Goldmedaille für Zukunftsdorf GerlfangenSchwere Entscheidung, doch dann einstimmiges Ja der JuryGerlfangen bemüht sich auch um Kinder und Familien

Zukunft - um sie und die Perspektive darauf, ging es in dem Wettbewerb auf Landesebene. Gerlfangen hat darin die Goldmedaille gewonnen. "Wir wollen uns weiterbewegen, wir wollen kein Schlafdorf werden", sagt Ortsvorsteher Thomas Hoffmann. Er ist stolz auf den Sieg. Auch wenn er sein Dorf im Wettbewerb als Außenseiter eingeschätzt hatte

Zukunft - um sie und die Perspektive darauf, ging es in dem Wettbewerb auf Landesebene. Gerlfangen hat darin die Goldmedaille gewonnen. "Wir wollen uns weiterbewegen, wir wollen kein Schlafdorf werden", sagt Ortsvorsteher Thomas Hoffmann. Er ist stolz auf den Sieg. Auch wenn er sein Dorf im Wettbewerb als Außenseiter eingeschätzt hatte. "Ich dachte nicht, dass wir gewinnen würden", sagt er. Die Substanz des Ortes Gerlfangen sei so, wie sie ist, daran könne man nichts ändern, man könne den Ort nicht aufhübschen. "Bei Schönheit hätten wir keine Chance gehabt", erklärt Hoffmann und fügt an, "bei uns zählt das Miteinander, es geht um die Bevölkerung, die mitmacht." Das Engagement der Einwohner gehe nicht von ihm als Ortsvorsteher aus.

Nahversorgung funktioniert

Neben sozialen Aktivitäten ging es der Wettbewerbsjury auch um das Leitbild des Dorfes, Baugestaltung, Zusammenarbeit mit den Nachbarorten und die wirtschaftliche Entwicklung. Ein Bäcker, ein Metzger, ein Getränkeladen und zwei Selbstvermarktungshöfe, einer mit Bioladen. Mit aufeinander abgestimmten Öffnungszeiten. "Wir können uns mit Produkten aus dem heimischen Anbau selbst beliefern", zählt Hoffmann auf. In der Nahversorgung, die auch die Senioren gut versorgt, sieht der Ortsvorsteher eine große Stärke von Gerlfangen. Industrie gibt es keine, aber die kleinen landwirtschaftlichen Betriebe werden unterstützt. "Es gibt einen Imagefilm vom Pehlinger Hof, der hat die Jury beeindruckt", erzählt Hoffmann von der Ortsbegehung.

Generationen verbinden

Die andere Stärke des Ortes, die Generationen miteinander zu verbinden, macht sich im Ort an mehreren Stellen sichtbar. Etwa da, wo das Dorfgemeinschaftshaus als ein Mehrgenerationenhaus entsteht. Der Verein Miteinander-Füreinander hat um die 60 Mitglieder und organisiert für Jung und Alt Aktivitäten, auch gemeinsam. Seien es Arztbesuche, Einkäufe für die Senioren oder Nachhilfe für die Schüler. Im Mehrgenerationenhaus stecken bislang über 1000 aktive Arbeitsstunden, 50 Bürger haben sich stark eingebracht.

Wenn im Mehrgenerationenhaus junge und alte Menschen zusammengebracht werden, werden andernorts im Dorf auch neu und alt verbunden. Mehr als zehn Lothringische Bauernhäuser gibt es in Gerlfangen. "Auch junge Leute kaufen sie und restaurieren sie liebevoll, auch viel von eigener Hand", berichtet Hoffmann. Der Verein Naturparkdorf, der fast 150 Mitglieder hat, gibt dabei Ratschläge. Tipps zur Baumpflanzung, ob Nussbaum oder Apfelbaum, welcher Naturstein im Vorgarten sich gut zur Fassade fügt, welche Farben am Haus den Stil erhalten. Firmen werden keine vermittelt: "Wir machen hier in Gerlfangen auch viel selber." Die Bauernhäuser seien alle in einem guten Zustand, aber auch generell gebe es im Ort wenig Leerstand.

Was noch auf der Liste steht

Auf Lorbeeren einschlafen will das Dorf nicht. Worum man sich in Gerlfangen noch kümmern will, ist die Anbindung an den Saarländischen Rundwanderweg. Da müsse man unbedingt noch etwas tun: Eine Wanderkarte mit den Wegen um Gerlfangen soll es geben. Auch schnelleres Internet soll in den Ort kommen. Die Möglichkeit einer Richtfunkstrecke werde derzeit im Rathaus von Rehlingen-Siersburg geprüft. Für Mobilfunkempfang werde noch über Wegerechte für den Sendemast verhandelt.

Am Engagement der Leute hat Hoffmann nichts auszusetzen. "Das bürgerschaftliche Engagement macht in Gerlfangen Spaß und bringt den Ort auch weiter." 759 Einwohner, 13 Vereine, fast alle Vereine sind mit jährlichen Großveranstaltungen oder regelmäßigen Treffen sehr aktiv. Damit nichts ins Leere läuft, gibt es eine Vereinsgemeinschaft, welche die Arbeit der Vereine koordiniert. Auch eine Stärke des Ortes, meint Hoffmann. Gerlfangen. "Wir haben uns mit der Entscheidung sehr schwer getan", sagte Gerd-Rainer Damm. Er war der Sprecher der Bewertungskommission, die zu entscheiden hatte, welches Dorf Landessieger wird beim Wettbewerb "Unser Dorf hat Zukunft". Die Dörfer Bietzen (Merzig) und Erfweiler Ehlingen (Saar-Pfalz-Kreis), St. Nikolaus (Regionalverband Saarbrücken) und Überroth-Niederhofen (St. Wendel) traten mit Gerlfangen an. "Alle fünf Dörfer haben überzeugt", sagte Damm zur Bekanntgabe des Gewinners am Mittwochabend. Aber Gerlfangen habe von der 14-köpfigen Jury ein einstimmiges Votum erhalten zum Sieg.

Der Ortsteil von Rehlingen-Siersburg überzeugte durch sein großes bürgerschaftliches Engagement, heißt es in der Begründung. Beeindruckt zeigte sich die Jury von der Einsatzbereitschaft der Bürger, die sich nach der Grundschulschließung nicht lange in Schockstarre begeben hatten, sondern einen Bürgerverein gründeten, "um dem Schicksal als Schlafdorf entgegenzutreten". Aus dem Schulgebäude entwickelte sich ein Dorfgemeinschaftshaus, das die Generationen im Ort zusammenbringen soll. Die Kommission hatte bei der Dorfpräsentation den Eindruck einer lebendigen Gemeinschaft erhalten, ein, wie Damm erklärte, "spürbares Wir-Gefühl". Gerlfangen wirbt aktiv als Naturparkdorf und binde sich "sehr gut" in die Landschaft ein.

Kriterien, wie das äußere Erscheinungsbild, die Grüngestaltung und Pflege oder die Entwicklung der Bausubstanz eines Ortes spielen bei der Bewertung ebenso eine Rolle, wie wirtschaftliche Entwicklung und kulturelle Aktivitäten. Als wirtschaftliche Faktoren bewertete die Kommission positiv die Initiativen im Ort, wie den Hofladen der Familie Zenner, den Pehlinger Hof oder das dörfliche Handwerk. Was die Entwicklung der Bausubstanz betrifft, fielen die "vorbildhaft restaurierten Bauernhäuser" auf. Gerlfangen habe mit einem bewohnten Museumsbauernhaus ein Alleinstellungsmerkmal.

In die Bewertung mit eingeflossen sind zudem Veranstaltungen, wie den Tag der offenen Gärten oder die Gerlfanger Bärlauchtage und als Besonderheit die historisch-kulinarischen Dorfspaziergänge. "Damit hat Gerlfangen alle Kriterien erfüllt", lobte Umweltministerin Anke Rehlinger. hth

Gerlfangen. Keine Zukunft im Dorf ohne Kinder und Jugendliche. Für sie bietet Anne Bies, Organisationsleiterin beim Förderverein Naturparkdorf Gerlfangen, viele Freizeitbeschäftigungen an. "Wir versuchen, die Kinder zu ihrer Verwurzelung mit der Natur zurückzubringen." Angebote gibt es das ganze Jahr, für verschiedene Altersklassen: Warten auf das Christkind, Disco, Wanderungen, Tierbeobachtungen, Imkerkurs, Basteln von Musikinstrumenten. Seit 2009 gibt es eine Tanzgruppe, auch eine Fibel für Vorschulkinder über heimische Pflanzen hat man herausgebracht. "Kinder und Jugendliche können ihre Freizeit hier sinnvoll gestalten", sagt Bies.

Die Projektgruppe für Kinder- und Jugendarbeit des Vereins arbeitet auch mit der Gemeinde Rehlingen-Siersburg zusammen, Veranstaltungen werden oft auch gemeinsam organisiert. "Generell kommen Kinder aus allen Ortschaften der Gemeinde zu den Freizeiten."

Aber auch für die Familienfreundlichkeit werde im Ort etwas getan. Ältere Häuser oder neue Grundstücke zu kaufen, sei erschwinglich, der Spielplatz in einem Neubaugebiet wurde eben erst mit Spenden renoviert. Für die Betreuung gibt es das Kinderhaus mit Kinderkrippe und Tagesstätte für 43 Kinder. Auch eine französische Fachkraft betreut in der Einrichtung.

Den Förderverein gibt es seit neun Jahren, nachdem Gerlfangen als erster Ortsteil im Landkreis Saarlouis vom Naturpark Saar Hunsrück zum Naturparkdorf ernannt wurde. "Seit sechs Jahren sind wir besonders aktiv", erklärt Bies. Man veranstaltet auch Frühjahrs- und Herbstwanderungen, die Bärlauchtage, den Tag der offenen Gärten oder Mundartabende. sop

Hintergrund

Im Wettbewerb "Unser Dorf hat Zukunft" hatten sich 41 Dörfer einem Vorentscheid auf Kreisebene gestellt. Gerlfangen hat sich mit seinem Goldsieg auf Landesebene automatisch für den 24. Bundeswettbewerb 2013 qualifiziert. Den Wettbewerb schreibt das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz seit vielen Jahren aus. Er soll die Menschen in den Dörfern motivieren, Zukunftsperspektiven zu bestimmen und aktiv an der Verbesserung der Lebensqualität im ländlichen Raum mitzumachen. Mitmachen können Gemeinden oder Gemeindeteile mit dörflichem Charakter und bis zu 3000 Einwohnern. sop

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