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Ausbaden müssen es die Menschen der Region

Die Gemeinde Nalbach und die umliegenden Kommunen sind seit Jahren von den Auswirkungen des Bergbaus betroffen. 2008 bebte dort die Erde mit einer Stärke von 4,5 auf der Richterskala. Die aktuelle Flutung der Primsmulde lässt die Angst der Bürger vor schweren Beben wieder aufleben – zu Recht, meint Bürgermeister Peter Lehnert. Im Gespräch mit SZ-Mitarbeiterin Lara Kühn kritisiert er das Vorgehen von RAG und Landesregierung und fordert bis zur Vorlage eines ordentlichen Abschlussbetriebsplans die sofortige Wiederanstellung der Pumpen. Notfalls auch mit juristischen Mitteln.

Herr Lehnert, was genau ist da derzeit los unter Tage?

Lehnert: Nichts Gutes! Seit der Stilllegung des saarländischen Bergbaus im Jahr 2012 werden die Grubenstollen von der RAG und mit dem Einverständnis der Landesregierung langsam, aber stetig, geflutet. Die Primsmulde ist Schätzungen zufolge bereits bis zu drei Vierteln vollgelaufen und das Wasser unter Tage steigt unablässig weiter - mit nicht abschätzbaren Folgen für die kommunale Infrastruktur, das Eigentum und die Gesundheit der Menschen.

Sie sprechen von erneuten Erdbeben in ihrer Region?

Lehnert: Ja, auch. Im September vergangenen Jahres hat die Erde in Nalbach und in Saarwellingen erstmals seit dem Stopp des Bergbaus wieder stark spürbar gebebt. Unsere Gemeinde hat deshalb Stellungnahmen eines unabhängigen Seismologen sowie Vertreter des Landesamtes für Umwelt und Arbeitsschutz eingeholt. Daraus geht ganz klar hervor, dass die Eintrittswahrscheinlichkeit von flutungsbedingten Beben mit Stärken bis zu 4,5 bei 50 Prozent liegt. Zusätzlich treibt uns die Sorge um sauberes Trinkwasser um. Saures Grubenwasser und giftige PCB-haltige Stoffe könnten sich womöglich durch die Flutung mit dem Grundwasser vermischen. Hier fehlen bis dato die dazu nötigen validen Untersuchungen.

Die RAG spricht in diesem Zusammenhang von einer unverantwortlichen Panikmache . . .

Lehnert: Die Einwände der RAG sind mir bekannt. Aber hier handelt es sich um Fakten. Und denen muss sich die RAG stellen, genauso wie die Landesregierung. Der beantragte, und später auch vom Oberbergamt genehmigte, Sonderbetriebsplan ist eine uns altbekannte Salamitaktik der RAG, um Überprüfungen zur Umweltverträglichkeit und eine Beteiligung der Öffentlichkeit zu umgehen. Aber ausbaden müssen es die Menschen in den betroffenen Kommunen, wenn die Flutung der Grubenstollen nach hinten losgeht. Und um das noch mal zu betonen: Wir sprechen hier im Saarland von einer 600 quadratkilometergroßen Fläche und einem Gefährdungspotenzial für rund 600 000 Bürger .

Was ist ihrer Meinung nach jetzt zu tun?

Lehnert: Wir dürfen auf keinen Fall warten, bis das Kind in den Brunnen gefallen ist. Die Pumpen müssen umgehend wieder angestellt werden und dafür sorgen, dass der Wasserspiegel auf dem jetzigen Niveau beibehalten wird. Ein erneutes Abpumpen wäre zu riskant und brächte ebenfalls unvorhersehbare Folgen mit sich. Im Gemeinderat haben wir eine Resolution verabschiedet, in der wir die Landesregierung unter anderem zu einem transparenteren Vorgehen auffordern. Außerdem bestehen wir auf eine aktive Teilhabe aller Betroffenen innerhalb eines ordentlichen Abschlussbetriebsplans für das Bergwerk Saar.

Der geltende Sonderbetriebsplan ist mit dieser Forderung aber nicht vereinbar?

Lehnert: Das ist richtig. Weil die Regierung bisher auch noch auf keines unserer Anliegen eingegangen ist, wird unser Gemeinderat in der kommenden Sitzung Mitte März über weitere Schritte nachdenken. Notfalls auch auf rechtlichem Wege. Denn läuft das Wasser weiter, und das müssen sich alle Beteiligten einmal vor Augen führen, dann besteht die ernst zu nehmende Möglichkeit, dass durch die negativen Auswirkungen zahlreiche saarländische Kommunen für Jahrzehnte aufs wirtschaftliche Abstellgleis gestellt werden.