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Rehlingen-Siersburg
Mobilfunklöcher werden zur Lebensbedrohung

In Gerlfangen gibt es schlechten Empfang. Die Bürger sind darüber zunehmend verärgert.
In Gerlfangen gibt es schlechten Empfang. Die Bürger sind darüber zunehmend verärgert. FOTO: www.luftbilder-saarpfalz.de
Gerlfangen. Die Digitalisierung ist in aller Munde, doch in der Grenzregion sind Funklöcher immer noch ein großes Problem. In Gerlfangen ging es kürzlich sogar um Leben und Tod.

Mit dem Handy zu telefonieren ist in der Grenzregion seit Jahren ein großes Problem, auch in einigen Ortsteilen der Gemeinde Rehlingen-Siersburg. Der Grund sind Mobilfunklöcher. Wie es ist, wenn man einen Notfall hat und nicht sofort Hilfe rufen kann, hat Marita Hilt aus Gerlfangen erlebt. Es ging um Leben und Tod.


Der Mann der 64-Jährigen ist schwerkrank. Sie pflegt ihn seit 38 Jahren. Vor kurzem kam es zu einer lebensbedrohlichen Situation. Er war plötzlich nicht mehr ansprechbar. Sie musste den Notruf wählen. Doch per Festnetz ging das nicht, denn in dieser Zeit hatte Stromversorger Energis aufgrund von Wartungsarbeiten den Strom abgestellt. Weder Hausarzt noch Notrufdienst konnte Hilt erreichen.

So musste sie ihren Mann kurzzeitig zu Hause alleine lassen und – wie sie es nennt – „im Dorf herumirren“, bis sie endlich jemanden fand, der mit seinem Mobiltelefon mehr schlecht als recht telefonieren und den Notarzt verständigen konnte.



Zu diesem Problem kam es nicht das erste Mal. Im September vergangenen Jahres war das Ehepaar in einer ähnlichen Situation, damals aufgrund eines Ausfalls beim Telekommunikationsanbieter Inexio. Auch damals musste Marita Hilt auf die Straße eilen und einen Nachbarn mit Mobiltelefon suchen – einen mit Empfang.

Sie ärgert sich sehr, dass ihr Ort so schlecht angebunden ist: „Wir leben im 21. Jahrhundert und haben hier nach wie vor keinen Empfang – das kann nicht sein!“ Über die neue Rettungswache in Siersburg sagt sie: „Schön, dass sie da ist, aber sie nutzt mir überhaupt nichts, wenn ich sie nicht erreichen kann.“

Nach dem jüngsten Vorfall hat Marita Hilt einen Brief an die Gemeinde Rehlingen-Siersburg geschrieben, dazu einen an Reinhold Jost, Verbraucherschutz-Minister in Saarbrücken und Ortsvorsteher in Siersburg. Zudem hat sie sich an die Staatskanzlei und an das Gesundheitsministerium in Saarbrücken gewandt. Zufriedenstellende Antworten hat sie nicht bekommen. Sie fühlt sich nicht ernstgenommen: „Die einen sagen, sie seien nicht zuständig, die anderen sagen, sie kümmerten sich – aber es fühlt sich niemand verantwortlich.“

Die Schönrednerei der Politik müsse endlich aufhören, findet sie. Für sie ist es ein schlechter Witz, dass Gerlfangen im Jahr 2011 im Wettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“ die Gold- und 2013 die Bronzemedaille gewann. „Unser Dorf hat aber keine Zukunft, wenn es weitergeht wie bisher. Wir brauchen Hilfe.“ Sie sei nicht die einzige im Ort, die Angst habe, sagt Hilt. „Auch andere fragen sich: Was passiert, wenn mein Ehepartner erkrankt? Wie kann ich mir dann noch helfen?“

In Gerlfangen wohnt auch Joshua Pawlak, Beigeordneter der Gemeinde Rehlingen-Siersburg. „Ich bin von diesem Problem selbst betroffen“, sagt er. Doch die Gemeinde selbst könne keine Mobilfunkmasten bauen, erklärt er. Das könnten nur Unternehmen. In der Vergangenheit hatten sie daran aber kein Interesse. „Es war für sie wirtschaftlich nicht rentabel“, räumt er ein.

Doch das werde sich jetzt ändern, glaubt Pawlak. „Die Telekom wird in den nächsten Monaten Glasfaserkabel verlegen – 50 Megabit pro Sekunde werden dann im Nordgau zur Verfügung stehen.“ Und dadurch werde es auch leichter, Unternehmen zu finden, die auch in Mobilfunk in der Grenzregion investieren möchten, ist der Beigeordnete überzeugt.

Er verspricht: „Wir sind dran.“ Für Donnerstag, 15. Februar, sei ein erstes Gespräch mit einem Mobilfunkanbieter vereinbart. Es soll um die Themen Optimierung und Ausbau gehen. Weitere Gespräche mit anderen Anbietern sollen folgen.

Das Problem sei lange vernachlässigt worden, gibt Pawlak zu, obwohl die Digitalisierung in aller Munde sei. „Doch jetzt passiert was“, sagt er und verweist auf finanzielle Unterstützung aus Saarbrücken und Berlin. Dennoch fordert er mit Blick auf den Bund noch mehr Engagement: „Ich erwarte, dass die künftige Bundesregierung Förderprogramme auflegt und mehr Druck auf die Unternehmen ausübt, damit diese verstärkt in Mobilfunk investieren.“

Für Marita Hilt sind das Phrasen. Sie spricht von Hinhaltetaktik. Die Bürger sollen vertröstet werden. Der Politik will sie nicht mehr glauben. „Ich würde das ja gerne“, sagt sie, „aber ich kann es nicht mehr aufgrund der Erfahrungen, die ich gemacht habe.“ Die Politiker sind für sie „weit weg von uns“. Sie meint damit auch Joshua Pawlak – „auch wenn Herr Pawlak im gleichen Ort wohnt“.