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Multiresistente Keime
Antibiotika sind bedeutender als Hygienemängel

Tabletten helfen häufig, vor allem bei Antibiotika kommt es aber auf die richtige Anwendung an.
Tabletten helfen häufig, vor allem bei Antibiotika kommt es aber auf die richtige Anwendung an. FOTO: dpa / Friso Gentsch
Kreis Saarlouis. In Europa gibt es laut einer aktuellen Studie „Tausende Tote pro Jahr durch resistente Keime“ – so lautete die Schlagzeile der SZ von gestern. Wir sprachen mit Experten vom Gesundheitsamt Saarlouis über das Thema. Von Mathias Winters

Das liest sich beunruhigend. „Tausende Tote pro Jahr durch resistente Keime“ titelte die Saarbrücker Zeitung gestern auf ihrer Seite 1. Was bedeutet das in Zahlen für den Landkreis Saarlouis? Wie sieht das an unseren Krankenhäusern aus? Diese und gewiss viele weitere Fragen könnten sich die Menschen der Region stellen. Antworten gaben Dr. Wolfgang Schmitt, Leiter des Gesundheitsamts Saarlouis in Teilzeit, und Henning Adam, Hygieneinspektor bei dieser Behörde.


Der ganze Bereich „Keime“ ist ein sehr weites Feld. Es gibt die guten, lebenswichtigen Keime oder auch Bakterien. Auch von diesen können manche dann krank machen, wenn sie nicht da sind, wo sie hingehören – zum Beispiel Darmbakterien außerhalb des Darms. Selbst möglicherweise krank machende Keime sorgen bei gesunden, widerstandskräftigen Menschen aber nicht für Probleme. Gefährlich sind Keime für geschwächte oder bereits erkrankte Menschen.

„Das klingt schlicht“, sagt Schmitt. Aber es wäre vernünftig, sich das vor Augen zu halten. Denn Adam fügt hinzu: „Wir haben Zahlen, weil in Kliniken oder Arztpraxen etwa in entnommenem Blut gefundene resistente Keime meldepflichtig sind. Die Herkunft ist damit aber fast nie geklärt.“ Von Januar 2017 bis Juni 2018 haben Adam und Kollegen als Klinikaufsicht 15 Erkrankungsfälle gemeldet bekommen. Keiner davon sei Folge einer Ansteckung im Krankenhaus gewesen. Schmitt: „Das heißt, wir reden hier nicht von hygienischen Problemen.“



Das Gesundheitsamt sei viel weniger als Kontrolleur gefragt – sei es nicht logisch, dass die Häuser von sich aus versuchen hohe Standards bei der Hygiene zu halten? –, sondern viel mehr als Dienstleister und Berater. „Wir schauen auf manches quasi von außen und können gute Hinweise geben.“

Nein, die Experten sehen das Problem vor allem in der zu häufigen und nicht sachgerechten Anwendung von Antibiotika. Schmitt möchte, dass auch Tierärzte häufiger daran denken. Beim Menschen sollte nicht so oft mit der Antibiotikum-Kanone auf den Erkältungsspatzen geschossen werden. Schon gar nicht bei Viruserkrankungen, Viren werden von Antibiotika nicht erledigt. Und, was vielleicht viele Patienten nicht wissen: Dass Antibiotikum sollte unbedingt so lange genommen werden wie verschrieben. Viele brächen die Einnahme nach kürzerer Zeit ab, weil es ihnen besser geht. Im Körper freuen sich dann oft die Keime, die noch überlebt haben, vermehren sich unbehelligt und bilden unter Umständen resistente Arten.

Von den zahllosen Seiten im Internet zur vertieften Information empfehlen Schmitt und Adam die beiden unten genannten vom Robert-Koch-Institut Berlin und der Uniklinik Homburg. Wer persönlich Nachfragen stellen möchte, kann sich unter Telefon (0 68 31) 4 44-7 54 an Adam wenden.

Dr. Wolfgang Schmitt
Dr. Wolfgang Schmitt FOTO: Yannick Hoen
Henning Adam
Henning Adam FOTO: Adam