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Saarlouis: Tausende gehen wegen Ford-Entscheidung auf die Straße

Mehr als 2500 Menschen gehen in Saarlouis auf die Straße : Tausende protestieren gegen das Aus von Ford

Nach der Entscheidung gegen Ford Saarlouis versuchen Beschäftigte, Betriebsrat und Gewerkschaft, sich Mut zu machen.

„Danke für nichts“ und „Wortbruch“ steht auf den Plakaten, Dutzende rote Fahnen wehen, der schwarze und rote Nebel ist weithin zu sehen, als der Protestzug sich auf dem Werksgelände in Bewegung setzt. Auf großen Blechtonnen hämmernd sowie mit Sirenen und Trillerpfeifen machen die Ford-Mitarbeiter ihrem Unmut Luft. Doch der größte Teil der Demonstranten zieht schweigend hinterher, die Enttäuschung und Frustration steht in den Gesichtern.

Große Geste am Kreisel auf dem Röderberg: Hier schließen sich etliche Dillinger-Mitarbeiter an und bekunden damit ihre Solidarität. Gut 3500 Leute hätten sie auf die Straße gebracht, sagt Lars Desgranges, Vorsitzender der IG Metall Völklingen, später; nach Schätzung der Polizei war von etwa 2500 die Rede, die über den Röderberg bis zur Brücke an der B 51 ziehen. Der komplette Verkehr ist blockiert.

Kurz nach Bekanntgabe der Entscheidung des Ford-Konzerns, seine neuen Elektroautos künftig im spanischen Werk in Valencia und nicht in Saarlouis bauen zu lassen, herrschte am Mittwochmittag größtenteils Frustration und Resigination unter den 4500 Beschäftigten des Ford-Werkes. Nicht wenige verließen schon kurz nach Beginn der Betriebsversammlung wieder wortlos das Gelände.

„Wir fühlen uns betrogen, belogen und verarscht!“, erklärte der Vorsitzende des Saarlouiser Ford-Betriebsrates, Markus Thal, zum Ende der Demonstration vor den versammelten Arbeitnehmern mitten auf der von der Polizei abgesperrten B 51. „Ich hätte mir nie vorstellen können, dass Ford eine solche Entscheidung trifft“, es sei „eine bewusste Fehlentscheidung“, kritisierte der Betriebsratsvorsitzende, der nach eigenen Angaben schon seit 35 Jahren im Werk tätig sei. Von Seiten der Ford-Geschäftsführung sei man nie auf die Zahlen eingegangen, die eindeutig für den Standort Saarlouis sprechen würden. „Wir werden dieses Ergebnis niemals akzeptieren!“, schrie Thal zeitweise ins Mikro. Und ergänzte: „Die haben uns in den Arsch getreten! Aber das machen wir nicht mit.“ Gegenüber dem Ford-Konzern kündigte Thal einen „heißen Herbst und einen heißen Winter an, nicht nur hier im Saarland“. Dieser Tag sei „ein Schlag für die Region Saar-Lor-Lux“, wetterte Thal, das werde Auswirkungen haben. Nun müsse auch „Europa mal zum Saarland stehen“; aus Brüssel habe man aber nicht mal eine Antwort erhalten.

Von einem „Skandal“ sprach hingegen der Vorsitzende der IG Metall Völklingen, Lars Desgranges. Es habe nie einen Bieterwettkampf gegeben. Alles sei von vornherein auf den Standort im spanischen Valencia zugeschnitten gewesen. In Richtung der Ford-Beschäftigten, denen auch der einsetzende leichte Regen am Ende nichts ausmachte, erklärte er: „Das hier ist keine Beerdigung, das ist eine Kampfansage an Ford!“

Die ganze IG Metall stehe hinter den Beschäftigten, betonte er. Deshalb wurden die Ford-Beschäftigten und Gewerkschafter spontan noch von den Beschäftigten der  Dillinger Hütte und Saarstahl unterstützt und gingen in Saarlouis auf die Straße. Auch zahlreiche Kommunal- und Landespolitiker zeigten sich von der Entscheidung des Ford-Konzerns empört und solidarisierten sich vor Ort mit den Beschäftigten. „Niederschmetternd, und das ist noch gelinde ausgedrückt. Eine Katastrophe für die Stadt, die Region und das Land“, kommentierte Saarlouis’ Oberbürgermeister Peter Demmer, der sich ebenfalls in die Demonstration eingereiht hatte, die Entscheidung. Vielen, vor allem jungen Beschäftigten fehle nun eine Perspektive, und auch der Einzelhandel sowie viele Zulieferer hätten darunter zu leiden. Es sei jetzt noch wichtiger als bisher, neue Arbeitsplätze zu schaffen.

Von einem harten Schlag, auch für die Saarlouiser Nachbargemeinden und viele kleine Zuliefererbetriebe, sprach hingegen Schwalbachs Bürgermeister Hans-Joachim Neumeyer. „Das ist Manchester-Kapitalismus in Reinform“, kritisierte Ensdorfs Verwaltungschef Jörg Wilhelmy. „Die Profitgier der Menschen geht zulasten der Menschen, die nun die Gelackmeierten sind.“ Nach dem Bergbau und dem Kraftwerk treffe es jetzt auch den Automobilbau, die Industrie blute damit weiter aus.

Neben der aus Dillingen kommenden Umwelt- und Justizministerin Petra Berg, die die Entscheidung von Ford als „grobes Foulspiel“ bezeichnete, war ebenfalls der saarländische Innenminister Reinhold Jost vor Ort. „Das ist ein bitterer Tag für die Region und vor allem für die dort arbeitenden Menschen“, bedauerte Jost: Ford habe sich nicht fair verhalten, deswegen dürfe sich aber trotzdem keine Resignation breit machen. Man müsse den Autobauer jetzt bei seiner Ehre und bei seinem Wort packen: „Es darf nicht sein, dass der Konzern jetzt noch mit dem Werk auf dem Röderberg Kasse macht, um andere Standorte am Leben zu halten.“

Und auch die saarländische Ministerpräsidentin Anke Rehlinger  zeigte ihre Solidarität für die Ford-Mitarbeiter und reihte sich ein, um gegen die Entscheidung des US-Konzerns zu demonstrieren. „Unanständig und schäbig“ nannte Rehlinger das Vorgehen während der Abschlusskundgebung. „So geht man nicht mit Beschäftigten um, nicht mit Betriebsräten, nicht mit einer Region und nicht mit uns als Saarländerinnen und Saarländer!“ Ford müsse nun Antworten liefern, wie es in Saarlouis weitergehe.

 Spontane Solidarität: Auch mehrere Mitarbeiter der Dillinger Hütte und von Saarstahl gingen mit den Ford-Mitarbeitern auf die Straße.
Spontane Solidarität: Auch mehrere Mitarbeiter der Dillinger Hütte und von Saarstahl gingen mit den Ford-Mitarbeitern auf die Straße. Foto: Ruppenthal

Abgesichert wurde die Demonstration und Abschlusskundgebung von rund 100 Beamten der saarländischen Polizei. Nach Angaben des Einsatzleiters Martin Walter sei „alles störungsfrei verlaufen“.