden sie einst dem Menschen überlegen sein? Wahlster, eins von drei deutschen Mitglieder im Nobelpreis-Komitee: Nein - wenn sie nicht vom Menschen emotional so erzogen werden wie wirkliche Kinder.