Eine Ära geht zu Ende

Eigentlich müssten heute in Ensdorf alle Flaggen auf Halbmast wehen", meint Peter Altmeyer, seit 39 Jahren Bergmann. "Für uns war das immer die Muttergrube." Im 100 Jahre alten Schacht ruckelt der eiserne Aufzug 1000 Meter nach unten. Zehn Bergleute stehen dicht gedrängt nebeneinander, die meisten stumm

 Abbauleiter Georg Fournier in seinem letzten Streb
Abbauleiter Georg Fournier in seinem letzten Streb

Eigentlich müssten heute in Ensdorf alle Flaggen auf Halbmast wehen", meint Peter Altmeyer, seit 39 Jahren Bergmann. "Für uns war das immer die Muttergrube." Im 100 Jahre alten Schacht ruckelt der eiserne Aufzug 1000 Meter nach unten. Zehn Bergleute stehen dicht gedrängt nebeneinander, die meisten stumm. Es ist ein historischer Moment, die Fahrt zum letzten Kohleabbau im Nordfeld des Bergwerks Saar. Etwas wehmütig sind heute alle. "Wir würden lieber unsere Lagerstätte verlassen, wenn wir eine neue erschlossen haben oder wenigstens alles abgekohlt haben - aber es ist halt anders gekommen", sagt Bergwerksdirektor Friedrich Breinig im Zug 850 Meter unter der Erde. Warm und zugig ist es, die offene Bahn poltert über die Gleise durch den schwarzen Staub. Eine gute Dreiviertelstunde Fahrt dauert es, bis die Bergmänner überhaupt an ihrem Arbeitsplatz im Grangeleisen sind, in 1200 Metern Tiefe unter unbebautem Gelände zwischen Hülzweiler und Saarwellingen, also rund 800 Meter unter Normalnull. Im schwachen Schein der Stirnlampen ruckelt das ewige Förderband vorbei. Die Männer sitzen meist schweigend, einer pfeift vor sich hin.Die Bergleute begrüßen sich im Streb per Handschlag, "Glück auf" hallt es von allen Seiten. "Es letzte Mol, gell", sagt einer, der andere zuckt bedauernd die Schultern. Dass die Bergleute auf ihr Schaffen stolz sind, ist deutlich spürbar. Einer trägt ein rotes T-Shirt mit dem Aufdruck "20.05. - Letzte Kohle aus Flöz Grangeleisen". Alle haben sich am letzten Stück versammelt, auf die schwarze Wand ist ein weinender Smiley gesprüht, in gelben Lettern "Noch 10 Tonnen". "Schutzbrillen an!", brüllt Abbauleiter Georg Fournier. Die Sirene ertönt, das Förderband setzt sich laut und schleppend in Gang. Mit überwiegend sorgenvollen Mienen verfolgen die Männer den letzten Lauf der Schrämmwalze im Streb 20.5 in Flöz Grangeleisen. Ein Bergmann schüttelt den Kopf, seufzt. Stück für Stück frisst sich die Schrämmwalze in die schwarz glänzende Kohlenwand. Staub wirbelt, wenn besonders große Brocken Kohle auf das Förderband plumpsen und kurz darauf zermalmt werden. Nach ein paar Minuten ist alles vorbei, die Aufschrift verschwunden.Der Abteilungsleiter Abbau im Grangeleisen, Georg Fournier, räumt nun das Feld: "Für mich war das der letzte Streb meines Lebens. Ich habe das alles noch gar nicht realisiert." Bis etwa August werden die Schächte geleert: "Alles was brennbar ist, muss raus." Anschließend wird mit Wasser geflutet."Es geht zwar etwas zu Ende, aber es geht trotzdem weiter", sagt der Direktor. 1700 Verlegungen stehen noch an. Das Bergwerk Saar hat sechs Schächte, einer davon ist der Nordschacht, mit 1700 Metern der tiefste in Europa. Dorthin werden viele der rund 320 Mitarbeiter im Nordfeld jetzt verlegt. Wie Frank Hepp, 47, seit 1980 Bergmann, erst in Göttelborn, dann in Ensdorf. "Das ist ein denkwürdiger Tag, der letzte Schritt." Egwin Lorson, 46, ist seit 1979 Bergmann, seit drei Jahren in Ensdorf: "Für alle Bergleute ist das schwer, zu sehen, wie das Ende naht. Die zwei Jahre werden verfliegen." Für ihn geht es auch zunächst in den Nordschacht, danach wohl auch nach Ibbenbüren - das bedeutet fünf bis zehn Stunden Pendeln. Nicht vorzustellen, was das für Familien bedeutet.Viktor Webel, 44, ist seit 16 Jahren in Ensdorf: "Die Teilschließung bringt vor allem ein unwohles Gefühl in der Magengegend." Wie es für den Vater zweier schwerbehinderter Kinder weitergeht, ist noch unklar. "Die nächsten drei Monate bleibe ich noch hier, danach: Nordschacht oder Ibbenbüren."In der großen Zechenhalle haben sich zu Mittag an diesem besonderen Tag rund 300 Bergleute der Grube, ehemalige und aktive, versammelt. Bergwerksdirektor Breinig macht seinen Männern Mut: "Wir alle zusammen können stolz sein darauf, was wir und unsere Vorfahren hier geleistet haben. Die Bergleute haben viel für das Land getan, die wirtschaftliche, politische und kulturelle Seite geprägt." Als schmerzhaft beschreiben viele der Bergleute die Anfeindungen aus der Bevölkerung. "Früher war das Bergwerk Ensdorf eine sichere Basis für die Kraftwirtschaft und insbesondere für die Bergleute, es hat viele Familien ernährt seit 1942." Das letzte schwarze Gold aus dem Nordfeld ist in den Saal gekarrt worden, jeder darf sich ein Stück mitnehmen. "Es ist ein bitterer Abschied. Es bedeutet für uns aber auch, dass wir unsere Würde wiederbekommen haben", sagt Michael Riehm vor den versammelten Bergleuten. Eindringlich macht der Betriebsratvorsitzende auch auf die andere Seite dieses Geschehens aufmerksam. "Das sind menschliche Schicksale, wenn jemand 500 Kilometer weit weggehen muss. Das sind schwierige Entscheidungen, die alle zu treffen haben." Und er spricht die Gedanken vieler aus, als er sagt: "Wir geben einen Industriezweig auf, der das Saarland geprägt hat, aber wir werden ihn noch alle vermissen!"