Austauschschüler aus Mexiko und Venezuela lernen in Niedaltdorf Deutsch

Austausch : So viel Brot und so freundliche Leute

Bevor sie in Gastfamilien in ganz Deutschland gehen, lernen elf Jugendliche aus Südamerika im Saarland die neue Sprache und Kultur kennen.

So ruhig, so sicher, so wenig Autos und so teure – die elf Jugendlichen im Dorfgemeinschaftshaus Niedaltdorf schwärmen von Deutschland, wie sie es gerade kennenlernen. Die Jungs und Mädchen zwischen 15 und 18 Jahren kommen von weit her: aus Mexiko, Venezuela und Chile.

Doch warum gerade nach Niedaltdorf? In dem kleinen Ortsteil der Gemeinde Rehlingen-Siersburg, direkt an der französischen Grenze, wohnt Manuela Ellersdorfer, die für die internationale Austauschorganisation Youth for Understanding (YFU) den ersten Sprachkurs der frisch in Deutschland eingetroffenen Austauschschüler organisiert. Die Niedaltdorferin hat mit ihrer Familie schon einige Male Jugendlichen aus aller Welt ein Zuhause auf Zeit gegeben. Auch jetzt zieht wieder eine Mexikanerin bei den Ellersdorfern ein: Die 18-jährige Paola Lizeth Guerreo Lopez, genannt Lizzi; sie besucht in dieser Zeit das Albert-Schweizer-Gymnasium in Dillingen und natürlich den Niedaltdorfer Karnevalsverein, verrät Ellersdorfer.

Der dreiwöchige Basiskurs wird geleitet von zwei Lehrerinnen, die neben Grundkenntnissen in Deutsch auch den Alltag in Deutschland und kulturelle Unterschiede vermitteln. „Die meisten südamerikanischen Eltern sind sehr streng, das Familienleben ist behüteter und traditioneller als hier“, berichtet Ellersdorfer zum Beispiel, „und die Mutter hat das Sagen.“

Während der drei Wochen wohnen die jungen Süd- und Mittelamerikaner bei Familien in Niedaltdorf, Fürweiler, Gerlfangen und Siersburg. Danach werden sie für ein Jahr auf ihre Gastfamilien in ganz Deutschland verteilt. Im Saarland bleiben nur Lizzi und der 17-jährige Emiliano aus Mexiko, der ebenfalls das ASG Dillingen besucht. Für ihn sucht Ellersdorfer über die YFU spätestens ab November noch eine längerfristige Gastfamilie im Kreis Saarlouis, da er in seiner Übergangsfamilie nur drei Monate bleiben kann.

Im ländlichen Saarland leben sich die weitgereisten Gastschüler nun schon mal ein, gewöhnen sich an die kühlen Temperaturen und das fremde Essen. Ellersdorfer hat einen Besuch im Landtag organisiert, es gibt Ausflüge mit den Gastfamilien und natürlich steht gleich am Wochenende ein Besuch auf der Niedaltdorfer Kirmes an: „Um das Dorfleben kennenzulernen“, lacht Ellersdorfer.

Die wenigsten der Jugendlichen waren schon einmal in Europa. „Das Leben hier ist sehr anders“, ist Emilianos erster Eindruck, den er, wie alle anderen noch auf Englisch schildert. Wie viele der Gastschüler kommt er aus einer Großstadt, da ist das idyllische Landleben Kontrastprogramm. Die Stille, die grüne Natur, wenig Verkehr, entspannte Menschen, das gefällt dem jungen Mexikaner.

„Die Leute bleiben stehen und fragen mich, woher ich komme, was ich hier mache“, schildert etwa Santiago, 15 Jahre, aus Mexiko. „Alle grüßen, sagen Guten Tag“, stellt er verwundert fest. Die kurzen Entfernungen könne man mit Bus oder Zug leicht zurücklegen, meint der Großstädter: „Alles ist so nah!“

Freundlich und offen erleben die Gastschüler die Saarländer bisher, anders als mancher erwartete. Nur mit dem Essen ist das so eine Sache: „So viele Kartoffeln, so viel Brot“, lacht Emiliano. „Brot, Brot, Brot und so wenig Gemüse“, wundert sich auch Roberto, 16 Jahre aus Mexiko. „Und das Brot ist so anders – so braun“, lacht José, 16 Jahre aus Chile. Etwas Neues haben sie aber auch schon gekostet: Mirabellen und die deutsche Schokolade, die um einiges süßer ist als in ihren Heimatländern.

Was die Jugendlichen auch nicht kennen: Man kann einfach über die Grenze zum Nachbarland spazieren, nach Frankreich oder Luxemburg. „Ich bin das erste Mal so lange von zu Hause weg“, erzählt der 18-jährige Javier, „wir werden unsere Familien vermissen, aber in Venezuela ist die Lage so problematisch, dass es hier für uns besser ist.“

Die schwierige politische Lage in ihrem Heimatland, ergänzt Ellersdorfer, spielt sicher eine Rolle dabei, dass in diesem Jahr viele Gastschüler aus Venezuela kommen. Meist seien es die wohlhabenderen Familien, die es sich leisten könnten, ihrem Nachwuchs einen längeren Auslandsaufenthalt zu ermöglichen. Deutschland sei dabei international gefragt. Langfristige Gastfamilien zu finden sei manchmal schwierig, weiß Ellersdorfer: „Ein Jahr kann lang sein. Aber wir haben es nie bereut.“

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