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Spiritualität
Applaus ist das neue Amen: Pater Anselm Grün in Lisdorf

Clemens Bittlinger (links), Pater Anselm Grün und die Halleluja-Singers aus Beaumarais im Dialogkonzert am Sonntag in der Lisdorfer Pfarrkirche.
Clemens Bittlinger (links), Pater Anselm Grün und die Halleluja-Singers aus Beaumarais im Dialogkonzert am Sonntag in der Lisdorfer Pfarrkirche. FOTO: Thomas Seeber /
Lisdorf.  Dem Benediktinerpater Anselm Grün als erfolgreichstem katholischen deutschen Prediger strömen die Massen zu. Auch am Sonntag in Lisdorf hätten das mehr sein wollen als die 500, die ein Ticket bekamen. Von Johannes Werres

Dazu wird Liedermacher Clemens Bittlinger das Seine beigetragen haben, evangelischer Pastor und ein Star der Szene des „Neuen geistlichen Liedes“.


Die Kirche war voll wie sonst nur zu Weihnachten, mit dem Unterschied, dass es mucksmäuschenstill war, wenn Pater Anselm Grün sprach. Wer glaubte, er und Bittlinger würden nun – was oft Erfolg verspricht – mit Gitarre, den richtigen Akkorden und schönen Worten das wohlige Mitklatsch-Gefühl bedienen: Der hatte sich geirrt.

Man sah und hörte eine perfekte, professionelle Show. Der Benediktiner sprach nicht viel, immer nur kurz. Er brauchte (mit seltensten Ausnahmen) überhaupt kein Kirchenvokabular. Er schaffte alles im Alltagsdeutsch. Konkret, frei von jeder Anbiederung ans Heute, über „Menschen, die ihre „Unzufriedenheit nach außen pulsieren“, zum Beispiel. Selbst über Engel redet er so. Diese Wesen, deren Botschaft sei, „das Personsein vor Zerstörung zu schützen“.

Anselm Grün blieb immer vor der Grenze zur diskreten psychologischen Lebenshilfe, aber immer war klar, er bezog seine Impulse nicht von Freud, sondern von Christus. Er ist ein christlicher Kirchenmann und versteckt es nicht. Und er blieb immer in sicherer Entfernung zur Gefühlsduselei, er blieb rational – und gerade darin katholisch.

Liedermacher Clemens Bittlinger kommt ohne die Akkorde aus, die das Genre nicht selten einsetzt, um schnell zu Herzen zu gehen. Bittlinger schreibt gute Texte und schützt sich vor falschem Applaus („Applaus ist das moderne Wort für Amen“) mit sicher pointiertem Humor. Es gebe wunderbare alte irische Reisesegen, sagt er augenzwinkernd, wohl an die 1000 in Deutschland. „In Irland sind es fünf.“ Bittlinger öffnet mit seinen Texten Türen. Mit dem Lied etwa über den Spruch über einer Tür (auch irisch): „Hier gibt es keine Fremden, nur Freunde, die wir noch nicht getroffen haben.“



Die Halleluja-Singers aus Beaumarais, unter Leitung von Gabi Belzer, hatten das Konzert organisiert. Sie gaben den Chor und konnten mit dem Niveau der geschliffenen spirituellen Show, einem „Dialogkonzert“, mithalten. Sie vertonten den roten Faden des Abends als Refrain, das alte Abendlied „Herr, kehre ein in dieses Haus und lass deine heiligen Engel hier wohnen. Sie mögen uns behüten, damit wir in Frieden ruhen.“

Das Haus, sagte Pater Anselm, ist das eigene Zuhause, es ist die Welt ebenso wie das eigene Innere. Immer gelte: „Wo viel unter den Teppich gekehrt wird, kann sich kein Gast wohl fühlen. Da ist eben kein Frieden.“ Dieser Frieden mit sich und seinem eigenen Weg, das ist Anselm Grüns Variante der christlichen Botschaft von der Versöhnung.