Die Heimat immer im Herzen

Alte Menschen, die in ein Heim umziehen, bringen oft Lieblingsfotos aus ihrem langen Leben mit. Darüber erzählen sie in der SZ-Serie. Heute: Antonia Birtler. Sie lebt im Seniorenhaus St. Augustin in Ensdorf.

Eng verbunden fühlt sich die 90 Jahre alte Antonia Birtler, Bewohnerin des Seniorenhauses St. Augustin in Ensdorf , mit dem Bauernhaus, das auf dem Foto an ihrer Wand zu sehen ist. "Bei Renovierungsarbeiten wurde jetzt ein Türbalken freigelegt, der belegt, dass das Haus aus dem 17. Jahrhundert stammt", erzählt sie. Das Gebäude, in dem schon ihre Großeltern lebten und das inzwischen von einer ihrer Nichten umgebaut und bewohnt wird, steht knapp 400 Kilometer von Ensdorf entfernt im thüringischen Örtchen Bebendorf, der Heimat von Antonia Birtler.

Die Geschichte, wie sie ins Saarland kam, ist, wie sie betont, ziemlich tragisch. In Bebendorf in der Nähe von Heiligenstadt hatte sie, wie sie erzählt, eine frohe, aber auch arbeitsreiche Kindheit. "Während andere im Liegestuhl lagen, musste ich mit meinen vier Geschwistern tüchtig in der Landwirtschaft helfen", erinnert sie sich.

Sie war auch als inzwischen junge Frau für den Haushalt zuständig, als das Schicksal im Jahr 1949 bei ihr anklopfte. "Ich erinnere mich noch, dass die ganze Familie an einem Sonntag bei der Messe war, als es klopfte. Ein Kriegsversehrter auf dem Heimweg von Russland über Polen stand an der Tür und fragte, wo die Grenze sei", erzählt sie. Das sei gar nicht so ungewöhnlich gewesen, das passierte öfter, sagt die Seniorin. "Ich habe ihm gesagt, dass sei am Tag viel zu gefährlich und gab ihm erstmal was zu essen". Später am Abend dann brachte sie ihn mit einigen jungen Leuten Richtung Grenze.

Was dann passierte, raubt ihr noch heute den Schlaf. "Wir waren jung und übermütig, doch dann haben die auf uns geschossen, ich habe keinen Moment überlegt und bin mit diesem Mann, den ich erst am Morgen kennengelernt habe, über die Grenze", erzählt sie. Die Schüsse der Kalaschnikow hört sie bis heute nachts im Schlaf. "Meine Mutter war außer sich, doch es war passiert", sagt sie.

In Bous fand sie das Glück

 Antonia Birtler. Foto: Jenal
Antonia Birtler. Foto: Jenal Foto: Jenal

Antonia Birtler lebte anschließend im hessischen Eschwege, nur wenige Kilometer von zu Hause entfernt. "Ich hatte dort sehr nette Leute und eine gute Anstellung gefunden". Und sie durfte mit einem Passierschein ihre Familie besuchen. In fünf Jahren hat sie diesen Mann, "den mir der Himmel geschickt hat", nur dreimal gesehen, aber Mitte der 1950 Jahre war es dann doch soweit, sie folgte Josef Birtler nach Bous, die beiden heirateten und sie wurde Mutter von zwei Kindern, die heute in Bayern und Berlin leben.

Vor ein paar Jahren war sie das letzte Mal in ihrem Heimatdorf. "Wir sind nur Gast auf Erden und wandern ohne Ruh mit mancherlei Beschwerden der ewigen Heimat zu", antwortet sie auf die Frage, wo denn ihre Heimat sei.