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„Durch Jomi lernt man anders sehen“

Lebach. Pantomimen machen es dem Zuseher nicht ganz leicht, denn man muss ihnen entgegengehen. Wer sich darauf einlässt, der ist restlos begeistert. So etwa vom großen Jomi, den alle Welt kennt und der in Lebach ein bescheidenes Leben führt. Vor allem die Kinder haben es dem Theaterpädagogen angetan. Peter Wagner

"Ich fühle mich gut, ich habe gut durchgeschafft. Ob ich glücklich bin? Ja!", versichert Jomi lächelnd. Es mag viele überraschen, dass der in aller Welt bekannte saarländische Pantomime-Künstler nicht nur mit Körper- und Gebärdensprache jongliert, sondern verständlich spricht. Das ist ungewöhnlich für jemanden, der im Babyalter das Hörvermögen verlor und die Lautsprache nicht bewusst wahrnehmen konnte. Jomi liest Fragen von Lippen ab, er redet in ganzen Sätzen. Diese kräftezehrende Leistung ist Lerneifer und Kampfgeist zu verdanken.

Josef Michael "Jomi" Kreutzer, vor 62 Jahren in Bous geboren, hatte es durch die Behinderung nie leicht. Der Vater, Prokurist in einer Stahl baufirma, ließ den zur Schauspielerei neigenden Jungen erst einmal Zahntechniker lernen, damit er "was Richtiges" könne. Der Sohn durfte danach aber an der berühmten Pariser "École de mimodrame" bei Marcel Marceau die "Kunst der Stille" studieren. Er war dort der einzige Gehörlose seinerzeit. Der Papa war dann doch sehr stolz.

Man mag spekulieren, ob das Handicap sogar noch zur Schärfung von Jomis ohnehin ausgeprägter Beobachtungsgabe und zur künstlerischen Verfeinerung beitrug. Unterm Strich bedeutete der Gehörverlust für den Pantomimen Einschränkung, Kommunikationsentzug, Isolation. Jomi, der sich selbst als behinderten Menschen betrachtet und deshalb Integration und Inklusion fördert, wo es geht, konnte nie mal eben einen Künstleragenten anrufen, um ein Projekt zu vereinbaren. Er war und ist in vielen Alltagsdingen hilfsbedürftig, aber er wusste stets Menschen an seiner Seite, die seinen Charakter, Charme, seine Begeisterungsfähigkeit und seine Kunst schätzten. Obwohl er auf allen Kontinenten gefeierte Gastspiele gab, brachte er es in über 30 Bühnenjahren in der doch sehr speziellen Kunstrichtung Pantomimik nicht zu dem Reichtum, den etwa Popstars genießen.

Sei es drum, Jomi, Träger des Bundesverdienstkreuzes und zahlreicher Preise, ist ein bescheidener, demütiger Mann geblieben. Er lebt seit einigen Jahren im kleinen Eidenborn bei Lebach , trainiert mit Disziplin seine Kunstfertigkeit, bietet als Bühnenkünstler ein breites Repertoire an und widmet sich mit großer Hingabe der Theaterpädagogik. Als Angestellter des Bildungs- und Kulturministeriums ist er derzeit an sieben Schulen tätig, unterrichtet auch geistig behinderte Kinder in der Förderschule Saarbrücken-Dudweiler bei einem Theaterprojekt. Mit gehörlosen Flüchtlingskindern aus Afghanistan versteht er sich auf Anhieb mit Gebärden.



Eine besondere Ehre lässt die Wahlheimat Lebach ihrem prominenten Mitbürger zukommen. In einer Foto-Ausstellung im Rathaus wird Jomis Lebenseinstellung auf üppigen Stoffbannern ausgebreitet: "In der Stille Schweigen brechen, über das Auge des Schauenden das Herz treffen." Freundin Wilma Haupenthal, Musikpädagogin aus Dudweiler, kann schön erklären, warum man hingehen sollte: "Durch Jomi lernt man anders sehen. Alle, die sich auf ihn einlassen, profitieren."



Die Austellung "Pantomime Jomi" ist im Rathaus Lebach vom 25. März bis 9. April zu sehen