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Als der Wiener Kongress trauerte

Als der Wiener Kongress trauerte

Saarlouis. Für Joachim Fontaine ist und bleibt es eine der spannendsten Ausgrabungen aus dem "musikalischen Pompeji" verlorener oder vergessener musikalischer Schätze: Von einem Komponisten namens Neukomm hatte er selbst erst vor wenigen Jahren das erste Mal gehört

Saarlouis. Für Joachim Fontaine ist und bleibt es eine der spannendsten Ausgrabungen aus dem "musikalischen Pompeji" verlorener oder vergessener musikalischer Schätze: Von einem Komponisten namens Neukomm hatte er selbst erst vor wenigen Jahren das erste Mal gehört. Damals kam es zur Kooperation mit Frankreich: Der weltbekannte Jean-Claude Malgoire fragte an, ob Fontaine und seine Kantorei auch für ihn singen würden. Daraus entstand eine CD mit dem ersten Mozart-Requiem, das einen Schlussteil hat, der von Neukomm komponiert worden war, mit hohem Niveau, wie Joachim Fontaine zu berichten weiß. Neukomm habe Mozart nicht nur persönlich gekannt, auch umgekehrt habe Mozart Neukomm sehr geschätzt. Das machte neugierig. In Archiven und Bibliotheken fand Fontaine bald heraus, dass eben dieser Komponist ein ganz besonderes Event gehabt haben müsste, im Januar 1815: Der Wiener Kongress tanzte nicht, er trauerte. Eine Gedenk-Zeremonie für Louis XVI. im Beisein aller Könige, Fürsten und des Zaren vor Russland, ein Requiem, für das Neukomm die Musik schreiben sollte, im Auftrag des Franzosen Talleyrand. Das monumentale Werk, das damals im Andenken an die vermeintlich gute alte Zeit des "Ancien Régime'' entstanden war, führt Fontaine jetzt erstmalig wieder auf, erstmals in alternativer Besetzung. Damals im Stephansdom in Wien sangen hunderte Sänger in zwei Chören, dirigiert von Neukomm und Antonio Salieri, der Komponist sah aber ausdrücklich auch eine kleinere Besetzung für Solisten und Kammerchor vor. Dass Neukomm stolz auf gerade dieses Werk war, zeigt die Widmung auf dem prächtigen Titelblatt: Keinem Geringeren als seinem Lehrer und Freund Joseph Haydn und dessen damals nicht minder berühmten Bruder Michael Haydn habe er es verehrt. Joseph Haydn, der große Jubilar im Jahr 2009, wusste umgekehrt auch um die Qualitäten Neukomms, nicht nur als Komponist, sondern auch als Diplomat, der sogar in den Adelsstand erhoben worden war. Neukomm erbte von Joseph Haydn nach dessen Tod fast sämtliche Partituren. Und Neukomm war es, der durch seinen Ruf als Komponist, durch seinen politischen Einfluss dafür sorgte, dass Haydn nicht in Vergessenheit geriet, sondern in ganz Europa bewundert blieb, ein Vorbild für viele Generationen nach ihm. Die Kantorei Saarlouis wird Sigismund von Neukomms Requiem am Allerheiligenfest, 1. November, aufführen, um 17 Uhr in der Evangelischen Kirche Saarlouis. Mit von der Partie sind renommierte Solisten aus der Welt der historischen Musikpraxis: Die Engländer Alexandra Kidgell (Sopran), Joseph Cornwell (Tenor) und Eamonn Dougan (Bass) werden durch die Französin Sacha Hatala (Alt) verstärkt. Eintrittskarten (15/zehn Euro) gibt es im Vorverkauf auch im Evangelischen Gemeindebüro in Saarlouis, Telefonnummer (06831) 24 70, bei der Saarlouiser Stadt-Info und im Kaufhaus Pieper in Saarlouis (Buchhandlung, Großer Markt).

Zur PersonSigismund Neukomm (1778 - 1858) war ein österreichischer Pianist und Komponist, der unter anderem bei Michael Haydn, dem Bruder von Joseph Haydn, studierte. 1804 bis 1809 war er Kapellmeister im deutschen Theater in Sankt Petersburg. Anschließend wurde Sigismund Neukomm Pianist des französischen Staatsmannes Talleyrand. 1814 führte er während des Wiener Kongresses anlässlich der Feierlichkeiten zu Ehren des 1793 im Zuge der Französischen Revolution hingerichteten Königs Ludwig XVI. das "Requiem c-moll" auf. Dafür wurde ihm das Ritterkreuz der Ehrenlegion verliehen, weshalb er sich von da an "Ritter von Neukomm" nannte. roso