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Handwerk
Wenn Länder-Klischees lebendig werden

Bei Schreiner Sebastian Silvanus (links) darf Praktikant François Altenleben mitanpacken.
Bei Schreiner Sebastian Silvanus (links) darf Praktikant François Altenleben mitanpacken. FOTO: Thomas Seeber
Siersburg. Grenzüberschreitend arbeiten: Die Schreinerei Silvanus in Siersburg pflegt den Austausch mit dem Nachbarland. Von Nicole Bastong

Zwei Stunden Mittagspause, morgens später anfangen, entspanntes Arbeiten – und abends trotzdem alles geschafft. So hat Schreinermeister Sebastian Silvanus seine Praktikumszeit in Frankreich in Erinnerung. Als Lehrling durfte er ein paar Wochen in einer Schreinerei in der Normandie reinschnuppern – und erlebte dabei eine andere Mentalität und Arbeitsweise.


Den eigenen Beruf in einem anderen Land und Umfeld kennenlernen: Das gefiel ihm so gut, dass Silvanus auch anderen diesen Austausch bieten will. „Die grenzüberschreitenden Praktika haben in unserem Betrieb schon eine lange Tradition“, sagt er. Seine Auszubildenden dürfen nach Möglichkeit zum Praktikum nach Frankreich und immer wieder besuchen auch französische Lehrlinge seinen Betrieb.

So wie aktuell der 17-jährige François Altenleben aus Phalsbourg in Lothringen. Vier Wochen schaut er in der Schreinerei Silvanus in Siersburg hinter die Kulissen und packt natürlich auch mit an. Der Familienbetrieb in der dritten Generation hat sich auf Haustüren spezialisiert, gegründet wurde er vor über 60 Jahren. Heute sind die Geschwister Sandra und Sebastian Silvanus die Inhaber und beschäftigen insgesamt 48 Mitarbeiter, darunter sechs Azubis. Den vielbeschworenen Fachkräftemangel spürt Silvanus in seinem Betrieb noch wenig, meint er: „Wir haben immer Bewerbungen, auch für die Ausbildungsplätze, immer öfter auch von Studienabbrechern.“ Aus Frankreich, insbesondere aus dem Grenzraum, seien es aber noch sehr wenige.

„Warum nicht Deutschland?“, dachte sich François, Schreiner-Lehrling im dritten Jahr. In Frankreich heißt seine Ausbildung „Bac pro technicien menusier agenceur“ (BPTMA); das bedeutet drei Jahre Berufsschule mit jährlichen Blockpraktika in Betrieben.

Zustande kam sein Praktikum in Deutschland über die Fachstelle für grenzüberschreitende Arbeit in Dillingen (siehe Info). Alexandra Schwarz, Leiterin der Fachstelle,  sucht Betriebe für die Jugendlichen und hilft auch bei der Unterbringung in der Fremde. „Im vergangenen Jahr haben wir 50 Praktikanten von Lothringen nach Deutschland, also ins Saarland und in die Westpfalz, vermittelt“, erzählt sie, „in die umgekehrte Richtung waren es 30.“Die Praktikanten gehen dabei in alle Branchen, von Handwerk über kaufmännische Bereiche bis zum Handel.



Insgesamt vier Wochen war François im Betrieb. „Der Praktikant fährt mit raus auf die Baustellen, hilft vor allem in der Montage“, berichtet der Chef. Aber auch in der Lackierei und natürlich Schreinerei dürfen die Praktikanten Erfahrungen sammeln. „Es ist nur schade, dass sie so wenig Deutsch sprechen“, bedauert der Chef. François und ein weiterer Praktikant aus Frankreich, der zeitgleich in einem Betrieb in Besseringen arbeitet, sind in einer Wohnung der Familie Silvanus untergebracht, haben somit sogar Familienanschluss.

Früher aufstehen und mehr Stress bei der Arbeit – das waren François’ erste Erfahrungen im deutschen Betrieb. „Aber ich habe mich gleich wohlgefühlt“, betont er. Das unterschiedliche Ausbildungssystem ist ihm aufgefallen, und eine andere Mentalität, berichtet der junge Franzose: „Bei uns ist die Arbeit entspannter. Aber viel besser als in Frankreich“, sagt er, „sind die modernen Maschinen, die technische Ausstattung, mit der hier gearbeitet wird.“

Später in Deutschland zu arbeiten kann sich der 17-Jährige nun gut vorstellen. Besonders unter Jugendlichen ist die Arbeitslosigkeit in Lothringen hoch. Deshalb setzt François, wie viele seiner Schulfreunde, berichtet er, zunächst auf Weiterbildung: Er will im Anschluss an die Ausbildung seinen Meister machen. Denn er weiß: „Bessere Ausbildung, bessere Chancen.“