Artenschutz Wieso Arten aus der Region verschwinden – und was dagegen unternommen wird

Lebach · Ob durch fehlenden Lebensraum oder zu wenig Nahrung: Auch im Saarland sterben Pflanzen und Tiere aus. Der Nabu versucht, das mit konkreten Maßnahmen zu verhindern. Durch manche davon sind Arten mittlerweile sogar zurückgekehrt.

Über hundert Jahre lang gab es im Saarland keine Biber. Doch die Ansiedlungsmaßnahmen des Nabu haben gefruchtet. Heute sind sie wieder an fast allen Flüssen und Bächen des Landes heimisch.

Über hundert Jahre lang gab es im Saarland keine Biber. Doch die Ansiedlungsmaßnahmen des Nabu haben gefruchtet. Heute sind sie wieder an fast allen Flüssen und Bächen des Landes heimisch.

Foto: dpa/Patrick Pleul

Auf der ganzen Welt sinkt die Artenvielfalt – und alle sollen heute daran erinnert werden. Denn seit 1973 ist der 3. März der Welttag des Artenschutzes (World Wildlife Day) – angelehnt an die Unterzeichnung des Washingtoner Artenschutzübereinkommens vor genau 50 Jahren. Dieser Vertrag sollte weltweit den dramatischen Rückgang vieler Arten durch Wilderei und Handel verhindern.

Ein Drittel aller Arten im Saarland sind gefährdet oder sogar bereits ausgestorben

Auch wenn sich die Situation diesbezüglich deutlich verbessert hat: Heute sind es andere Ursachen, die zum Verlust unserer Biodiversität führen: Der Klimawandel sowie politische und wirtschaftliche Entwicklungen vertreiben Tiere aus ihren Lebensräumen, verschlechtern ihr Nahrungsangebot. Auch hier entstehen solche Konflikte. Laut Informationen der Naturforschenden Gesellschaft des Saarlandes „Delattinia“ sind etwa ein Drittel der Tier-, Pflanzen- und Pilzarten des Saarlandes in ihrem Bestand gefährdet oder bereits ausgestorben. Deshalb möchte unsere Zeitung die Frage klären: Wie wird hier Artenschutz betrieben? Und welche konkreten Maßnahmen hatten bereits Erfolg?

Welche Entwicklungen die Artenvielfalt in der Region gefährden

Dazu haben wir Rudi Reiter beim Nabu-Landesverband in Lebach besucht. Reiter stammt aus Düppenweiler und ist der stellvertretende Vorsitzende des Naturschutzbundes (NABU) im Saarland. Auf die Frage, welche Umstände zurzeit die Artenvielfalt in der Region gefährden, fallen ihm sofort eine Vielzahl von Ursachen ein: Durch immer häufiger auftretende Hitzewellen würden auf einen Schlag alle Arten eines Ökosystems in ausgetrockneten Flussbetten verenden. Die Energiekrise schaffe einen höheren Brennholzbedarf und gefährde bislang unangetastet gebliebene Waldgebiete. Außerdem würden durch Bauprojekte immer mehr Flächen versiegelt und somit natürlicher Lebensraum verringert, erklärt Reiter.

 Auch der Weißstorch hat sich 50 Jahre nicht mehr im Saarland sehen lassen. Darauf hat der Nabu mit dem Aufstellen von Kunsthorsten für die Zugvögel reagiert. Mittlerweile soll es hier wieder rund 20 Brutpaare geben.

Auch der Weißstorch hat sich 50 Jahre nicht mehr im Saarland sehen lassen. Darauf hat der Nabu mit dem Aufstellen von Kunsthorsten für die Zugvögel reagiert. Mittlerweile soll es hier wieder rund 20 Brutpaare geben.

Foto: Ruppenthal

Vogelarten sterben aus, weil Wiesen heutzutage zu häufig gemäht werden

Die mit größte Gefahr in der Region sieht er allerdings in der Intensivierung der Landwirtschaft. Viele Arten, die auf Feldern und Wiesen leben, würden unter zu häufigem Mähen leiden. Das Ökosystem „Grünland“ werde damit komplett aus dem Rhythmus gebracht. Reiter erklärt: „Wenn eine Wiese viermal im Jahr gemäht wird, wie es heute teilweise der Fall ist, bleibt den blühenden Pflanzen nicht genug Zeit, um Samen zu bilden. Die können sich dann nicht fortpflanzen, und es gibt weniger Insekten. Dadurch gibt es wiederum weniger Futter für Vögel oder Mäuse. Und dann kommt noch hinzu, dass beim Mähen selbst Nester der Wiesenbrüter zerstört werden.“

Eine Vielzahl heimischer Vögel wie der Wiesenpieper oder der Vogel des Jahres 2023, das Braunkehlchen, stünden deshalb im Saarland bereits vorm Aussterben. „Der Kiebitz ist zum Beispiel schon komplett aus der Region verschwunden“, betont der Naturschützer. Als Gegenmaßnahme bemühe sich der Nabu in Absprache mit Kommunen und Bauern um sogenannte Blührandstreifen im Offenland. Die werden nicht so häufig gemäht und mit den richtigen Pflanzen angelegt, die die Voraussetzungen für den Lebensraum vieler betroffener Arten erfüllen. Die Arbeit der 33 saarländischen Ortsgruppen des Nabu bestehe dann meist darin, Flächen ausfindig zu machen, die für so einen Blühstreifen infrage kommen. Teilweise werden sie dann auch selbst vom Naturschutzbund angepflanzt, erklärt Reiter. „In Beckingen haben wir beispielsweise direkt vor dem Rathaus eine solche Fläche eingesät.“

Mit welchen anderen Maßnahmen der Nabu die Artenvielfalt in der Region schützen will

In der Region seien vor allem viele Vogelarten gefährdet. Um ihnen auszuhelfen, bringe der Nabu beispielsweise Nistkästen an Bäumen und Gebäuden an. „Aktuell sind wir auch dabei, ein Gebäudebrüterkonzept zusammen mit dem Umweltministerium zu entwickeln. Ziel davon ist unter anderem, dass Architekten geschult werden, Lebensräume für Vögel schon bei der Planung eines Hauses einzurichten“, erklärt Reiter.

Mit Krötenzäunen, Arbeitsgruppen für Fledermäuse und Renaturierungen von Gewässern gehe der Artenschutz des Umweltverbands aber auch weit über den Vogelschutz hinaus. Morgen feiert der Nabu Saarlouis/Dillingen beispielsweise die Einweihung des Dillinger Ökosees, wo über Jahre hinweg die Uferzonen und Inseln des Sees zu einem optimalen Lebensraum für zahlreiche Arten umgestaltet wurden (Bericht folgt).

Die Rückkehr des Bibers ins Saarland: Eine Erfolgsgeschichte

Doch was ist eigentlich der größte Erfolg, den die Maßnahmen des Nabu in den vergangenen 20 Jahren erreicht haben? Für Reiter ist das die Wiederansiedlung des Bibers im Saarland. Mehr als hundert Jahre lang galt er hier als komplett ausgestorben. Im Jahr 1994 wurden dann fünf Biber an der Elbe eingefangen und im Illtal bei künstlich vom Nabu angelegten Biberburgen ausgesiedelt. Heute gebe es wieder über 600 Biberpaare – unter anderem auch an der Saar, der Prims, der Nied und an der Bist. Was laut Reiter das Beste daran ist: „Von den Burgen, die der Biber baut, profitieren auch Amphibien, Wasserpflanzen, Vögel und mehr. Er schafft gratis neue Biotope – und hilft uns damit beim Naturschutz.“

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