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Theaterprobe
Wenn Leichen unter den Teppich fallen

Akteure und Helfer der Theaterfreunde Oberesch: Ein bisschen verrückt ist völlig normal in der offenen Wohngruppe der Oberescher Psychiatrie.
Akteure und Helfer der Theaterfreunde Oberesch: Ein bisschen verrückt ist völlig normal in der offenen Wohngruppe der Oberescher Psychiatrie. FOTO: Johannes A. Bodwing
Oberesch. Die Theaterfreunde Oberesch bringen die Komödie „Neurosige Zeiten“ auf die Bühne.

Oh Gott, Mutter kommt zu Besuch. Aber Agnes Adolon steht nicht etwa vor dem Problem einer chaotischen Wohnung, sie ist wegen Sexsucht in der offenen Wohngemeinschaft der Klapsmühle Oberesch. Auch ihre Mitbewohner kämpfen mit Ticks und Macken. Da wäre der penible Finanzbeamte Hans (Albert Wender) mit norddeutschem Dialekt. Bei ihm besteht selbst Staubsaugen aus wohl überlegten Abläufen. Oder die Stalkerin Marianne (Jenny Lauer), die sich seit 15 Jahren mit Schlagerstar Hardy Hammer (Thorsten Leser) innig verbunden fühlt. Das Theaterstück „Neurosige Zeiten“ der in Mainz lebenden Autorin Winnie Abel treibt die etwas spinnerten Akteure durch eine temporeiche Handlung. Dabei verschwindet eine vermeintliche Leiche unter dem Teppich, und wer nicht aufpasst, kommt in die Zwangsjacke. „Das war wieder innerhalb kurzer Zeit ausverkauft“, sagte Michael Engel, Ortsvorsteher von Oberesch und als menschenscheuer stotternder Willi auf der Theaterbühne. Kommen fremde Leute ins Spiel, verschwindet er auch mal unter dem Lampenschirm.


„Beim Achtzigjährigen der freiwillige Feuerwehr wurden drei Theaterstücke aufgeführt“, sagte Albert Kerber zu den Anfängen der „Theaterfreunde Oberesch“. Das war 2004, und gut 450 Leute seien begeistert gewesen. 2006 und 2007 folgten kleinere Stücke, „seit 2008 führen wir Dreiakter auf, und seit 2010 spielen wir das in Platt“. Vier Vorstellungen gibt es nun wieder, je zwei an den folgenden Wochenenden. Aber dafür wird keine Reklame gemacht und kein Plakat aufgehängt. Denn die Karten gehen weg wie Sahneschnittchen, machte Engel deutlich. Knapp 500 Karten sind es in dem Ort, der rund 320 Einwohner hat. „Die Besucher kommen von Rehlingen, Lisdorf und darüber hinaus“, lautete die Erklärung.

„Komm Hans, mir zwo sollten hier off gar känen Fall was anbrennen lossen“, lockt Agnes (Melanie Engel) verführerisch auf der Bühne. Was dort geschieht, ist hinter den Kulissen auf Monitoren zu sehen. Dadurch brauche es keine Stichworte für die nächsten Auftritte, erläuterte Engel. Elf Rollen hat das Stück, das zehn Akteuren mit ansteckender Laune nahezu zwei Stunden auf Touren halten. Dazu probten sie auf der Bühne des Dorfgemeinschaftshauses, bis Teetassen und Vasen zu Bruch gingen.

(az)