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Leben mit Behinderung
„Ein Traum geht für uns in Erfüllung“

Heike Lehnen und Eugen Schnadinger sind seit 12 Jahren ein Paar. Nun wohnen sie auch zusammen.
Heike Lehnen und Eugen Schnadinger sind seit 12 Jahren ein Paar. Nun wohnen sie auch zusammen. FOTO: Thomas Seeber
Rehlingen/Wallerfangen. Die Wohnstätten Rehlingen-Siersburg ermöglichen Menschen mit Behinderung ein selbstständiges Leben – in der eigenen Wohnung. Von Nicole Bastong

„Es war immer mein Traum, mit meiner Freundin zusammenzuleben. Und der ist nun wahr geworden“, bringt es Eugen Schnadinger auf den Punkt. Was für andere selbstverständlich erscheint, ist für ihn und seine Partnerin Heike Lehnen schon etwas ganz Besonderes. Der 59-Jährige Eugen und die 39-Jährige Heike haben sich im Wohnheim für Behinderte in Rehlingen kennengelernt, vor zwölf Jahren. Dass sie einmal in einer Wohnung zu zweit zusammenleben würden, hätten sie lange nicht gedacht.


Möglich machte es das noch recht neue Konzept Selbstbestimmtes Wohnen beim Träger „Wohnstätten Rehlingen-Siersburg“. Zunächst lebte das Paar zwei Jahre lang in einer achtköpfigen WG in Siersburg. Weil sie dabei weitere wichtige Schritte in Richtung Selbständigkeit geschafft haben, wurde ihnen schließlich ermöglicht, zu zweit in eine Wohnung in Wallerfangen zu ziehen. „Mit einer stundenweise Betreuung bewerkstelligen die beiden das ganz toll“, befindet Rosemarie Gruhn, Leiterin des Wohnheims.

Für Heike und Eugen war der Umzug aus dem Wohnheim in die WG der erste Versuch, auf eigenen Beinen zu stehen. Zwei Jahre haben sie in Siersburg mit sechs Mitbewohnern ein Haus geteilt. Feste Pläne und Strukturen regeln dort das Zusammenleben und die häuslichen Pflichten. „Die sind eine eingeschworene Gemeinschaft, ein super Team“, schwärmt Hanna Groh, Leiterin des Bereichs Selbstbestimmtes Wohnen. Sie hat die beiden in vielen Situationen schon begleitet. „Auch wenn es mal Ärger gibt, das kommt auch vor – im Notfall hilft immer einer dem anderen.“



Die zweijährige Probezeit hat das Paar gut überstanden, deshalb wagten Heike und Eugen 2017 den nächsten Schritt: Die erste eigene Wohnung. „Wir haben ja nie alleine gewohnt“, erzählt Heike, „aber wir hatten immer den Wunsch.“ Ein bisschen Freiraum, etwas eigenes haben – wie es sich viele Paare wünschen.

In Wallerfangen fand sich dann eine passende Wohnung, mit viel Unterstützung wählten die Beiden Möbel aus und richteten sich ein. „Am Anfang hatten wir schon Schwierigkeiten, das ist normal“, räumt Eugen ein. Fenster putzen, Essen einkaufen, sauber machen – das alles muss eingeübt werden. Vor allem im hauswirtschaftlichen Bereich war noch Hilfe nötig, berichtet Groh, doch vieles schafften die beiden inzwischen gut allein. Ein bis zwei Mal die Woche schaut nun einer der Betreuer vorbei, helfen bei Finanzen und Freizeitgestaltung.

In der WG hätten sie schon viel gelernt, „doch jetzt noch mehr“, erzählt Eugen stolz, und Heike nickt dazu. „Wir probieren so gut wie möglich, allein zurechtzukommen, ohne jemand anrufen zu müssen. Aber wir brauchen auch einfach jemand, der uns ab und zu unterstützt – es ist auch eine große Verantwortung.“

Für Wohnheimleiterin Gruhn ist ihre Geschichte ein großer Erfolg. „Wir möchten auch Eltern von Kindern mit Behinderung Mut machen“, betont Gruhn. „Wir wollen zeigen, was man alles erreichen kann, wenn man sich kümmert.“ Elternarbeit ist ein wichtiger Baustein, sagt sie: „Es ist für alle Eltern schwierig, die Kinder irgendwann loszulassen. Aber Eltern behinderter Kinder trauen diesen oft zu wenig zu, sie bleiben viel zu lang zu Hause. Umgekehrt müssen sich diese Eltern auch öfter rechtfertigen, dass sie ihre Kinder in die Welt entlassen.“ Möglichst viel Selbständigkeit erreichen, das ist Gruhns Ziel in der Arbeit mit behinderten Menschen. „Nicht jeder ist dazu geschaffen, irgendwann allein zu leben. Aber wir wollen jeden nach seinen Fähigkeiten fördern.“