Wohnstätten Rehlingen bieten WG für Behinderte an

Miteinander leben : Zusammen sind sie weniger allein

Eine fast gewöhnliche WG bilden sieben Männer und Frauen in Rehlingen. Doch die Bewohner haben alle Handicaps.

Die Küche mit dem großen Esstisch ist das Herzstück wie in jeder WG: Hier wird zusammen gekocht, gegessen, geredet und auch mal gefeiert. Die sieben WG-Bewohner gehen tagsüber zur Arbeit, essen abends zusammen oder schauen fern, am Wochenende unternehmen sie auch mal was gemeinsam. Es gibt einen ausgeklügelten Putzplan für alle Bereiche im Haus, inklusive Raucherecke im Hof. Soweit alles normal.

Doch die zwei Frauen und fünf Männer, die in dieser WG leben, haben alle eine geistige Behinderung – für sie ist es alles andere als normal, dass sie eigenständig leben können. Morgens und am Abend bis 21 Uhr sind Betreuer im Haus, die ein Auge darauf haben, dass alles funktioniert, geputzt und eingekauft wird, die mit der WG kochen, Termine beim Arzt, Papierkram oder gemeinsame Aktivitäten organisieren. Nachts gibt es eine Rufbereitschaft, falls einmal ein Problem auftritt.

„Für die, die im rein ambulanten Bereich nicht klar kommen, ist es eine Chance, dennoch selbstbestimmt zu wohnen“, erklärt Hanna Groh, die Fachliche Leitung des Bereichs Selbstbestimmtes Wohnen bei der Wohnstätten Rehlingen-Siersburg GmbH. Das Ziel ist aber auch in der WG: „Dass sich die Bewohner zutrauen, auch irgendwann ganz alleine zu wohnen“, betont Groh.

Zwei Frauen und fünf Männer zwischen 25 und 51 Jahren leben in dem großen Haus in der Wallerfanger Straße, jeder bewohnt ein eigenes Zimmer, Bäder, Ess-Küche und Wohnzimmer sind Gemeinschaftsbereiche; dazu kommen ein kleines Büro im Erdgeschoss für die Mitarbeiter vor Ort und ein großer Garten. Auch der Therapiehund Baghira, der einer Mitarbeiterin gehört, kommt regelmäßig zu Besuch – und ist immer sehr willkommen.

Die 39-jährige Tanja zog als eine der ersten ein und fühlt sich sehr wohl in der WG. „Klar, putzen müssen alle, ein großes Haus ist viel Arbeit“, sagt sie, „ums Einkaufen kümmern sich auch alle.“ Und wie in jeder WG gibt es auch mal Zank, manche verstehen sich sehr gut, mit anderen muss man eben auskommen. Die Verständigung untereinander läuft übrigens, obwohl zwei Mitbewohner taubstumm sind, bestens, bestätigen alle: Nicht alle beherrschen Gebärdensprache, aber auf drei Tafeln im Haus wird das Wichtigste einfach schriftlich ausgetauscht.

Alle Bewohner haben eine primäre kognitive Behinderung, erklärt Groh, dazu kommen zum Teil weitere Beeinträchtigungen. Die meisten der Sieben haben vorher im nahen Wohnheim gelebt, waren aber „zu fit für eine 24-Stunden-Betreuung“, schildert Groh, manche haben es auch im ambulanten Bereich mit nur wenig Betreuung versucht und sich dort nicht wohl oder überfordert gefühlt.

Seit Sommer 2018 gibt es die WG in der Wallerfanger Straße. Diese Art des Zusammenlebens mit fachlicher Unterstützung, das beim Träger „Selbstbestimmtes Wohnen Plus“ heißt, ist im Saarland noch relativ selten, im Kreis Saarlouis einzigartig, sagt sie. „Nach unseren Erfahrungswerten hier stehen wir zu 100 Prozent hinter dem Projekt“, zeigt sich Groh überzeugt. Die Förderung des Sozialministeriums für den Versuch war zunächst auf ein Jahr befristet; Groh ist aber zuversichtlich, dass sie weiter laufen wird.

„Ich würde nicht gern ganz allein wohnen“, sagt Christian, mit 51 Jahren der älteste in der WG, „bei manchen Sachen brauche ich einfach Hilfe. Und hier ist man immer unter Leuten.“

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