Evakuierung 1939 aus Rehlingen-Siersburg

Zeitzeugen : „Bleibt, solange Hitler am Ruder ist“

Der Beginn des Zweiten Weltkrieges vor 80 Jahren zerschnitt auch Beziehungen zwischen Saarländern und Lothringern. Das berichten Zeitzeugen.

Am 1. September 2019 jährte sich der 80. Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkrieges mit dem deutschen Angriff auf Polen. Zwei Tage später erklärten Frankreich und England Deutschland den Krieg. Dies führte für Tausende von Menschen dies- und jenseits der Landesgrenze zu einem zwangsweisen Verlassen ihrer Heimatorte. Gleich betroffen waren Saarländer und Lothringer. Sie waren Bewohner der sogenannten „Roten Zone“, in Deutschland dem Gebiet zwischen Westwall und Grenze und in Frankreich dem Gebiet zwischen Maginot-Linie und Grenze.

Es gab zahlreiche verwandtschaftliche Beziehungen zwischen den Menschen in den Grenzdörfern, die durch die zwangsweise Evakuierung zerrissen wurden.

Günther Grein (89) erinnert sich noch sehr gut an den Räumungsbefehl an die Siersburger. Seine Mutter musste sich mit seinen sechs Geschwistern, die jüngste war damals ein Jahr alt, auf dem Bahnhofsvorplatz einfinden. Mit dem Lkw ging es zunächst nach Wadern, Tage später mit dem Personenzug nach Halberstadt im Harz. In der vornehmen Sedanstraße lehnte die Hauseigentümerin die Aufnahme der Familie ab. Sie wurde schließlich auf drei Wohnungen in der Nähe des Domes verteilt. Der Familienvater musste als Feldhüter zunächst in Siersburg zurückbleiben. Ärger gab es über einige Halberstädter, die die Saarländer „Saarfranzosen“ nannten.

Hans Battiston (90) entging durch reinen Zufall der Evakuierung in Siersburg. Am 31. August 1939 hatte ihn sein Vater zu seiner ältesten Schwester in das lothringische Gravelotte zu einem Ferienaufenthalt gebracht. Dann brach der Krieg aus. Die Staatsgrenze wurde geschlossen. Die Familie in Gravelotte wurde zunächst von einer Evakuierung verschont, ein Jahr später aber nach Südfrankreich ausgewiesen.

Während seines Aufenthaltes in Gravelotte musste Hans die französische Schule besuchen. Dabei erlernte er die französische Sprache. Die Verbindung zu seinen Eltern, die nach Schwanebeck evakuiert waren, konnte er über seine in Italien wohnende Großmutter herstellen.

Etienne Haas (Bouzonville) ist in Neunkirchen-lès-Bouzonville geboren und aufgewachsen. Er erinnert sich genau an den 1. September 1939, als am Vormittag sein Großvater mit der Handschelle bekannt gab, dass sich alle Einwohner um 17 Uhr zum Abtransport nach Hagedingen einfinden müssen. Mit Ausnahme der Pferde musste der Viehbestand zurückgelassen werden.

Die „Nunkircher“ wurden in der Vienne untergebracht. Die älteren Menschen hatten große Probleme mit der französischen Sprache. Sie unterhielten sich in der moselfränkischen Sprache, unserem Platt. Ärgerlich waren sie über ihre gelegentliche Bezeichnung mit dem Schimpfwort „Bosch“.

Nach der deutschen Besetzung wurde ihnen von der deutschen Wehrmacht empfohlen, in ihre lothringische Heimat zurückzukehren. Der Lehrer und ihr Pastor rieten bei geheimen Zusammenkünften „so lange Hitler am Ruder ist“ zu bleiben und erst nach Kriegsende zurückzugehen. Etwa 130 Personen blieben bis zum 5. Juni 1945 in der Vienne zurück. Maire Hilt, dessen Ehefrau aus Niedaltdorf stammte, ging dagegen nach vielen Versprechungen mit etwa 70 Personen in die alte Heimat zurück. Unter ihnen waren dann auch drei „Nunkircher“, die später als „Malgré-nous“ (zwangsweise Rekrutierte) eingezogen und als deutsche Soldaten in Russland den Tod fanden.

In diesen Tagen reist eine lothringische Delegation in die Vienne, um sich mit ihren alten französischen Freunden zu einem Gedenken zu treffen.

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