Palliativ-Seelsorger Klaus Aurnhammer aus Saarlouis schreibt Buch über Sterben

Umgang mit dem Tod : „Mit offenen Augen betrauern“

28 Jahre Seelsorger auf einer Palliativstation: Klaus Aurnhammer erzählt von dem, was ihn beeindruckt hat, was wirkte. In einem Buch berichtet er davon - kein Ort für große Gesten, sondern für einfache Wahrheiten.

Auf eher leisen Sohlen erreicht derzeit das Mega-Thema Sterben und Tod die Mitte der gesellschaftlichen Debatte. Ob es um Hospize geht oder Palliativstationen: 1996 gab es bundesweit 28 Palliativstationen, heute sind es gut 330; aus 1996 30 stationären Hospizen wurden inzwischen 250 - das jüngste hat in Schmelz eröffnet. Sterbebegleitung, veränderte Formen der Bestattung oder ethische Abwägungen: In Talk-Shows, Medien, Büchern ist ständig davon die Rede, zwei Bücher des an der Uniklinik Homburg tätigen Palliativmediziners Prof. Sven Gottschling über den Sterbeprozess erreichten die Top Ten der Spiegel-Bestsellerliste.

Es ist erst der Anfang, aber das Thema kommt aus dem Tabu-Schweigen allmählich heraus. Ein Zeitzeuge ist Klaus Aurnhammer, katholischer Seelsorger auf der Palliativstation der Marienhaus-Klinik St. Elisabeth in Saarlouis. Dort hat er die allermeisten seiner bislang 28 Jahre in diesem Beruf verbracht. Jetzt hat er ein Buch geschrieben, „Etwas von dir bleibt. Was ich als Sterbebegleiter über das Leben gelernt habe“.

Aurnhammer schildert knapp Begegnungen auf der Palliativstation aus den vergangenen Jahren, kommentiert jede einzelne Begegnung, dann folgt jeweils eine Episode aus einem für ihn einschneidenden Erlebnis: 2016 fiel er bei einer Radtour mit seiner Frau und einem seiner Söhne am Kaiserstuhl vom E-Bike, einfach so. Herzinfarkt, plus Schlaganfall. Er hatte unfassbares Glück: Gleich hielt ein Auto an, in dem eine Intensiv-Krankenschwester saß, sie half sofort, ein weiterer Wagen hielt, in dem ein junger Kardiologe saß, ausgestattet mit dem richtigen Arztkoffer. Dann kam der Rettungswagen. Es dauerte aber 30 Minuten, bis die Reanimation Erfolg zeigte und das Herz einigermaßen gleichmäßig schlug. Wer das überhaupt überlebt, braucht meist dauerhaft Pflege, aber Aurnhammer war nach sechs Monaten stationärer Reha (unter anderem in Illingen), ambulanter Reha und Wiedereingliederung nach genau einem Jahr, im Mai 2017, wieder in Vollzeit am Arbeitsplatz in Saarlouis.

Schock, Todesnähe und Verlust des Selbstverständlichen verbinden dieses Erlebnis mit dem Erleben von Sterbephasen. Ganz harmonisieren kann Aurnhammer die beiden Themen des Buches nicht, aber seine Botschaften werden deutlich.

Das kleinformatige Buch ist kein Rückblick, kein Versuch, abstrakte Anleitungen zu entwerfen, auch keine Belletristik, und jeglicher Hauch von Rührseligkeit musste draußen bleiben. Aurnhammer, 59, erzählt einfach von Begegnungen mit Menschen, die auf seiner Station starben.

Er nennt Begegnungen, von denen er überzeugt ist, dass sie dem Sterbenden, den Angehörigen und eben auch ihm selbst sinnvoll, manchmal sinnstiftend geholfen haben. Er berichtet davon, weil er überzeugt ist, dass diese letzten, ganz unspektakulären Phasen von Kranken, die aus der Nachbarschaft stammen könnten, auch anderen in Situationen von Verlust etwas sagen können.

Das zu können ist eine große Gabe. Aurnhammers Buch zeigt für einmal tatsächlich: Großes entsteht immer im Kleinen. Keine großen Aha-Erlebnisse, dafür die Gewissheit: Wer einem Sterbenden begegnet und ihm nicht ausweicht, wer genau hinhört und ehrlich antwortet, wer Antworten erträgt, dem geht der Boden unter den Füßen nicht weg. Der kann später trauern. Der kann vor allem Hoffnung zulassen, „dass wir nie ins Bodenlose fallen, auch wenn es sich manchmal so anfühlt“.

Eine von Aurnhammers Stärken ist das Augenmaß, die Fähigkeit zu erkennen: Das genügt. Wenn etwa ein Kranker über Kränkungen durch seinen Vater berichtet und am Ende herauskommt: „Eine Verzeihung war zwar nicht möglich, aber ein neues Verstehen im Sinne des Nichtnachtragens“. Eine andere Begegnung: „Ich lernte von dem Ehepaar, wie wichtig es ist, das eigene Schicksal mit offenen Augen zu betrauern.“ Das Kleine, aus dem das Große entsteht, das sind winzige Dialoge des Seelsorgers wie dem mit einer ängstlichen Tochter auf dem Weg zur Mutter: „Wie wäre es für Sie, wenn ich Sie begleite?“ „Das würden Sie tun?“ „Klar, Sie werden sehen, es wird halb so schlimm sein wie Sie meinen.“ Keine Patentrezepte in dem Buch, und doch müsste man etwas abwehren, wollte man das Geschriebene nicht annehmen.

Hier arbeitet Klaus Aurnhammer: Das Marienhaus Klinikum Saarlouis verfügt über eine Palliativstation. Foto: Thomas Seeber

Klaus Aurnhammer, „Etwas von dir bleibt. Was ich als Sterbebegleiter über das Leben gelernt habe“. Mvgverlag München, 218 Seiten, 16,90 Euro