Was die Redaktion nervt : Unsere Unworte 2019

Das Unwort des Jahres wird seit 1991 gesucht. Die Jury-Entscheidung für 2019 wird am heutigen Dienstag bei einer Pressekonferenz bekannt gegeben. Von den 232 Vorschlägen haben 26 die Voraussetzungen erfüllt. Zum Tag der offiziellen Kür hat die Redaktion ihre ganz eigenen Unworte des vergangenen Jahres gesammelt.

Daniel Bonenberger meint: Das ist höchstens ein Päckchen

Foto: SZ/Müller, Astrid

Das hier gewählte Unwort des Jahres, Klimapaket, ist kein Unwort im engeren Sinne, da es im Kern einer richtigen Entwicklung hin zu einer nachhaltigeren und umweltfreundlicheren Gesellschafts- und Lebensform zumindest in Deutschland folgt. Dennoch, von einem Paket kann keine Rede sein, mit viel Wohlwollen und gutem Willen lässt sich höchstens von einem Paketchen oder Päckchen sprechen. In monatelangen zähen Verhandlungsrunden, mit großen Attitüden und hoffnungsvollen Ankündigungen hat sich die Bundesregierung zumindest in der Wortwahl hinter die immer stärker werdende Klimabewegung, allen voran „Fridays for Future“, gestellt und immer wieder von einer generationenübergreifenden Jahrhundertaufgabe gesprochen. Nur leider klaffen Ankündigungen und Maßnahmen zum Klimaschutz weiterhin weit auseinander. Aus der Kohleenergie, nachweislich ein Klimakiller, will sich Deutschland erst 2038 zurückziehen, von der angestrebten Millionenmarke bei Elektroautos sind wir meilenweit entfernt. Auch der Ausbau der Windenergie ist durch hohe bürokratische Hürden rückläufig, in der Massentierhaltung ist bislang noch nichts passiert und die im Kern richtige Bepreisung von CO2 zum Beispiel auf Benzin halten selbst wohlwollende Experten für lachhaft und unwirksam. Es muss daher noch viel getan werden, damit aus dem Päckchen tatsächlich ein Paket wird.

Christian Beckinger meint: Hetzen für den schnelle Klick

Foto: SZ/Robby Lorenz

Nanu, fällt denen gar nichts Neues mehr ein? Das mag der ein oder andere aufmerksame Leser mit gutem Gedächtnis beim Lesen dieser Zeilen denken. Schon als wir 2015 unsere ganz persönlichen Unwörter vorstellten, habe ich mich über Facebook ausgelassen. Und jetzt also wieder? Ja. Und das hat einen einfachen Grund: An meinem damaligen Befund hat sich leider nichts geändert – im Gegenteil: Das soziale Netzwerk, das Mark Zuckerberg einst als Party- und Dating-Börse begründet hat, ist eine Pöbel- und Populisten-Plattform geworden, in der vernünftige Umgangsformen und ein entsprechender Umgangston keine Chance haben gegen lautstarkes Krakeelen, hysterischen Alarmismus, unverfrorene Lügen und blanken Hass. Und niemand greift ein, niemand entlarvt die kleinen und großen Demagogen – weil es Klicks bringt und Reichweite. Und dem Multimilliardär Zuckerberg durch geschickt platzierte Werbung weiter die Taschen füllt. Meine Abscheu gegen Facebook, sie ist seit 2015 eher noch größer geworden.

Esther Maas meint: Warum immer gleich Streit?

Foto: SZ/Robby Lorenz

Es sind nicht immer nur die Trumps, Putins und Co.! Manchmal sind auch die Medien schuld, wenn immer häufiger Wörter in den Fokus rücken, die der Sache keineswegs angemessen sind. Zum Beispiel das Wort Streit. Seit Monaten in Fernsehen, Funk und Zeitungen auf dem Vormarsch. Politiker diskutieren über Geschwindigkeitsbeschränkungen. Die Schlagzeilen lauten aber: „Streit um Tempolimit“. Warum Streit? Oder: „Streit um Kassenbon-Pflicht“. Auch hier: warum Streit? Weshalb können Menschen nicht mehr miteinander reden, diskutieren oder debattieren? Vielleicht, weil das Wort Streit mehr Aufmerksamkeit auf sich zieht. Pure Effekthascherei. Die Gefahr: Wenn alle nur noch streiten, kann kaum jemand noch sachlich argumentieren, diskutieren oder informieren.

Barbara Scherer meint: Ich kenne ihren Chef

Foto: SZ/Baltes, Bernhard

Um eines direkt vorneweg zu nehmen: Gegen meinen Chef habe ich gar nichts. Weder gegen meinen direkten Vorgesetzten noch gegen die, die weiter oben in der Hierarchie sitzen. Sehr wohl habe ich aber etwas gegen die Phrase „Ich kenne Ihren Chef“. Diese habe ich im abgelaufenen Jahr überdurchschnittlich oft gehört – meist, wenn irgendjemand erwartet hat, dass ich etwas Bestimmtes (nicht) mache. Ich bin nicht einmal völlig sicher, was mir die Leute damit überhaupt sagen möchten. Wollen sie einfach nur damit angeben, was für wichtige Leute sie kennen? Oder wollen sie mir gar drohen, à la „wenn du zu mir doof bist, sag ich’s deiner Mama“? Manchmal wird das „Ich kenne Ihren Chef“ sogar noch mit Namen untermauert – auch mit solchen von Menschen, die alles sind, nur nicht mein Chef. Und selbst wenn tatsächlich die korrekte Person gemeint ist, möchte ich hier nun ein für alle Mal allen antworten, die sich dazu berufen fühlen, mir mitzuteilen, dass sie meinen Chef kennen: herzlichen Glückwunsch. Den kenne ich auch.

Margit Stark meint: Diese Prüfung ist der Hohn

Foto: SZ/Robby Lorenz

Es gibt viele Wörter, die mir im vergangenen Jahr nicht gefallen haben, einschließlich der Politiker, die diese ausgesprochen haben. Aber ein Wort überflügelt nach meiner Meinung alle Misstöne, die wir im Laufe des Jahres über uns ergehen ließen. Für mich ist Bedarfsprüfung das Unwort des Jahres. Genervt hat zum einen die monatelange Zofferei um das, was nur richtig ist: dass Rentner, die länger als 35 Jahre in die gesetzliche Rentenkasse gezahlt haben, endlich Auskommen mit dem Einkommen haben. Auf den Keks gingen mir auch jene, die mit Verweis auf das Steuersäckel gebremst haben. Ich bin gespannt, ob sie auch so sparsam denken und vor allen Dingen handeln, wenn es um nächste Erhöhung ihrer Diäten und die Anpassung ihrer Ruhegehälter geht. Erst im Frühjahr vergangenen Jahres wurden die Diäten der Bundestagsabgeordneten angehoben: Mit dem 1. Juli stiegen sie erstmals auf mehr als 10 000 Euro. Und das alles ohne Prüfung. Dagegen lassen sich die Politiker mit der Grundrente für Geringverdiener Zeit. Für den 1. Januar 2021 ist sie vorgesehen – mit einer „umfassenden Einkommensprüfung“.

Johannes Werres meint: Hut ab vor der Tapferkeit

Foto: SZ/Robby Lorenz

Mein Unwort des Jahres ist Tapferkeit. Wieso? Ist doch was Positives? Und es spielte doch im vergangenen Jahr gar keine Rolle? Ja eben. Das Wort spielte gar keine Rolle. Es wurde nicht gesprochen. Deswegen ist es für mich ein Unwort. Unwort nicht wie Unsinn, eher wie unerledigt oder unerhört. Unerhört, das ist gut, ja. Tägliche Tapferkeit blieb wortlos. Dabei zeichnet sie so viele Menschen aus. Ich finde, es braucht Tapferkeit, um in diesen Zeiten zu leben. Angesichts der Übermacht des Unbekannten. Zu erleben, wie digitale Kontrolle wächst, immer weniger Lücken lässt, Menschen unentrinnbar als vorhersagbare Datenpakete definiert. Eigentlich reicht es schon, als Kunde mit Call-Centern von Kommunikationsunternehmen zu telefonieren, um Ohnmacht zu fühlen. Oder die systematische Überforderung vieler Leute im Beruf. Und die anderen großen Bewegungen: Klimawandel, die globale Verschiebung von Macht und Stärke, die Europa auszutrocknen droht. Sich einzufinden in diese beginnende Zeit, mit offenen Augen, das braucht sie eben, die Tapferkeit. Und wie viele bleiben da täglich aufrecht! Wenn ich aus dem Fenster der Redaktion schaue, sehe ich auf eine Schule. Jede Menge junger Leute. Tapfer finde ich sie, aber das Wort blieb ungesagt.

Nicole Bastong meint: Das ist einfach würdelos

Foto: SZ/Robby Lorenz

Die inzwischen wohl bekannteste Klimaschutzaktivistin der Welt bewegte 2019 zahlreiche Gemüter. Spätestens mit seiner Wutrede im September zog das Mädchen aus Schweden aber auch einen beispiellosen und ekelerregenden Hass, insbesondere in den Kommentarspalten im Internet, auf sich. Man muss sie nicht mögen, um festzustellen: Der unterirdische Ton dieser verbalen Entgleisungen gegenüber einer Jugendlichen ist unter jeder Würde. Der Hashtag „Gretajünger“, der bei Twitter meist gleichrangig neben Schlagwörtern wie „Verbotsnazi“, „Ökofaschist“ oder „Klimahysteriker“ verwendet wird, zeigt dabei sinnbildlich, dass es den Nutzern weniger um die Sache geht als um Beleidigung und Diskriminierung Andersdenkender. Ist der Klimawandel denn eine Glaubensfrage, fern jedes wissenschaftlichen Belegs? Den Klima-Demonstranten wird unterstellt, dass sie ihrer Heiligen mit ihrer Botschaft in religiöser Verehrung blind folgen. Wer sich Sorgen um das Klima und die Zukunft macht, ist ein „Faschist“, wer auf Fleisch oder das Fliegen verzichtet, hysterisch und wer von anderen auch Verzicht fordert, ein Nazi? Vergleiche mit dem Faschismus sind in dem Zusammenhang besonders albern, da die Fridays-for-Future-Bewegung fern eines autoritären Systems völlig friedlich und ernsthaft auf die weltweite Klimaveränderung aufmerksam macht.

Oliver Spettel meint: Warnung vor der stummen Mehrheit

Foto: SZ/Robby Lorenz

Erinnern wir uns an die Welle der Empörung, die nach der nicht ganz glücklichen WDR-Comedy-Aktion mit einem verballhornten Kinderlied durchs Netz schwappte – ja, die Umweltsau-Debatte. Der Sender verwies darauf, dass ein Großteil der bissigen bis hasserfüllten Kommentare Ergebnis einer gesteuerten Empörung war. Klar ist, was gemeint ist. Laut Analysen hatten Netzwerke am rechten Rand die anfängliche (recht kleine) Aufregung zu einem wahren Sturm der Entrüstung gegenüber dem Medium angefacht.Das Unwort gesteuerte Empörung ist dabei nicht nur rein beschreibend, es soll auch verharmlosen. Hinter einer überschaubaren Gruppe von Krawallmachern im Netz steht immer auch die große und allzu oft schweigende Mehrheit. Nur wenige widersprechen. In Zeiten immer hitziger geführter gesellschaftlicher Debatten, wäre es fatal, diese Form von Meinungsmache über Empörung als gesteuert abzutun, statt ihr argumentativ zu begegnen.

Ulrike Paulmann meint: Vorsicht bei extremer Wortwahl

Foto: SZ/Robby Lorenz

Allem, was extrem ist, stehe er mit größtmöglicher Skepsis gegenüber, hat einmal ein Zeitgenosse gesagt. Eine gute Einstellung. Und die sollte meiner Meinung nach auch immer gelten, wenn es um extreme Wortwahl geht. Wenn Menschen beispielsweise laut und heftig über einen Klimawahn in solcher oder ähnlicher Formulierung lamentieren, dann ist Misstrauen angebracht. Denn: Worte wie diese sind gefährlich. Gefährlich, weil sie aggressiv ein plattes Gut- und Böse-Schema aufbauen. Gefährlich, weil die, die sie aussprechen, Andersdenkende herabwürdigen. Gefährlich, weil ungezählte Erkenntnisse einfach wegwischt und diese gegen eine eigene und einzige Wahrheit eingetauscht werden. Doch, und das lernt man eigentlich schon als Heranwachsender: So einfach sind die Welt und das, was gerade auf unserem Planeten passiert, nun mal nicht. Auch wenn das mancher gerne hätte.

Mathias Winters meint: Massenhaft sinnentleert

Foto: SZ/Robby Lorenz

Verschwörungstheorien überlasse ich anderen. Aber manchmal fände ich es doch interessant herauszufinden, wie etwas derartig herein wabern konnte, insbesondere in den Sprachgebrauch. Wie also konnte es dazu kommen, dass heute jede und jeder Aktivist ist? Was steckt dahinter? Ist es nur das zu weit verbreitete Nachmachen, ohne nachzudenken? Missbrauchen Sprecher und Schreiber den an sich durchaus positiv besetzten Begriff bewusst übertrieben oft, um ihm einen negativen Beigeschmack anzuhaften? Wie auch immer hat die massenhafte Verwendung des Ausdrucks zu seiner Sinnentleerung geführt. Ein triftiger Grund, das Wort bis auf Weiteres nicht mehr zu nutzen. Die Zeit, nach inhaltsvollen Begriffen an seiner Stelle zu suchen, sollten wir uns nehmen.

Astrid Dörr meint: Wird Klimaschutz zur Zerreißprobe?

Foto: SZ/Robby Lorenz

Ursula von der Leyen hat den so genannten „European Green Deal“ zu einem der wichtigsten Themen ihrer Amtszeit erklärt. Bis 2050 solle die EU klimaneutral werden. Ob Green Deal (wörtlich übersetzt Grüner Handel) oder Klimaschutz, Klimawandel, Klimaaktivistin Greta Thunberg: Dass Europa in 30 Jahren klimaneutral ist, wer’s glaubt . . . Die EU-Kommissionsvorsitzende sollte auch die Hintergründe des Deals erläutern. Bevor der „Green Deal“ für Europa ausgerufen wird, müsste erstmal Deutschland „grün“ werden. Fangen wir mal damit an: „Fridays for Future“ wird nicht mehr als Streik ausgerufen, sondern an Schulen als Workshop veranstaltet (Fahrräder reparieren, Müll sammeln, Biotope anlegen). Wenn man sich in Europa noch nicht einmal mit der Verteilung der Flüchtlinge einigen kann, dann geht das mit dem Klimaschutz, der alle Staaten viel Geld kostet, schon gar nicht. Am Streit ums Klima kann die EU leicht zerbrechen. Dann wird aus dem „Green deal“ ein „Green exit“.

Peter Wilhelm meint: Geschönte Gesetzesnamen

Foto: SZ/Robby Lorenz

Je schlechter der Inhalt, umso besser muss die Verpackung sein. Dieser Grundsatz gilt mittlerweile offenbar nicht mehr nur für Gammel-Fleisch und Co. – sondern immer mehr auch für Gesetze. Die heißen nun „das Gute-Kita-Gesetz“ oder „Pflegepersonal-Stärkungsgesetz“. Fehlt ja eigentlich nur noch „das märchenhafte Maut-Gesetz“.

Allen gemeinsam: Sie hören sich gut und positiv an, sind aber oft einfach nur Mogelpackungen. Das schöne Schlagwort verschleiert, dass die Realität ganz anders aussieht. So wie bei meinem persönlichen Unwort des Jahres – das strenggenommen ein ganzer Begriff ist: „Gesetz für mehr Sicherheit in der Arzneimittelversorgung“. Dieses Gesetz hatte Minister Jens Spahn mit großem Brimborium im August verkündet. „Die Qualität und die Sicherheit der Arzneimittelversorgung wird dadurch deutlich verbessert“, versprach er. Und wie sieht die Realität aus? Zum Jahreswechsel waren 291 Medikamente in Deutschland nicht verfügbar – so viele wie noch nie zuvor. Alltagspräparate wie Ibuprofen, aber auch Krebsmedikamente. Apotheker und Ärzte schlagen längst Alarm, sprechen von „teils katastrophalen Zuständen“. Zum Vergleich: 2014 waren 30 Medikamente nicht verfügbar. Das war vor dem „Gesetz für mehr Sicherheit in der Arzneimittelversorgung“. Spahn bekräftigt nun ein „schärferes Vorgehen“ und neue Richtlinien. Vielleicht sollten die Ministerien diesmal weniger an schönen Namen fabulieren als an guten Inhalten feilen.