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75 Jahre Befreiung von Auschwitz: Tag der Erinnerung in Saarlouis

Kostenpflichtiger Inhalt: Gedenktag : Ergreifende Erinnerung mit allen Sinnen

Ein Tag der Erinnerung in der Evangelischen Kirche in Saarlouis: Der hat auch viele junge Menschen erreicht – und alle berührt.

Der Opfer des Naziregimes gedachte am Montag der Ökumenische Arbeitskreis Saarlouis zusammen mit Schulen und örtlichen Gruppen. Gedenkort zum 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz war von 9 bis 21 Uhr die Evangelische Kirche Saarlouis.

Den Vormittag hatten Schulen gestaltet. Dabei zeigte das Robert-Schuman-Gymnasium einen Film mit der 1924 in Saarlouis geborenen KZ-Überlebenden Esther Bejarano. Das Stadtgarten-Gymnasium hatte die Namen von 134 ermordeten Saarlouiser Juden auf Zettel notiert. Die wurden in die Öffnungen eines großen Mauerziegels geschoben, der eine Klagemauer symbolisiert.

Eine siebenarmige Menora gehört zu den wichtigsten religiösen Symbolen des Judentums. Foto: Johannes A. Bodwing

Die Namen getöteter Saarlouiser Juden liefen später in einer Dauerschleife über die Leinwand. Darunter war auch eine im Jahr 1934 geborene Karla B. Michel. Außer Name und Geburtsjahr sind keine weiteren Informationen über sie bekannt. Die Martin-Luther-King-Schule zeigte einen Film mit dem inzwischen gestorbenen KZ-Häftling Alex Deutsch. An Stellwänden hatten sie Wünsche heutiger Jugendlicher arrangiert. Ähnliche Wünsche wie die ihrer Alterskollegen vor 75 Jahren, deren Leben jedoch früh in Vernichtungslagern endete.

Ein Album mit Fotos aus dem KZ Auschwitz stellte Rolf Friedsam vor, Pastoralreferent im Dekanat Saarlouis. Diese als Lili-Jacob-Album bezeichnete Sammlung geht zurück auf Bilder, die SS-Angehörige gemacht hatten. Die Aufnahmen entstanden bei Ankunft, Selektion und Ausbeutung ungarischer Juden. Selbst den Gestank könne man auf manchen der Fotos erahnen, fand Friedsam. So am Beispiel eines simplen Eimers in der geöffneten Tür eines Waggons. Vielfach war nur dies als Toilettenersatz für die eingepferchten Menschen möglich, trotz tagelanger Transporte zum Vernichtungslager. Auf einem anderen Foto halten sich Frauen Tücher vor den Mund. Im Hintergrund ist teilweise Rauch von Leichenverbrennungen zu erkennen.

Große Bedeutung haben auch Mandelblüten, die von einer Klasse der Schule in den Fliesen in Papierform an einen Lebensbaum gesteckt wurden. Foto: Johannes A. Bodwing

Pastoralrefent Sven Hogen spielte ein Radiointerview mit Esther Bejarano ab. Darin beschrieb sie unter anderem die Situation als Akkordeonistin in einem kleinen Orchester. „Wir mussten Musik spielen, wenn Transporte ankamen“, sagte sie. Dabei habe sie mit den Tränen gekämpft, während hinter ihnen die SS stand. „Hätten wir nicht gespielt, hätten sie uns abgeknallt.“

Zum Holocaust gehörte die planmäßige Vernichtung von bis zu 6,3 Millionen europäischer Juden durch Nazideutschland. Aber auch Regimekritiker wurden zu Opfern, ebenso wie rassisch minderwertig eingestufte Volksgruppen und behinderte Menschen. Letztere thematisierte Kita-Leiterin Susanne Fritsch mit Briefen von Euthanasieopfern aus Merzig. Zirka 200 000 dieser Menschen wurden ermordet. „Die genau Zahl ist nicht bekannt.“ Auch als „nutzlose Esser“ wurden sie abgestempelt, um ihre Tötung zu legitimieren.

Zu den rund 400 beteiligten Schülerinnen und Schülern gehörten drei der Schule in den Fliesen. Sie trugen zum Klavier eine ansprechende Ballade vor. „Wir haben das selbst geschrieben“, sagte Vanita. Darin geht es um Hoffnung und den Glauben an Gott. „Der Refrain sollte hoffnungsvoll klingen.“ Eine vierköpfige Gruppe dieser Schule trug den Psalm 22 vor. Auch hier spielt die Hoffnung auf Gott eine zentrale Rolle. Bekannt ist im Christentum vor allem der Anfangsvers „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“. Ein Vorschlag der Religionslehrerin war das, sagte Louisa. Im Unterricht werde auch das Judentum behandelt. „Der ganze Kurs ist dafür aufgeschlossen.“ Und anwesend seien sie jetzt nicht auf Order von oben, sondern aus Interesse.

Ein weiterer Programmpunkt war am Nachmittag unter anderem eine Videodokumentation durch Stadtführer Gilbert Jaeck, in der Juden aus dem Saarland erzählten, „wir haben Glück gehabt, sonst wären wir nicht mehr da“. Außerdem Lieder und Texte durch den Chor „Zeitlos“ aus Felsberg zum 1945 im KZ ermordeten Theologen und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer. Der Musiker Herry Schmidt trug Klezmermusik bei und amerikanische Interviews mit KZ-Opfern.

Der evangelische Pfarrer Volker Hassenpflug zeigte den Kurzfilm „Spielzeugland“ mit einer Geschichte über Mut beim Abtransport von Juden. Einen Rückblick auf den Gedenktag hielt zum Abschluss der Arbeitskreis Ökumene Saarlouis. Erinnerung für die Zukunft trugen Waltraud Andruet von Pax Christi und der Künstler Mario Andruet mit Gemälden und Texten bei. „Das ist ein Grauen, das hat keine Worte“, sagte sie. „Wir dürfen aber auch nicht nachlassen, das Gute am Menschen zu sehen.“

„Ziel war es nicht, zu schockieren“, sagte Pfarrer Beckers zur Gedenkveranstaltung. „Die Opfer sollen zu Wort kommen.“ Zur Dimension dieser Vernichtungsindustrie meinte er, man solle sich einmal für jeden der Millionen Toten etwa eine Stunde Gedenkzeit vorstellen. „Das sind dann 570 Jahre, jeden Tag rund um die Uhr.“ Der Aspekt Schuld sei viel komplizierter, sagte Beckers. Denn Rassismus und Judenhass gab es schon im Mittelalter. Aber werde die deutsche Geschichte hochgehalten, dann gehörten dazu auch die weniger guten Seiten. „Wie ein Haus, das man erbt, und das auch dunkle Kammern hat.“