Ganztagsschule : Eine Schule, zwei Konzepte

An der Grundschule Siersburg gibt es seit einem Jahr einen freiwilligen Ganztagszweig.

In der Pause sind alle Erst- und Zweitklässler der Grundschule Siersburg gleich, wenn sie über ihren Schulhof toben. Kehren sie jedoch in ihre Klassen zurück, sitzen sie in zwei unterschiedlichen Systemen, in zwei verschiedenen Konzepten, in zwei Unterrichtswelten. An der Grundschule Siersburg gibt es seit dem vergangenen Jahr pro Jahrgang jeweils eine Halbtags- und eine Ganztagsklasse. Zweisprachig und ganztägig ist der Unterricht im neuen Zweig der Schule; er läuft seit Sommer 2016 parallel zum klassischen Halbtagsbereich mit der Nachmittagsbetreuung (FGTS).

Warum die kleine Schule mit insgesamt rund 120 Kindern nicht komplett auf Ganztag umgestellt hat, erklärt Schulleiterin Marie-Christine Jost vorsichtig so: „Weil es noch einige Vorbehalte gab.“ Vorbehalte nicht nur mancher Eltern, auch das Kollegium muss vom Konzept Ganztag völlig überzeugt sein, weiß die Rektorin. „Wichtig war uns, dass die Kinder gemeinsame Pausen haben und die Kollegen im jeweiligen Zweig zusammenarbeiten.“ Mit 16 Kindern startete die erste Ganztagsklasse im vergangenen Jahr. „Bis auf ein Kind kommen alle aus dem Ortsteil Siersburg“, sagt Jost; dabei steht der neue Zweig ausdrücklich auch Erstklässlern aus anderen Ortsteilen und anderen Gemeinden offen.

Vor dem Start gab es lange Beratungen; ein Konzept musste erst erarbeitet und abgestimmt werden. Wenige echte Ganztagsgrundschulen gibt es bisher im Saarland. „Und bilingualer Ganztag war ganz neu“, lächelt Jost. Im Schulalltag bedeutet das doppelte System eine Mehrbelastung: „Der Aufwand für zwei Zweige ist natürlich um einiges höher“, weiß Jost inzwischen. „Gerade im ersten Jahr.“

Auch baulich waren noch Voraussetzungen zu erfüllen, ergänzt Margit Heinrich vom Schulamt der Gemeinde: Ganztagsklassen brauchen zum Beispiel mehr Platz und Rückzugsmöglichkeiten, eine ordentliche Mensa. „Das war finanziell für den Schulträger nicht ganz einfach.“ Aber die Einrichtung des Ganztags sei auch politisch gewollt gewesen, betont sie.

Der Schulalltag sieht im Ganztagszweig so aus: An vier Tagen die Woche sind die Kinder von acht bis 16 Uhr in der Schule, am Mittwoch ist nachmittags frei. Der typische Schultag, erklärt Klassenlehrer Julian Drost, hat am Vormittag drei Stunden Unterricht, meist Deutsch, Mathe und Fördern. Dafür stehen zwei Klassenräume und jeweils ein Lehrer und ein Erzieher zur Verfügung. So kann auch in kleinen Gruppen oder an unterschiedlichen Aufgaben gearbeitet werden. Pausen werden flexibel festgelegt. Es gibt keinen Gong. Mittagessen nehmen um 12.30 Uhr alle gemeinsam in der Mensa ein. Nach einer Pause von 45 Minuten geht es weiter mit Nebenfächern, Lernzeit oder AGs am Nachmittag. Klassische Hausaufgaben gibt es nicht. In der betreuten Lernzeit am Nachmittag sieht Drost einen großen Vorteil für die Kinder: „Es ist immer ein Lehrer anwesend, das ist quasi wie eine zusätzliche Förderstunde. Ich sehe gleich, wo ein Kind Probleme hat.“ Am Nachmittag wird oft noch ein 45-minütiger Französisch-Block gehalten, „in spielerischer Form“, betont Sandrine Guldner, sozialpädagogische Leiterin und französische Erzieherin. „Wenn wir sehen, dass bei den Kindern die Luft raus ist, gehen wir auch einfach mal raus.“

Projekte und Kooperationen mit örtlichen Vereinen finden ebenfalls am Nachmittag statt. Das war der Schule wichtig, um den Vereinen nicht die Jugendarbeit wegzunehmen. Sport mit dem LC Rehlingen, ein Bienenprojekt mit dem Obst- und Gartenbauverein, ein französisches Theaterstück, Apfelsaftkeltern, ein Waldprojekt gab es schon, zählt Drost auf: „Dafür hat man einfach mehr Luft am Nachmittag.“

Der neue Zweig komme bei Eltern und Kindern gut an, betont Jost. „Der Ganztag ist einfach entzerrter, besser strukturiert“, ist ihre persönliche Bilanz. „Man ist freier in der Gestaltung, es gibt weniger Zeitdruck“, hat Drost erfahren. Der Lehrer habe aber auch neue Arbeitszeiten und Aufgaben: „Wir können selbständig Projekte anschieben. Aber wir sind immer da, auch in den Pausen oder beim Essen. Man ist eigentlich mehr Bezugsperson als Lehrer.“ Von der „Familienklasse“ werde deshalb auch im Kollegium gesprochen.

Ob sie anderen Grundschulen die Umstellung auf Ganztag weiterempfehlen würde, kann Jost „zu 100 Prozent“ bejahen. Aber, das weiß sie auch: „Man kann Eltern nicht zwingen, ihr Kind in die Ganztagsschule zu schicken. Am Standort hier war die Wahlfreiheit wichtig. Es läuft nebeneinander, und jeder hat, was er braucht.“