Hohle Unterwelt: Mehr Stollen unterm Nalbacher Kindergarten

Hohle Unterwelt : Mehr Stollen unterm Nalbacher Kindergarten

Entscheidung über den Baugrund fällt im Herbst – Bundesanstalt soll die Schadensregulierung übernehmen

Das Problem liegt zehn bis 15 Meter unter dem Nalbacher Kindergarten. Verursacht durch Kriegsvorbereitungen des Deutschen Reiches vor etwa 80 Jahren. Damals wurden zwei Stollensysteme als Schutzräume für die Bevölkerung gegraben. Eines ist 400 Meter lang und verläuft nördlich der Hubertusstraße und parallel dazu. Ein deutlich kürzeres liegt westlich der Etzelbachstraße. Vermutet wird, dass beide Systeme schon früh miteinander verbunden werden sollten. Darauf weisen zwei Gänge hin, die bis Ende 2016 gänzlich unbekannt waren. Sie liegen südöstlich sowie nördlich des Kindergartens und laufen V-förmig in Richtung nordöstliche Ecke der Einrichtung.

Auf die Folgen daraus reagiert Bürgermeister Peter Lehnert noch immer mit Kopfschütteln. „Zu keinem Zeitpunkt, weder damals noch bei den Vorarbeiten für die Sanierung des Kindergartens, gab es trotz intensiver Vor- und Baugrunduntersuchungen Anzeichen für mögliche Probleme mit der Standsicherheit des Kindergartens“, sagte er im Gespräch mit unserer Zeitung.

„Für die Kinder bestand keine akute Gefahr mehr“, betonte Lehnert. Denn die waren wegen Vorbereitungen für die Sanierung schon auf die anderen beiden Kindergärten in der Gemeinde verteilt. Die Sanierung von St. Peter und Paul musste gestoppt werden. „Ruhend gestellt“, sagte dazu Albert Wender, stellvertretender Bauamtsleiter.

Ab Februar 2017 hatten Experten von SaarMontan einen ersten unfertigen Verbindungsgang freigelegt. Der verläuft unter dem Fußweg zum Kindergarten und endete unter dem südöstlichen Flügel der Einrichtung in von oben eingebrochenem Material (Tagesbruch).

Nach dem Freiräumen wurde eine Wand aus Sandsteinfels sichtbar. Diesen Bereich sichern nun bergmännisch verbaute Stahlmatten und -stützen. Eine aufwändige Sondierung der Bodenplatte im Kindergarten fand Anfang März 20 bis 180 Zentimeter tiefe Hohlräume. Die liegen unter mehr als der Hälfte von Gebäude und Fundamenten. Wie lange sie schon existierten sei unklar. Und das Ausmaß der Unterhöhlungen ließ sich mit dem gefundenen Stollengang nicht vollständig erklären, stellte Lehnert dar.

Dann kam der zweite, ebenfalls vorher unbekannte Stollengang. SaarMontan räumte ihn kürzlich in Teilen aus. Er beginnt unter einem Grundstück nordöstlich des Kindergartens und läuft schräg auf dessen Nordfassade zu.

Dieser Gang im Buntsandstein zeige noch den Rohbauzustand aus Kriegszeiten. Er endet nach etwa zehn Metern an einem alten Holzverbau. Bis dorthin hat SaarMontan den Stollen mit Stahlstützen und -matten gesichert. Dahinter liegen brüchiges Gestein und Kies. Eine Kamerasondierung zeigte, dass es noch mindestens acht Meter durch Füllmaterial und weiter in Richtung Kindergarten geht. Gut verborgen waren die Zugänge beider Blindstollen.

Schon vor Inbetriebnahme beider Systeme müssen sie fachgerecht vermauert worden sein. Etwa 60 Zentimeter dick und mit den gleichen Backsteinen wie in den bekannten Stollen, sowie passgenau in deren Wände eingefügt. „So, dass nichts darauf hinwies, dass es dahinter weiter ging“, merkte Lehnert an. Deshalb habe niemand mit den jetzigen gravierenden Schwierigkeiten durch die sehr gefährlichen Auswirkungen dieser alten unbekannten Stollen rechnen können. Auch nicht mit der immensen Dimension.

„Eine solche Situation ist Neuland für alle Beteiligten“, sagte Martin Wörner von der Gemeinde zur Sanierungslage. „Und wir können momentan nicht seriös sagen, wie es mit dem Projekt weitergeht.“

„Wir haben alles dokumentiert“, betonte Lehnert. „Die Beweise sind gesichert.“ Mit diesen Unterlagen kümmere sich ein mit dem Thema vertrauter Fachanwalt um die juristische Aufarbeitung. Damit soll ein Anspruch nach dem Allgemeinen Kriegsnachfolgegesetz rechtssicher und fristgerecht gewahrt werden. Das trage der Gemeinderat einstimmig mit. In der letzten Sitzung vor der Sommerpause beschloss er, die Ansprüche gegenüber der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben, BImA, geltend zu machen, notfalls auch im Klageverfahren.

Vorerst aber arbeite die Verwaltung mit hohem Aufwand auf eine einvernehmliche Lösung mit der BImA hin. Die sei zuständig für Folgewirkungen durch militärische Schutzbauten im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg. „Im Herbst wird sich entscheiden, ob zeitnah ein Kindergarten wie geplant an der gleichen Stelle errichtet werden kann oder ein Neubau an anderer Stelle notwendig wird“, hoffte Bürgermeister Lehnert.

Die Sanierung des Kindergartens St. Peter und Paul in Nalbach ist seit Monaten ruhend gestellt wegen weitläufiger Hohlräumen im Untergrund infolge vormals unbekannter Blindstollen. Foto: Johannes A. Bodwing

Dann könne auch Eltern und Mitarbeiterinnen der Einrichtungen eine konkrete Perspektive aufgezeigt werden, sagte er.

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