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"Abgeben, genau so fühlt man sich""Es macht ihnen Gewissensqualen"

"Abgeben, genau so fühlt man sich""Es macht ihnen Gewissensqualen"

Saarlouis. Die Demenz ihres Mannes, 81, kam plötzlich: 55 Jahre ist Roswitha Roser mit ihm verheiratet. Seit ein paar Monaten besucht er die Tagespflege der Villa Barbara in Saarlouis. Zuvor war Roswitha Roser mit seiner Pflege ganz allein, sie war fast am Ende

Saarlouis. Die Demenz ihres Mannes, 81, kam plötzlich: 55 Jahre ist Roswitha Roser mit ihm verheiratet. Seit ein paar Monaten besucht er die Tagespflege der Villa Barbara in Saarlouis. Zuvor war Roswitha Roser mit seiner Pflege ganz allein, sie war fast am Ende. Und trotzdem sagt sie jetzt, und hat dabei Tränen in den Augen: "Für mich war das Allerschlimmste, wie ich meinen Mann da vorne habe abgeben müssen. Wie ein kleines Kind, das man abgibt am Kindergarten. Genauso fühlt man sich." Das Schlimmste, bestätigt Josef Bro, der seine demenzkranke Mutter zu Hause pflegt, "ist das Loslassen." Roser: "Ich bin noch nicht fertig damit. Obwohl ich doch weiß, dass es ihm da gut geht."Abgeben müssen, so nennt es auch Josef Bro. "Ich habe im ersten Gespräch in der Villa Barbara gesessen und bittere Tränen geweint. Wie muss sich jemand fühlen, der wie meine Mutter immer in der Familie gelebt hat? Aber jetzt ist niemand mehr da."

Eigentlich geht es doch nur darum, einzelne Pflege-Vorgänge anderen zu übertragen, oder einzelne Tage in der Tagespflege zu verbringen. Aber dafür, sagen alle drei, mussten sie loslassen vom eingebrannten Gefühl, zu Hause alles selbst machen zu wollen. Das ist Loslassen. Und das erlebten sie zunächst als "abgeben".

Das hat alle drei begleitet, auch wenn sie ohne Einschränkung sagen: Unsere Leute werden sehr gut betreut. Bro: "Ich habe da doch überhaupt keine Bedenken."

Einsicht und Wissen setzen sich offenbar nur schwer gegen lange gewachsene Gefühle durch. Das Gefühl: "Man hat ja eine Verpflichtung", sagt Elke Ricken, die seit drei Jahren ihre 90-jährige Mutter pflegt. "Dazu gehört, dass man weiß, dass die alt gewordene Mutter nicht ins Heim will und soll. Dann aber kommt die Demenz, eine Krankheit, die man nicht kennt. Ich fühlte mich verpflichtet, zu Hause alles selbst zu machen, zumal ich einen medizinischen Beruf habe."

Und dann sagt sie einen wichtigen Satz: "Meine Mutter ist nicht mehr die Mama von früher. Sie ist mir fremd, aber sie ist doch keine fremde Person, deswegen ist man immer in Aufruhr."

Bro ergänzt: "Meine Mutter war immer die Person, die alles geregelt hat. Und jetzt soll sich das ändern. Sie war mal so dominant - und jetzt muss ich ihr beim Anziehen helfen. Das ist schwer."

Der innere "Aufruhr" entsteht, weil die Angehörigen eine lange persönliche Bindung an den Kranken haben, zugleich aber niemand 24-Stunden-Tage mit einem Demenzkranken lange durchhält.

Was das heißt, lässt sich von außen nur ahnen. Roswitha Roser: "Mein Mann kennt sich zu Hause gar nicht mehr aus. Er kennt kein einziges Möbelstück. Bitte ich ihn, was aus dem Kühlschrank zu holen, geht er überall hin, nur nicht zum Kühlschrank. Bitte ich ihn, hol mal den Staubsauger, weiß er nicht, was das ist." Und: "Mit ihm gehe ich zu Bekannten - alles kein Problem, er findet sich zurecht, keiner glaubt, dass er demenzkrank ist. Bis er wieder zu Hause ist und nichts mehr kennt. Manchmal stehe ich da und meine, ich hätte ein Brett vorm Kopf."

Elke Ricken berichtet, wie ihre Mutter einmal alle selbst gemalten Bilder aus den Rahmen geschnitten, gesagt habe: Die müssen doch mit. "Immer wieder wollen Demenzkranke von zu Hause weg, aber wohin, das wissen sie nicht." Aus Erfahrung sagt Ricken: "Auf keinen Fall hinter dem Berg halten damit, dass ein Angehöriger dement ist. Die Krankheit ist ja nun wirklich kein Grund, sich zu schämen."

Ständig aufpassen, aufhelfen, begleiten, reden, rund um die Uhr. Das hat Folgen: Elke Ricken hätte sich fast selbst verloren. "Ich habe nicht gemerkt, dass ich immer weiter weggedriftet bin. Man gibt sich auf, ohne dass man es merkt. Wie im Hamsterrad gedreht ohne Anfang und Ende." Erst ihre Tochter habe sie - nach einem halben Jahr im Ausland - wachgerüttelt: Mama, was ist mit dir los? Du kriegst ja nichts mehr auf die Reihe.

Dann suchte sie Rat bei Andreas Sauder im Demenzverein. "Ich habe hier den Kurs für pflegende Angehörige besucht und angefangen zu verstehen, dass Mutters Persönlichkeit nicht mehr wie früher war. Verstehen hieß, Abstand bekommen - was mir aber nicht leicht fiel." Dann aber: "Nach zwei Jahren bin ich endlich mal wieder nach Saarbrücken gefahren, mit meiner Tochter zum Shoppen." Auch Josef Bro half es, in einem Kurs Abstand zu finden - und loszulassen. "Irgendwie entwickelt sich das dann anders. Nachdem es im Kopf verarbeitet wurde."

Roser, Ricken und Bro fragten erst um Rat und informierten sich, lange nachdem sie ihre Angehörigen zu pflegen begonnen hatten. Ricken: "Für mich war das eigentlich schon zu spät. Ich war fertig." Und Bro rät im Rückblick: "Sobald man merkt, dass ein Gedanke kommt, eine Demenzpflege könnte zu einer Belastung werden, sollte man anfangen, sich zu informieren."

Jede Demenz verläuft anders, berichten die Drei, manche sei wechselhaft, einige mehr, andere weniger schwer. Es zählt auch, ob Pflegende die Kinder oder die Ehepartner sind. Ehepartner haben es offenbar besonders schwer. Roswitha Roser nach einigen Monaten, in denen sie lernte, zu ertragen, dass ihr Mann tageweise in die Tagespflege gebracht wird: "Meinen Sie, ich könnte dann still sitzen und ein Buch lesen, abschalten? Ich bringe es nicht fertig, irgendwo hinzugehen. Wir waren doch nie getrennt in den 55 Jahren." Josef Bro: "Haben Sie einen Freundeskreis?" Doch, sagt Roswitha Bro. Aber sie rapple sich halt nicht auf. "Das müssen Sie aber", legt ihr Elke Ricken ans Herz, die längere Erfahrung hat mit dem Loslassen. "Sonst verlieren Sie sich."

Saarlouis. Sorgen um eine Demenzerkrankung Angehöriger machen sich Viele, aber einen Gedanken haben die Wenigsten auf der Rechnung: dass sie bei der Pflege mit ihrem Gewissen in Konflikt kommen könnten: unnötig, aber mit gravierenden Folgen für sich selbst. Vorausgesehen hätten sie das nicht, erzählen Roswitha Roser, Elke Ricken und Josef Bro beim Sommerfest des Demenzvereins Saarlouis. Der Leiter der dortigen Beratungsstelle, Andreas Sauder, weiß, dass ein solcher Konflikt auftaucht, noch bevor es die Angehörigen erkennen können.

Der Konflikt ist einfach: Ehepartner haben sich versprochen, in guten wie in schlechten Tagen füreinander da zu sein. Kinder wollen für ihre alten Eltern sorgen, weil sie selbst von ihnen versorgt worden sind. Und das heißt für viele, sagt Sauder: "Dass sie zu Hause alles für ihren demenzkranken Angehörigen selbst tun wollen. Dritte, etwa einen ambulanten Pflegedienst, mit Tätigkeiten wie zum Beispiel Baden zu beauftragen, erleben sie als unzulässig, es macht ihnen Gewissensqualen." Und was Angehörige anfangs auch nicht auf der Rechnung hätten: "Häusliche Pflege eines Demenzkranken ist ein 36-Stunden-Tag."

Folge: Angehörige lassen sich von ihrem Gewissen überfordern und erschöpfen sich selbst. Was ihnen ebenso schadet wie den Demenzkranken. Darum ist eines der Kernstücke der Beratung in der "Villa Barbara": loslassen lernen.

Loslassen meint nicht, den kranken Angehörigen loszulassen: sondern loszulassen von einem zu starken Pflichtgefühl, das den Menschen krankmachen kann, der doch pflegen will. Niemand, rät Sauder, solle sich dabei beirren lassen von seiner Umgebung. "Man fürchtet ganz vordergründige Vorwürfe", sagt Sauder. "Zum Beispiel, dass jemand doch das Haus erbe und nicht mal bereit sei, Vater oder Mutter zu pflegen." we

Villa Barbara: Telefonnummer (0 68 31) 48 81 80, E-Mail info@demenz-saarlouis.de.

"Ich fühlte mich verpflichtet, alles selbst zu machen."

Elke Ricken