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„Der liebe Gott braucht mich noch hier“

„Der liebe Gott braucht mich noch hier“

Jimmy Hartwig war Fußballprofi und feierte wilde Partys. Dann kam der Krebs und ein komplett neues Leben.

Ein Leben wie eine Achterbahnfahrt: Jimmy Hartwig war Nationalspieler, Europapokalsieger mit dem HSV und Millionär. Doch er hatte es auch immer schwer, wurde in Stadien als "Neger" beschimpft. Dann kam der Krebs. Insgesamt drei Mal. Doch er lässt sich nicht unterkriegen. Im SZ-Gespräch erzählt Hartwig am Rande des Aschbacher Pfingstturniers, wie er sich trotz der Niederschläge seinen Optimismus bewahrt hat, warum er jetzt Theater spielt, sich für die Integration stark macht - und warum er Bayern-Fan geworden ist.

Sie waren in den 80ern einer der besten Mittelfeldspieler Deutschlands, nach ihrer Laufbahn dann Schauspieler. Jetzt sind Sie bald in Augsburg in einer Operette zu sehen. Eine beachtliche Karriere . . .

Hartwig: Und weißt du, was das Schönste ist? Dass die Zeitungen jetzt schreiben: der Schauspieler, der früher Fußballspieler war. Am Anfang, als ich auf der Bühne stand, hieß es immer: Der Fußballer, der jetzt Schauspieler ist. Jetzt wird manchem klar: Es ist gut, was der da auf der Bühne macht. Und nun spiele ich halt ab Dezember den Baron in der Operette "Roxy und ihr Wunderteam".

Aber können Sie auch singen?

Hartwig (lacht und antwortet mit tiefer Stimme): Oh, jaaaa. Ich hab' Saxophon-Unterricht und bei einem Opernsänger auch Gesangsunterricht. Das Singen kriege ich hin. Ich habe ja früher schon mal 'ne Platte gemacht: Mama Calypso.

Wie kommt man als Fußballer eigentlich ausgerechnet zum Theater?

Hartwig: Ich will halt immer was Neues machen. Fußball, Theater. Ich habe ja auch schon zwei Bücher geschrieben. Ich bin halt nie zufrieden. Nee, stopp. Zufrieden bin ich schon, aber ich bin rastlos. Ich will immer mehr. Das Leben ist so kurz.

Aber ausgerechnet Theater?

Hartwig: Regisseur Thomas Thieme hat mich gefragt: ,Hast du mal Lust, Theater zu spielen.' Und ich habe gesagt: ,Natürlich.' Aber ich habe es danach vergessen. Bis Thomas dann tatsächlich angerufen hat: ,Du kannst mit Ben Becker spielen - im Baal von Bert Brecht.' Da hab ich gedacht: Oh wei. Aber das war dann ganz erfolgreich. Und es kamen immer mehr Stücke. Am Nationaltheater in Weimar. Dann in Leipzig die Hauptrolle in Georg Büchners ,Woyzeck'. Oder in Luxemburg ,Spiel ohne Ball'. 75 Minuten Monolog. Und jetzt halt Operette. Das Schöne ist: Ich mache das, weil es mir Spaß macht, nicht wegen des Geldes. Und ich bringe meine Leistung.

Sie waren ja auch als Fußballer immer für einen großen Auftritt gut.

Hartwig: Ein Theater-Ensemble und eine Fußballmannschaft sind eigentlich das gleiche. Der Regisseur ist der Trainer, der Hauptdarsteller der Spielmacher. Und du musst abliefern. Auch im Theater darfst du keinen zweiten Fehlpass spielen. Denn die Ausrede ,Ich hab mich gezerrt' zieht im Theater nicht.

Sie galten während Ihrer Karriere immer als Enfant terrible.

Hartwig: Ich habe immer meine Meinung gesagt. Habe das Maul aufgemacht.

Aber haben Sie mal was bereut?

Hartwig: Ja, ich wäre besser beim HSV mal früher ins Bett gegangen (lacht). Ich wäre gerne noch mehr Profi gewesen. Ich war Profi, aber ich hätte es noch mehr sein können. Vielleicht hätte ich auch nicht so oft die Wahrheit sagen sollen. Denn die Wahrheit zu sagen, bedeutet immer, Ohrfeigen zu kriegen. Und ich habe viele gekriegt. Aber ich bin so. Ich lasse es nicht zu, wenn jemand andere Menschen beleidigt oder an den Rand drückt. Da werde ich immer dagegen vorgehen.

Lassen Sie uns über ihre Krankheit reden. Sie hatten Prostatakrebs und Hodenkrebs, dann auch noch einen Hirntumor. Wie geht man mit solchen Schicksalsschlägen um, wie hat Sie das verändert?

Hartwig: Ich habe alles verloren. Ich habe meine damalige Frau verloren. Ich habe viele so genannte Freunde verloren. Ich habe viel Geld verloren. Ich musste einen Neuanfang machen. Das ist, was ich verloren habe. Ich habe aber auch viel gewonnen.

Was zum Beispiel?

Hartwig: Ich habe viele loyale Menschen kennengelernt. Und ich habe das Wissen gewonnen, dass es im Leben immer weitergeht. Dass man keine Angst haben muss vor dem Tod. Ich habe ihm in die Augen geblickt, drei Mal. Beim ersten Mal hatte ich schon die letzte Ölung, wog nur noch 58 Kilo. Ich hatte Metastasen. Aber ich hatte Glück. Ich weiß: Der liebe Gott will mich noch nicht. Weil er so Typen wie mich hier unten noch gebrauchen kann. Ich lebe und will den Leuten zeigen, wie schön es ist, zu leben. Ich stehe auf und lache. Sonst ist es doch quatsch. Wenn ich aufstehe und schlecht gelaunt bin - das bringt's doch nicht. Das macht dir den Tag kaputt und den anderen Leuten auch. Ich will noch mindestens 20 Jahre leben, sehen, wie meine siebenjährige Tochter aufwächst. Und wenn ich dann so weit bin, dass ich gehen muss, will ich keine Trauer. Dann will ich mich mit einer Mörderparty verabschieden. Mit Musik und Fingerfood. Alles schon geplant. Eine Möööörderparty. Und das zu wissen, ist ein gutes Gefühl.

Keine Momente des Zweifelns?

Hartwig: Natürlich hatte ich Zweifel. Wenn du vorm Spiegel stehst: nur noch 58 Kilo, künstlicher Darm ausgang, die Haare fallen aus, du siehst beschissen aus. Natürlich zweifelst du dann. Die erste Frage ist: Warum ich? Ich war ja beim ersten Mal gerade 36 Jahre alt. Aber ich kann heute sagen: Ich bin rundum glücklich. Ich habe eine tolle Frau, eine tolle Familie. Es hat etwas länger gedauert als bei anderen, aber ich bin angekommen. Alles ist gut.

War die Krankheit auch der Auslöser, auf dem Jakobsweg zu pilgern?

Hartwig: Das war meine Frau. Die ist ihn zwei Jahre vorher gegangen. Ein Riesen-Erlebnis. Ich bin 130 Kilometer gelaufen. Nächstes Jahr will ich noch mal hin - eine andere Strecke. Dann 100 Kilometer mehr.

Sie haben Ihre größten Erfolge im Fußball beim HSV gefeiert. Da sieht es derzeit desaströs aus. Besteht noch Kontakt?

Hartwig: Ja, zu Horst Hrubesch, Manni Kaltz, Bernd Wehmeyer und Rudi Kargus. Dann ist es aber auch gut. Ich bin Bayern-Fan geworden. Schau dir mal an, wie die Bayern mit ihren ehemaligen Spielern umgehen. Die kümmern sich um alle. Wenn die Bayern Meister werden, sind alle eingeladen. Wenn einer Probleme hat, wird ihm geholfen. Sensationell. Beim HSV hab' ich nicht mal ein Wasser bekommen. Deshalb ist mir der Verein auch egal. Wenn sie absteigen - ich gönn's ihnen.

Die Fragen stellte Peter Wilhelm

Zum Thema:

Jimmy Hartwig, Sohn eines US-Soldaten, wurde am 5. Oktober 1954 in Offenbach geboren. Er machte 244 Erstliga-Spiele, vor allem für den Hamburger SV und den 1. FC Köln. Vier auch für den FC Homburg. Dann zwangen ihn Knieprobleme zum Karriere-Ende. Er wurde mit dem HSV drei Mal deutscher Meister (1979, 1982 und 1983), zudem gewann er 1983 den Europapokal der Landesmeister. Für die deutsche Nationalmannschaft absolvierte er zwei A-Länderspiele. Dann erhielt er von Bundestrainer Jupp Derwall keine Einladung mehr. Wegen seiner Hautfarbe? Hartwig ist davon überzeugt. "Ich habe als Nationalspieler wegen meiner Hautfarbe viel Gegenwind bekommen und manchmal echt schlucken müssen. Das tue ich heute manchmal immer noch", sagt er. Heute ist Hartwig als Integrationsbotschafter des DFB unterwegs. "Ich arbeite gerne mit Menschen zusammen, mit Jugendlichen, Heranwachsenden, Flüchtlingen. Klar: Es sind nicht alle nett, die zu uns kommen. Aber trotzdem muss man ihnen eine Chance geben. Bei mir kriegt jeder eine Chance." Zudem steht er als Schauspieler auf der Bühne. 2010 erschien sein zweites Buch mit dem Titel: "Ich bin ein Kämpfer geblieben".