Amüsant, deutlich und fordernd

Saarlouis. Mehr als 500 geladene Gäste kamen zum Wirtschaftsforum der Kreissparkasse Saarlouis - so viele wie nie zuvor. Schuld an dem riesigen Zuspruch war der derzeit wohl populärste Philosoph Deutschlands, Richard David Precht. Sein Thema: "Die liebe Familie - was davon bleibt, und was sich ändert"

Saarlouis. Mehr als 500 geladene Gäste kamen zum Wirtschaftsforum der Kreissparkasse Saarlouis - so viele wie nie zuvor. Schuld an dem riesigen Zuspruch war der derzeit wohl populärste Philosoph Deutschlands, Richard David Precht. Sein Thema: "Die liebe Familie - was davon bleibt, und was sich ändert". Und dabei präsentierte sich der aus Talk-Shows und Diskussionsrunden bekannte Autor als Mensch, der selbst komplizierteste Sachverhalte verständlich und charmant vermitteln kann.

Liebe ist ein Luxus

Precht spricht, wie er schreibt. Scharfsinnig, amüsant und rhetorisch brillant räumt der Bestsellerautor zunächst einmal mit landläufigen Begriffen von Liebe auf. Arbeitet sich in einer faszinierenden sprachlichen Präzision durch die Entwicklungsgeschichte des Lebewesens Mensch, um zunächst zu dem Schluss zu kommen, "dass Liebe biologisch nicht zu erklären ist". Liebe sei ein "Luxus der Evolution: Sie ist zum Überleben nicht notwendig, bringt aber auch keine Nachteile", lächelt Precht in die Menge.

Ihren Wert gewinne Liebe dort, wo sie zu dauerhaften Bindungen führe: in der Familie, sagt Precht. Sie habe sich von der Zweck- und Wirtschaftsgemeinschaft früherer Jahrhunderte zum sinnstiftenden Element entwickelt. Wobei sich mit der heutigen Gesellschaft ihr Bild wandele: "Familie ist nicht nur Bluts-, sondern immer mehr auch Wahlfamilie, in der wir auch unsere Nicht-Kinder zu unserer Angelegenheit machen."

So wandelt sich die Familie

Auch hier weiß der 47-Jährige, wovon er spricht. Er lebt mit seiner Frau und vier Kindern in einer Patchwork-Familie.

Logisch klar und sympathisch offen lässt Precht seinen politischen Anschlag auf die Zuhörer folgen. Zum zukünftigen Familienbild gehört für ihn die "multilokale Mehrgenerationenfamilie", in die sich ältere Menschen auch von außerhalb mit ihrer freien Zeit einbringen. Etwa als "Patengroßeltern", die in der Nachbarschaft Kindern bei den Schulaufgaben helfen. Prechts Appell: "Helfen Sie mit, den Achmeds und Kevins das Lesen beizubringen." Die künftige Gesellschaft sei auf die Unterstützung der "goldenen Generation" existenziell angewiesen. Der breite Applaus machte Hoffnung.

Den "Angststillstand" vor den zukünftigen Herausforderungen will der Philosoph an weiteren Stellen aufbrechen helfen. So etwa bei der finanziellen Notlage der Kommunen. "Schaffen wir den Bundesrat ab und lassen wir die Landräte und Bürgermeister darüber bestimmen, was mit unserem Geld geschieht."

Auch der deutsche Bildungsföderalismus ist Richard David Precht ein Dorn im Auge: "Wir brauchen ein einheitliches Bildungssystem." Das ist das zentrale Thema seines demnächst erscheinenden neuen Buches, das er gemeinsam mit seinem 18-jährigen Sohn geschrieben hat. fes