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Apropos
Schülerwerbung 1966: Mein Gott, ihr seid zu viele

FOTO: SZ / Roby Lorenz
Auf dem Schulgelände kannten wir uns nicht aus. Wir gingen dorthin, wo die anderen Kinder auch hingingen. So was wie Führungen, Schnupperunterricht, Vorstellen der Lehrer oder Kennenlerntag – das gab es in den 60er Jahren noch nicht. Von Monika Kühn

Schulen stehen zurzeit besonders im Fokus. Sollen die Grundschulen in der Trägerschaft der Kommunen bleiben, sollen sie zu den Landkreisen, die für die weiterführenden Schulen zuständig sind, oder soll ein Zweckverband gegründet werden? Auch das Thema Inklusion nimmt wieder breiten Raum ein, Förderschulen sprechen sich für ihre besondere und individuelle Förderung aus und argumentieren, Inklusion sei nicht immer möglich. Momentan laufen die Anmeldungen. Da will natürlich jede Schule wieder möglichst viele Kinder für sich gewinnen. Da werden Tage der offenen Tür, Schnupperunterricht und vieles mehr angeboten. Die Jungs und Mädchen lernen zusammen mit ihren Eltern die Räumlichkeiten kennen, die Lehrer, die vielen Arbeitsgemeinschaften, die Besonderheiten der Schule. Das erinnert mich an meine eigene Schulzeit. Ich wechselte im Kurzschuljahr 1966 auf eine weiterführende Schule. Am ersten Tag ging noch die Mama mit. Doch von da an waren wir, zwei Mädchen wechselten mit mir, die Jungs gingen ihre eigenen Wege, auf uns alleine gestellt. An der Haltestelle stiegen wir morgens vor 7 Uhr ein und kletterten dort aus dem Bus, wo alle anderen Kindern auch ausstiegen. So genau kannten wir unseren Schulweg überhaupt nicht. Morgens, 7 Uhr, Dezember, neblig. Wir drei standen im Schulgelände. Wussten nicht mehr, wo unser Klassenraum war. In der Nähe der Kirche, fiel uns wieder ein. Das Gotteshaus konnten wir auch sehen, es war erleuchtet und wir erkannten das Gebäude an seinen hohen Fenstern. Und wir beeilten uns dorthin zu kommen, hatten wir doch nur noch gut eine halbe Stunde Zeit und jede Menge Angst, uns zu verlaufen. Dann neben der Kirche war da ein großes Gebäude und Kinder gingen dort hinein. Wir auch. Sofort erkannten wir, dass wir richtig waren. An einer Wand im Flur gab es ein Mosaik von den Bremer Stadtmusikanten. Auch unsere Klasse fanden wir sofort, setzten uns in die erste Reihe, wir waren schließlich sehr zeitig an. Nach und nach kamen viele Mädchen, jede suchte sich ihren Platz. Drei Reihen mit jeweils neun Bänken füllten sich. In jeder Stunde kamen neue Lehrer. Alle fragten: Wie viele seid ihr?“ 54 kam die Antwort im Chor. „Mein Gott, so viele, ihr könnt nicht alle bleiben“, war stets die Antwort. Welch eine Motivation für uns Sextaner, die wir froh waren, den Klassensaal gefunden zu haben? Als ich das dann nachmittags zu Hause erzählte, riet mir meine Mutter: „Dann musst du fleißig lernen und gut aufpassen.“ Geärgert hat sie sich über diesen Ausspruch aber sehr. Doch sich zu beschweren, das gab es damals nicht. Sie sagte nur: „Es wird eine Zeit kommen, ich werde sie nicht mehr erleben, wo sie sich um die Kinder streiten werden.“ Sie hat es nicht mehr erlebt, aber sie hat recht behalten.