Mit Geschichten gegen Rechts

Rehlingen-Siersburg. "Alles, was anders war, sollte raus oder ins Gas." Das stellt der Schauspieler mit Schiebermütze und Hosenträgern auf der Bühne gleich am Anfang klar. Seien es der behinderte Herrmann, der Jude Josef Alexander oder der Kommunist Wolf

Rehlingen-Siersburg. "Alles, was anders war, sollte raus oder ins Gas." Das stellt der Schauspieler mit Schiebermütze und Hosenträgern auf der Bühne gleich am Anfang klar. Seien es der behinderte Herrmann, der Jude Josef Alexander oder der Kommunist Wolf. Schauspieler Ralf Lambrecht zeigt seinen jungen Zuschauern Schicksale realer Personen aus der Gemeinde Rehlingen-Siersburg während der NS-Zeit. Angst, dabei zu provozieren oder zu schocken, hat er nicht."Eine Feuerwehrkappe von damals, da klebt noch Nazischweiß dran. Willste mal aufsetzen?", fragt er in die erste Reihe. "Ne? Würd' ich auch nich', manche Sachen von damals sind gefährlich, und wenn es nur Opas Orden sind." Lambrecht will über die Figuren nicht nur Betroffenheit erreichen, sondern rechtsradikale Diskurse mit den typischen Merkmalen aufzeigen und als nicht haltbar entlarven.

"Das Stück war spannend, ich hatte nicht gedacht, dass es damals so schlimm war", sagt Maike Schulien nach der Aufführung. Bei der 16-Jährigen kam gut an, dass lokale Geschichten verarbeitet wurden: "Das fand ich gut, weil man sieht, dass man hier auch betroffen war." Der Schauspieler zeigt Lebensläufe jenseits historischer Daten, die Schüler aus dem Geschichtsunterricht kennen. "Ich will vermitteln, wie es war, unter einer Diktatur zu leben", erklärt Lambrecht vom Theater Traumbaum/Freier Vogel aus Bochum.

Die 15 Rollen spielt er dabei alle selbst. Sein Stück passt er immer an die Geschichte der Gemeinden an, in denen er auftritt. Bis Donnerstag, 18. Oktober, spielt er morgens wochentäglich an verschiedenen Schulen im Landkreis. Eingeladen hat ihn Dieter Held vom Kreisjugendamt. Seit 1995 organisiert das Kreisjugendamt jährlich eine Theaterreihe für Jugendliche zu sozialen Themen.

Landrat Patrik Lauer eröffnete die diesjährige Theaterreihe am Montag vor Realschülern der Lothar-Kahn-Schule in der Rehlinger Kultur- und Sporthalle. Das Stück habe, auch wenn die NS-Zeit zurückliegt, Aktualität. Der Landrat ermutigt die Jugendlichen: "Plappert nicht nach, was in Medien erscheint, oder was euch Erwachsene erzählen, macht euch selbst Gedanken, bevor ihr eine Meinung äußert."

Nach der Aufführung fragt Lambrecht in die Schülerrunde, wann man deutsch ist. Von Herkunft als Antwort will er nichts wissen. Ihm geht es um Pass und Staatsbürgerschaft. "Dann gilt für euch das Grundgesetz, das heißt auch, dass ihr als Deutsche dafür sorgt, dass niemand wegen Religion, Aussehen oder Herkunft angemacht wird." Jana Thiel, 16, findet diese Botschaft gut: "Dann wissen auch die vielen Ausländer an unserer Schule, dass sie dazugehören."

Interessenten können sich an das Kreisjugendamt in Saarlouis, Dieter Held, Tel. (0 68 31) 44 42 06 wenden und zu den Aufführungen kommen. Der Eintritt beträgt zwei Euro.

Meinung

Stoff für hellhörige Ohren

Von SZ-RedakteurinSophia Schülke

Jahreszahlen pauken, Fotos anschauen und alte Dokumente studieren allein können es nicht bringen. Es braucht Schicksale, Tragik und Wut in Menschengestalt, um die unfassbaren und verachtenswerten Gräueltaten der NS-Zeit greifbar zu machen. Ein Mann in 15 Gestalten warnt vor scheinbar einfachen Lösungen, vor beliebigen Argumentationen und unfasslichen Behauptungen. Das macht er an realen Personen der damaligen Zeit fest. Damit zeigt er Schülern: Mitläufer, Schlächter oder Opfer gab es auch in ihrem Dorf. Ohne Moralkeule, dafür mit aktuellen Beispielen, gibt er ihnen eindringliche Sätze mit. Sätze, welche die Ohren hellhöriger machen, wenn rechtsradikales Gedankengut aufkreuzt.