Gastschüler : Wie Camila nach Niedaltdorf kam

Die SZ begleitet drei Gastschüler aus Ecuador, Mexiko und Japan, die ein Jahr lang bei Familien im Kreis Saarlouis wohnen.

In der Küche der Familie Ellersdorfer prangen überall gelbe Klebezettel: „Spülmaschine“ steht darauf, „Kühlschrank“ oder „Tür, eine“. Hier wohnen aber nicht etwa Demenzkranke, sondern die Hinweise helfen der 18-jährigen Camila, Gastschülerin der Familie, beim Deutschlernen. Die Ecuadorianerin wohnt seit August bei der Niedaltdorfer Familie, um ein Jahr lang die deutsche Kultur und Sprache kennenzulernen. Dabei fing sie bei null an: In einem dreiwöchigen Sprachkurs, den ihre Austauschorganisation Youth for understanding (YFU) anbot, lernte sie im August mit 32 anderen Gastschülern aus aller Welt die ersten deutschen Wörter. Sie und zwei andere Jugendliche aus Mexiko und Japan besuchen während ihres Gastjahres im Saarland das Technisch-Wissenschaftliche Gymnasium (TWG) in Dillingen (die SZ berichtete).

Auch nach einigen Wochen ist für Camila Alejandra Salazar Nunez noch vieles fremd. „Es ist eine andere Mentalität hier“, hat die Südamerikanerin festgestellt, „die Deutschen sind verschlossen, distanziert. Aber freundlich!“ Mit der Sprache hat sie noch ihre Schwierigkeiten, besonders mit dem Dialekt. „In der Schule kann ich nicht immer alles verstehen“, räumt sie ein. Sie besucht gemeinsam mit den anderen beiden Gastschülern einen Deutschkurs für Flüchtlinge am TWG. Dass ihre Gastmutter selbst Spanisch spricht, hat Camila den Start erleichtert.

Ihre Gasteltern Manuela und Ralf Ellersdorfer haben die Südamerikanerin wärmstens empfangen. Die beiden sind inzwischen erfahrene Gasteltern, vier Jugendliche aus Japan, Ecuador, Thailand und Chile hatten sie schon jeweils für ein Jahr zu Gast. Auf die Austauschorganisation YFU kamen sie durch ihre eigene Tochter, die mit 15 nach Japan wollte, berichtet Mutter Manuela: „Da dachten wir, wir holen lieber erst jemanden hierher, um uns das anzusehen.“ Und die Familie fand Gefallen daran, junge Leute aus aller Welt kennenzulernen. „Das Haus lebt!“, schildert Manuela Ellersdorfer begeistert, „durch die Jugendlichen erfährt man viel über die Welt, über andere Länder und Kulturen. Das ganze Denken verändert sich.“ Das bekräftigt auch ihr Mann Ralf: „Wir waren früher schon weltoffen. Aber unsere Erfahrungen machen uns immer toleranter.“ Und Manuela Ellersdorfer hat andere Familien mit ihrer Begeisterung angesteckt: „Neun Gastfamilien sind inzwischen in unserer Gemeinde gemeldet“, berichtet sie stolz. Ihre Tochter war übrigens doch nie selbst im Auslandsjahr: „Wir haben ja die Welt hierher geholt“, lacht die Mutter.

Die internationalen Gäste sind der Familie immer ans Herz gewachsen: „Beim Abschied am Flughafen gibt es jedes Mal Tränen“, seufzt die Gastmutter. „Wer zu uns kommt, gehört auch zu uns.“ Zum Beweis reihen sich im Esszimmer die Fotos der ehemaligen „Gast-Kinder“ aneinander. Zur Familie gehören noch der 23-jährige Sohn und die 20-jährige Tochter der Ellersdorfers sowie zwei Katzen und zwei Ziegen. Das Zusammenleben sei natürlich nicht immer einfach, schildert die Gastmutter: „Es gibt eine Sprachbarriere, dadurch manchmal Missverständnisse. Je nach Herkunftsland gibt es große kulturelle Unterschiede.“

Nur das Essen sei kein Problem, sagt sie: Sie koche ohnehin international. So macht auch Camila kulinarische Entdeckungen: So hat sie zum ersten Mal Sauerkraut probiert. Manches Obst aus ihrer Heimat vermisst sie dagegen, Granadillas zum Beispiel oder Baumtomaten.

„Zum ersten Mal habe ich Nebel gesehen“, erzählt Camila außerdem. Winter gibt es in ihrer Heimat nicht: „In Ecuador ist es im Winter zehn Grad warm und es regnet viel“, schmunzelt sie. „Ecuador ist ein Land mit krassen Gegensätzen, mit einer wunderschönen Landschaft“, schwärmt Ralf Ellersdorfer. Die Gasteltern haben das Land selbst bereist – und eine ehemalige Gastschülerin besucht.

In Ecuador lebt Camila mit ihren Eltern und dem siebenjährigen Bruder in der Hauptstadt Quito, nun hat es sie in die tiefe saarländische Provinz verschlagen. Mit ihrer Familie hält sie Kontakt über Skype, besonders den Bruder vermisst sie, erzählt sie. Die Südamerikanerin hat aber durch ihre offene Art schon Anschluss gefunden. „Gerade auf dem Dorf ist die Integration viel einfacher“, weiß Gastvater Ralf, „hier ist es leichter, Kontakte zu knüpfen als in einer anonymen Stadt.“ Gastmutter Manuela ist aktiv bei den Landfrauen und auch im Karneval und hat Camila gleich eingebunden. Bei den Altrowwer Narren tanzt die Ecuadorianerin in dieser Saison mit: „Das macht wirklich Spaß!“, sagt sie.