Interview: Andreas Drescher und Anton G. Leitner über Erfahrungen mit Lyrik

Literatur : „Lyrik hat derzeit einen schweren Stand“

Lyriker Andreas Drescher und Anton G. Leitner: Gedichte haben es auf dem deutschen Markt schwer.

Gut besucht war die Lesung des Saarlouiser Schriftstellers Andreas H. Drescher und des Weßlinger Dichters Anton G. Leitner, zu der die vhs Saarlouis und die Stadtbibliothek eingeladen hatten. Beide lieferten Texte zum Thema „Winter mit Aussicht“. Hier sprechen sie über Erfahrungen mit Lyrik.

Wie und wann hat Ihre schriftstellerische Arbeit begonnen?

Andreas H. Drescher Mit 13 spukten bereits komische Sätze in meinem Kopf, die ich zu Papier brachte. Ich fing an, Gedichte zu schreiben und habe mich lange mit diesem Genre beschäftigt. Erst mit 20 ging‘s mit der Prosa los.

Anton G. Leitner Als ich an meinem Münchener Humanistischen Jungengymnasium mit der römischen Liebeslyrik in Berührung gekommen bin. Besonders Catull hat mich angesprochen, so dass ich versucht habe, in ähnlicher Weise – nur etwas schwülstiger – Gedichte zu schreiben, die in unserer Schülerzeitung abgedruckt und auch schon als Schüler von mir verlegt wurden. Vor allem aber habe ich sie in Lesungen und sonst als Kommunikationsmittel bei der Weiblichkeit eingesetzt.

Haben Sie gleich einen Verlag gefunden, der Ihre Lyrik beziehungsweise Prosa veröffentlichen wollte?

Leitner Ich bin früh an Kollegen geraten, beispielsweise Helmut Krausser und Friedrich Ani. So haben wir mit sieben jungen Poeten unsere erste Sammlung herausgebracht, die ein Schulkamerad finanziert hat. Ich habe sie dann selbst in die Münchner Buchhandlung Hugendubel am Marienplatz gebracht. So wurde der Goldmann-Verlag auf uns aufmerksam, und wir konnten ein weiteres Buch zusammen machen: „Gedichte über Leben“. Das Taschenbuch hat sich bereits 5000 Mal verkauft. Ich war damals 20.

Drescher Bei mir war es mit den Verlagen oft schwierig. So habe ich mich gefreut, dass im Jahr 2000 mein Topicana-Band „Fremde Zungen“ erschienen ist. Auch gab es viel Lob für mein Darwin-Hörbuch. Leider habe ich bis heute kein Honorar dafür erhalten. Auch deshalb habe ich 2016 die Edition Abel gegründet.

Wie steht es denn nun um den Lyrik-Markt in Deutschland?

Leitner Die Lyrik hat in Deutschland derzeit einen schweren Stand. Vielleicht hängt das auch mit der Literaturförderung zusammen, die oft Sperriges und Abgehobenes favorisiert. Ein weiteres Problem sind die Buchhändler, die offen gegenüber Anthologien sind, aber abwehrend reagieren, wenn sie Einzeltitel in ihr Sortiment aufnehmen sollen. Die Mühe, sich einen neuen Gedichtband näher anzuschauen, macht sich kaum noch ein Händler.

Haben Sie sich deshalb auf den englischen und irischen Markt begeben? Eine Auswahl Ihrer Arbeiten aus 34 Jahren wurde von drei Übersetzern ins Englische übertragen. Ist der englische Markt der Lyrik tatsächlich mehr zugetan?

Leitner Eindeutig ja, seit dem Gerangel um den Brexit boomt die Lyrik in Großbritannien. Vielleicht wollen sich die Leute ja auf die vielen Ungereimtheiten einen Reim machen. Die englischen Autoren bevorzugen die Real-Poesie. Damit sind sie näher am Leben dran, politische, erotische, witzige und soziale Inhalte sind dort wichtiger. Einzelne Autoren, meist junge Frauen wie die indischstämmige Rupi Kaur („Milch und Honig“), die in Kanada lebt, sprechen wiederum junge Frauen unter 35 Jahren an. Der englische Lyrikmarkt hat sich von einem Jahr zum anderen um viele Millionen Pfund Umsatz gesteigert.

Jetzt wollen Sie, Herr Leitner, auch den französischen Markt erobern?

Leitner Ja, der große französische Verlag „L‘ Harmattan“ will einen zweisprachigen Band mit 25 meiner Gedichte auf den Markt bringen. Für die Übersetzung zeichnet Joël Vincent verantwortlich, der schon Lyrik von Robert Gernhardt ins Französische übertragen hat.

Ist es in Frankreich ebenfalls leichter, Lyrik auf den Markt zu bringen?

Leitner Man muss sich vorstellen: In Großbritannien, aber auch in Frankreich, hat jeder Ort in der Größe von Saarlouis ein Literatur- oder sogar Lyrikfestival. So ein Buch ist der Schlüssel zum Schloss dieser Festivals. Man wird gegebenenfalls eingeladen, so dass man sich vorstellen und bekannt machen kann.

Herr Drescher, nach Ihrem erfolgreichen Roman „Kohlehund“ schreiben Sie an einem Gedichtband. Haben Sie schon einen Verleger gefunden?

Drescher Ich werde ihn wie mein Buch „Kohlehund“ im eigenen Verlag herausbringen. Zunächst aber will ich einen Schelmenroman über einen Teilnehmer am Kapp-Putsch als Hörbuch veröffentlichen.

Warum schreiben Sie überhaupt Gedichte?

Drescher Weil ich nicht anders kann. Ich gebe zu, man muss als Autor und Verleger eine gewisse Leidensfähigkeit mitbringen.

Leitner Lyrik hat immer etwas mit Kommunikation zu tun. Ohne Lyrik würde ich viele mir liebe Menschen nicht kennen.

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