Der Reiz der grauen Tage

Der Nebel steigt, es fällt das Laub; Schenk ein den Wein, den holden! Wir wollen uns den grauen Tag vergolden, ja vergolden!" So dichtete Theodor Storm in seinem "Oktoberlied" über den Herbst, und er hatte recht.

Der Herbst ist schön, ich mag ihn. Unvergleichlich, wie morgens die Welt so still und sanft in zarten Dunstschleiern ruht, Nebeltröpfchen verlorenen Perlen gleich in Spinnennetzen hängen und das fahle Sonnenlicht schräg durch die letzten Blätter an den Zweigen scheint. Wie an späten Nachmittagen langsam die Dämmerung anbricht und sich der Himmel flamingorosa überzieht. Ihre letzten Kräfte scheint die Sonne zur Durchleuchtung von Cumuluswolkenmeeren zu nutzen. Richtig hübsch kitschig sieht das aus, eine prachtvolle Palette von Pink, feinste Farbschattierungen, die man nicht besser hätte erfinden können. Aber es gibt sie auch, die grauen Tage, die kalten, regnerischen und windigen. So ungemütlich, man möchte die empfindliche Nase am liebsten gar nicht erst raus stecken, sondern sich unter Kissenbergen auf der Couch vergraben und Tee trinken. Das hat ja durchaus seinen Reiz, vorausgesetzt man kann einen verlässlichen Ofen befeuern und hat eine gute Lektüre zur Hand. Dann wird man auch den Winter überstehen, der einem die noch kältere Schulter zeigt. Und kann auf den Frühling hoffen mit allem, was kommen wird. Da heißt's, optimistisch bleiben, wie es eben auch Storm tut: "Und geht es draußen noch so toll, unchristlich oder christlich, ist doch die Welt, die schöne Welt, so gänzlich unverwüstlich!" Steht zu hoffen, dass der gute Theodor auch da recht hatte . . .