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Abschied aus dem Amt
„Festakt mit Promis und Gedöns, das wollte ich nie“

Dankeschönfest des Bürgermeisters a. D. Martin Silvanus (links). Ortsvorsteher Reinhold Jost übergibt Ehefrau Conny Silvanus (Mitte) Blumen.
Dankeschönfest des Bürgermeisters a. D. Martin Silvanus (links). Ortsvorsteher Reinhold Jost übergibt Ehefrau Conny Silvanus (Mitte) Blumen. FOTO: Ruppenthal
Martin Silvanus geht nach 27 Jahren als Bürgermeister vorzeitig in Ruhestand. Im Interview blickt er zurück – und nach vorne. Von Nicole Bastong

Ihr Fest war ein großer Erfolg, viele Bürger haben die Chance genutzt, sich noch persönlich von Ihnen zu verabschieden. Wie haben Sie die Stimmung erlebt?


Martin Silvanus Es war traumhaft, wie ich es mir gewünscht hatte. Ein tolles Fest. Das Programm war ein Herzenswunsch von mir, mit dem Konzert und zwei kleinen, intensiven Gedenkfeiern, das war sehr ergreifend. Ich fand es beeindruckend, dass dazu alle Musikvereine der Gemeinde aufgespielt haben, so etwas gab es noch nie (lacht).

Ein Festakt mit Promis und Gedöns, das wollte ich nie. Ich habe gleich gesagt: Ich möchte mich so verabschieden, wie es mir am nächsten kommt. Und mit der Zeit ist die Idee gereift: Es soll ein Fest geben, zu dem niemand speziell eingeladen wird, sondern alle. Und es sollte in Itzbach sein, wo ich aufgewachsen bin, verwurzelt.



Es war rundum sehr schön, bewegend. Manches Mal habe ich mit den Tränen gekämpft. Ich habe in drei, vier Stunden bestimmt 1000 Hände geschüttelt, leider viel zu wenig Zeit gehabt für lange Gespräche. Aber ich hatte am Ende das Gefühl: So ist es eine runde Sache, es ist jetzt abgeschlossen.

Gehen wir mal lange Zeit zurück: Können Sie sich an ihren ersten Tag im Amt noch erinnern?

Silvanus Oh ja. Ich war ziemlich aufgeregt, obwohl ich ja alle schon kannte. Ich war schon zehn Jahre Fraktionsvorsitzender.

Was haben Sie sich damals vorgenommen?

Silvanus Ganz genau weiß ich das nicht mehr. Ich weiß aber noch, dass ich unter dem Eindruck der Ministerial-Bürokratie stand, ich hatte vorher drei Jahre im Ministerium gearbeitet. Mir war klar, dass es immer einen direkten Zugang zu mir geben sollte. Und das habe ich beherzigt bis zum Schluss.

Hätten Sie gedacht, dass Sie so lange im Amt bleiben?

Silvanus Da gab es keine Planung. Auf dem Absprung war ich mit Sicherheit nicht. Ich weiß, dass es Leute gab, die sich sicher waren: Der Silvanus ist bald wieder weg. Es ist kein Geheimnis, ich war zwei Mal im Gespräch als Landratskandidat. Aber ich wollte das nicht. Ich hatte das Votum meiner Bürger, hier gehörte ich hin. Aber dass es 27 Jahre werden, hätte ich nicht gedacht. Sie sind vorbeigeflogen.

Auf viele Erfolge können Sie zurückblicken. Was hätten Sie trotzdem gerne noch erreicht?

Silvanus Das ein oder andere ist mir nicht gelungen, aber diese Themen hätte ich auch in einem weiteren Jahr nicht mehr realisieren können. Ich war sehr froh, dass wir gerade in den letzten beiden Jahren noch Themen entwickelt haben, die mir wichtig waren. Ich habe die Schlagzahl erhöht, weil ich gemerkt habe, die Zeit läuft mir davon. Dass ich den Druck erhöht habe, hat mir aber gesundheitlich nicht gut getan. Am Ende haben sich zwei Gedankenstränge überschnitten: Das war gut so! Und: Ich pack das nicht mehr. So kam es zur Entscheidung.

Können Sie ein paar dieser Themen nennen?

Silvanus Der soziale Wohnungsbau. Dass wir die gebundene Ganztagsschule realisieren konnten, das hat mich riesig gefreut. Dass wir zwei Kindergärten großzügig erweitern konnten. Wir konnten den Seniorenbeirat und den Nothilfefond noch anschieben. Ich hätte mich gerne noch eingebracht bei der Erweiterung der Kita St. Martin, auch wenn die Gemeinde dort nicht Bauträger ist.

Was haben Sie nicht geschafft in Ihrer Zeit?

Silvanus Was mich zutiefst ärgert: Die Badewasserqualität der Nied. Das hat mich gewurmt. Und dass ich es nicht erreicht habe, dass es einen regelmäßigen Bahnverkehr nach Bouzonville gibt. Das sind meine zwei Dauerbrenner, die haben mich viel beschäftigt.

Über ein Vierteljahrhundert haben Sie in Ihrer Gemeinde die Entwicklung im ländlichen Raum begleitet. Was hat sich verändert?

Silvanus Als Gemeinde Rehlingen-Siersburg haben wir einen gewissen Vorteil, der sich aus der Lage ergibt. Die ist auch mit Fachbegriffen belegt: Rehlingen, Siersburg und Fremersdorf gelten als „Randzone des Verdichtungsraum“, der Rest ist „ländlicher Raum“. Das sagt uns: Wir haben einerseits einen begehrten Naturraum, andererseits sind wir dicht an den Zentren. Wir sind erreichbar, und das ist ein enormer Vorteil. Wir haben gelernt, dass wir dadurch eine beliebte Wohngemeinde geworden sind. Zum einen für die eigene Bevölkerung, hier will kaum jemand weg. Zum anderen für andere von außen: Man möchte gern hier wohnen.

Das spiegelt sich auch in den unerwartet vielen Zuzügen in den vergangenen Jahren, die nicht nur auf Flüchtlinge zurückzuführen sind.

Silvanus Ja. Wir haben natürlich auch Einbußen erlitten. Aber wir haben in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder neue Neubaugebiete ausgewiesen, wir haben über 400 neue Bauplätze erschlossen.

Ist kein Ortsteil geschrumpft?

Silvanus Keiner ist überproportional geschrumpft. Interessanterweise sind gerade abgelegene Ort wie Biringen oder Oberesch gefragt. Obwohl es dort keine Kita gibt, keine Schule, kein Geschäft. Aber die Interessenten sagen: Die Lage gleicht das aus.

Es gibt auch bisher in keinem Ort Überlegungen, die Löschbezirke zusammenzulegen. Die können das alle noch leisten – man muss ihnen dann aber auch was geben.

Gerade in den kleinen Ortsteilen gibt es lebendige Gemeinschaften. Kann man denn das Miteinander als Gemeinde steuern?

Silvanus Man kann anregen, man kann einen Prozess, wie er etwa in Gerlfangen mit dem Dorfhaus gelaufen ist, förderlich begleiten. Man darf nicht den Fehler einleiten, die vorhandene Infrastruktur noch durch Sparen zu zerschlagen, dann kann man den Ort gleich zumachen. Man kann Impulse geben in den Ortsteilen, sich zu entwickeln. Wenn man dazu das Glück hat, dass man junge Ortsvorsteher hat, wie in Biringen und Oberesch, die das verstehen, dann geht das auch; man muss die dann mit kleinen Budgets versehen, dass die etwas machen können vor Ort.

Welchen Rat geben Sie Ihrem Nachfolger mit auf den Weg?

Silvanus Mit Ratschlägen halte ich mich gerne zurück. Ich selbst bin gut gefahren mit einem kollegialen Führungsstil, das würden wohl auch meine Mitarbeiter unterschreiben. Manchmal hätte ich vielleicht etwas härter sein sollen. Aber das ist mein Stil, den kann man nicht kopieren.

Empfehlen würde ich aber: Ein offenes Verhältnis zur Bevölkerung. Bei dem, was die Bürger vortragen, nicht zu denken: Wie wimmel ich den ab? Sondern sich in seine Sicht hineinversetzen. Und schließlich: Sich selber nicht so wichtig nehmen.

Gibt es etwas, dass Sie sicher nicht vermissen werden?

Silvanus Nein. Klar, am Wochenende nicht mehr sechs oder sieben Termine haben. Manche rein repräsentative Termine auf Landesebene hab ich persönlich auch nicht gebraucht.

Sie haben angekündigt, sich im Ruhestand erstmal „neu zu sortieren“. Was machen Sie nun mit Ihrer vielen Zeit?

Silvanus Damit bin ich noch nicht fertig, mit dem Sortieren. Ich war ja auch noch ein bisschen drin in der Arbeit, bei Sitzungen als Berater dabei, bei der Organisation der Wandermesse, da ich auch Vorsitzender des Saarwald-Vereins bin. Aber ich bin jetzt seltener im Rathaus. Was ich wirklich vermisse, sind meine Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen.

Ansonsten: Mein Garten. Wandern. Ich biete jetzt selbst Wanderungen an, in Lothringen und im Elsass. Dann gibt es ehrenamtliche Tätigkeiten, zum Beispiel bei der Mobilen Tafel. Ich überlege, eine Bürgerwerkstatt zu gründen. Im kirchlichen Bereich würde ich mich gerne bei der Pflege des Pfarrgartens einbringen. Und dann habe ich noch einen alten Traum, wenn das denn noch zu verwirklichen wäre: Noch einmal studieren.

Das Interview führte Nicole
Bastong.

Nach der Wahl 2000 jubelte Martin Silvanus als alter und neuer Bürgermeister von Rehlingen-Siersburg. Rechts von ihm applaudieren (v.l.) Reinhold Jost, Leo Petry und Heiko Maas.
Nach der Wahl 2000 jubelte Martin Silvanus als alter und neuer Bürgermeister von Rehlingen-Siersburg. Rechts von ihm applaudieren (v.l.) Reinhold Jost, Leo Petry und Heiko Maas. FOTO: engel & seeber / Engel & Seeber