Medizin für Hemmersdorf

Der alte Apotheker schloss hinter sich ab, als er in den Ruhestand ging. Nun hatte auch Hemmersdorf keine Apotheke mehr. Schicksal kleiner Orte. Was weg ist, ist weg. Diesmal nicht: Morgen ist Eröffnungsfeier der neuen Apotheke.

Was zu ist, ist zu, das wissen sie auch in Hemmersdorf . Das kommt nicht wieder, sagen Ortsvorsteher Dietmar Zenner von der SPD und die örtliche CDU-Vorsitzende Bernadette Pink. Und doch haben sie diesem Gesetz der Ausdünnung ländlicher Versorgung ein Schnippchen geschlagen. Nach 30 Jahren hatte sich der einzige Apotheker in Hemmersdorf im Oktober in den Ruhestand verabschiedet. Seine Apotheke hatte er abgemeldet. Das Ladenlokal war leer. Monika Colbus, der das Haus gehört, suchte sofort einen Nachmieter. Am besten wieder eine Apotheke. Das fanden Leute wie Ortsvorsteher Zenner, Pink und andere auch. "Echte Teamarbeit" sagt Colbus, habe zum Erfolg geführt. Der hat den Namen Massoud Afrouzeh, ist 61 Jahre alt und führte 14 Jahre lang eine Apotheke im badischen Lörrach .

Zenner hatte bei Apotheken der Region herumgefragt, ob Interesse bestehe. Auch bei der Apotheken-Kammer. "Für mehr als eine Art Auslieferungslager bestand aber kein Interesse." Colbus inserierte im Apotheker-Blatt. Das las im fernen Lörrach Massoud Afrouzeh. Man telefonierte und war sich schnell einig.

Massoud Afrouzeh kannte in Hemmersdorf mit seinen 2500 Einwohnern natürlich niemanden. "Dafür waren wir da", berichten Colbus, Zenner, Pink und Albert Metzdorf. Um zum Beispiel rasch Handwerker zu organisieren. Das war besonders deswegen nötig, weil die alte Apotheke abgemeldet worden war. Afrouzeh musste eine neue anmelden und gemäß der neuen Apothekenbetriebsordnung einrichten.

Ein anderes Beispiel für die Teamarbeit: Die Ordnung verlangt einen barrierefreien Zugang. Technisch hier kaum machbar. Denn die Rampe für die drei Stufen würde den Kellereingang versperren. Ausgerechnet Albert Metzinger, Behindertenbeauftragter in Rehlingen-Siersburg, Sprecher der kommunalen Behindertenbeauftragten im Saarland und sonst Verfechter der Vorschrift für den barrierefreien Zugang, ebnete den Weg für eine Ausnahme. "Hier ist die Alternative drei Stufen und eine Klingel - oder gar keine Apotheke."

So kam Massoud Afrouzeh nach Hemmersdorf in die Nied-Apotheke. Seit 1979 lebt er in Deutschland, er kommt aus dem kurdischen Teil des Iran. Pharmazie "habe ich in Marburg studiert". Ins Saarland, weil? Er hat die Antwort gleich parat: "Ich habe alle Bundesländer kennengelernt. Das einzige Bundesland, das ich nicht kannte, war das Saarland", erklärt er verschmitzt.

In schnellen kleinen Schritten bekam Hemmersdorf seine Apotheke wieder. "Wenn man sofort in vorauseilendem Gehorsam sagt, es geht nicht, dann kommt es auch genau so", sagt Pink. "Man muss was tun, keine Zeit vergehen lassen und auch mal ,hier' schreien."

Am morgigen Samstag lädt die Nied-Apotheke zum Eröffnungsfest ein: 10 bis 16 Uhr. Geöffnet täglich von 8.30 Uhr bis 12.30 Uhr; 14.30 Uhr bis 18.30 Uhr; samstags bis 12.30 Uhr.

Meinung:

Beharrlich, vereint

Von SZ-RedakteurJohannes Werres

Man kann lernen aus der erfolgreichen Mini-Ansiedlungspolitik in Hemmersdorf . Wer sagt, es ist schon alles gelaufen, der ebnet dem Ausbluten der Dörfer im vorauseilenden Gehorsam die Bahn. Man muss es versuchen, unkonventionell, beharrlich, vereint. Das setzt aufgeschlossene Menschen voraus, die das Leben in ihren Orten mögen, und die neue Leute im Dorf wirklich willkommen heißen. Nachhaltig.

Aber selbst Hemmersdorf übt das noch. Davon zeugt der beim Apotheken-Besuch häufig gehörte - überall anderswo denkbare - stolze Satz: "Teamarbeit, und zwar über die Parteigrenzen hinweg." Über die Parteigrenzen? Das dürfte in dieser Überlebensfrage keine Erwähnung wert sein, oder?

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