"Wir wissen über Opfer aus Dillingen wenig"Hinter jedem Namen ein Schicksal

"Wir wissen über Opfer aus Dillingen wenig"Hinter jedem Namen ein Schicksal

Dillingen. Sie wurden gedemütigt, vertrieben und systematisch ermordet. Rund sechs Millionen Juden in Europa fielen in rund zehn Jahren der planmäßigen Vernichtung durch Hunger, Zwangsarbeit und Gaskammern zum Opfer. Darunter auch Bürger aus dem Bereich derheutigen Stadt Dillingen. 50 von ihnen sind derzeit bekannt

Dillingen. Sie wurden gedemütigt, vertrieben und systematisch ermordet. Rund sechs Millionen Juden in Europa fielen in rund zehn Jahren der planmäßigen Vernichtung durch Hunger, Zwangsarbeit und Gaskammern zum Opfer. Darunter auch Bürger aus dem Bereich derheutigen Stadt Dillingen. 50 von ihnen sind derzeit bekannt. Für zehn setzte der Bildhauer Gunter Demnig am Samstag sogenannte "Stolpersteine" gegen das Vergessen.

Dillingen sei die 830. Kommune in Deutschland, die so etwas mache, sagte Demnig. Bislang gebe es insgesamt an die 40 000 solcher "Stolpersteine". Am Gleisdreieck setzte Demnig die mit Messingblech beschlagenen Steine für Alice und Dr. Paul Cahn. Dort, in der früheren Hüttenwerkstraße 7, soll Paul Cahn auch arme Patienten umsonst behandelt haben. In der Heiligenbergstraße 21 war die letzte Wohnstätte von Johanna und Lion Levy. An sie erinnern zwei im Pflaster eingelassene "Stolpersteine". Drei weitere Steine befinden sich im Gehweg der Düppenweilerstraße in Diefflen. Vor dem Haus Nr. 35 stehen nun die Namen von Julia, Martha und Moritz Weiler.

In Pachten In der Lach 5 sind es die wesentlichen Daten zu Simon, Rosine und Flora Levy. "Wir wissen über die Opfer aus Dillingen sehr wenig", sagte Bürgermeister Franz-Josef Berg am Gleisdreieck vor rund 40 Bürgern aus Dillingen und Umgebung. Dies seien die ersten zehn Steine in drei Stadtteilen. Weitere würden folgen, ebenso eine Publikation über die Dillinger Opfer der NS-Zeit.

Am Sonntagvormittag führte eine Gedenkstunde für die Dillinger Opfer des Holocaust an die 80 Menschen ins alte Spritzenhaus von Pachten. Darunter aber nur wenige Jugendliche.

Die Stolpersteine "erinnern an das ehemalige jüdische Leben in Dillingen", sagte Richard Bermann, Vorsitzender der saarländischen Synagogengemeinde. Etwa 150 Einwohner jüdischen Glaubens waren es um 1930. Aber heute gebe es keine mehr in Dillingen, sagte er später der Saarbrücker Zeitung.

Von seinem patriotischen Großvater erzählte Bermann den Zuhörern. Freiwilliger sei der im Ersten Weltkrieg gewesen, verwundet und ausgezeichnet mit dem EK I. "Den Geburtstag des Kaisers hat er gefeiert wie ein jüdisches Fest." Auch er wurde 1942 ermordet, ebenso seine Ehefrau und der jüngste Sohn.

Um Frieden und Eintracht unter den Menschen bat Prälat Warnfried Bartmann anschließend in In der Lach 5 an den Stolpersteinen für Simon, Rosine und Flora Levy.Dillingen. In der Gedenkstunde am Sonntag las SR-Moderatorin Susanne Scherer die Namen von 50 Dillinger Holocaust-Opfern vor. Dazu gehören Cecilia, Gertrude, Irma, Josef, Leo, Lore, Marga und Martin Hanau, Adolf und Siegfried Alkan, Moritz und Max Birnbaum, Albert Emanuel, Simon Harry, Hildegard und Ludwig Hoffmann, Siegmund Kahn, Auguste, Bella, Benjamin, Elfriede, Helga, Isaak, Joseph, Julius, Max und Samuel Levy, Friedel Maurer, Caecilia und Moses Muehlstein, Hermine Pahl, Klara, Lieselotte und Nathan Posamenter, Carla Samson, Josefine, Samuel und Therese Weiler, Jacob Werner sowie Therese Wolf.

Für zehn Personen sind Stolpersteine gesetzt. Das sind einmal Simon, Rosine und Flora Levy, die aus Büren kamen. Ende 1935 flüchteten sie von Pachten nach Frankreich, wo sie im Februar 1944 von Drancy bei Paris nach Auschwitz verschleppt wurden. Dort kamen alle drei ums Leben. In Dillingen geboren war Lion Levy am 10. März 1865, seine Ehefrau Johanna stammte aus Dortmund. Lion kam im September 1942 im Ghetto Theresienstadt ums Leben, die Spur von Johanna Levy endet vor 1940.

Dr. Paul Cahn wurde am 2. März 1897 in Saarlouis geboren, 1925 zog er nach Dillingen. Aus Saarbrücken stammte seine elf Jahre jüngere Frau Alice. 1935 führte ihre Flucht nach Luxemburg, später nach Paris. Das Ehepaar wurde bei der Verhaftung getrennt, Alice kam im Juni 1944 im KZ Ravensburg ums Leben, die Spuren von Paul Cahn enden nach März 1943 im KZ Majdanek.

Die Stolpersteine für Simon, Rosine und Flora Levy in der Straße In der Lach 5 in Pachten.
Rege Teilnahme am Sonntag beim Gedenken an den Stolpersteinen für Simon, Rosine und Flora Levy in Pachten (von rechts): Bürgermeister Franz-Josef Berg, Prälat Warnfried Bartmann und Richard Bermann, Vorsitzender der saarländischen Synagogengemeinde. Fotos: Johannes A. Bodwing.
Die Stolpersteine für Simon, Rosine und Flora Levy in der Straße In der Lach 5 in Pachten.

Drei Geschwister aus Diefflen waren Julia (geb. 2. August 1887), Martha (24. Februar 1899) und Moritz Weiler (26. Juni 1889). Julia und Martha wurden im August 1942 von Drancy nach Auschwitz transportiert. Moritz Weiler lebte in Bautzen, wo er verhaftet wurde. Im Januar 1942 erfolgte der Transport ins Ghetto Riga, wo er 1944 getötet wurde. Zu den Dillinger Holocaust-Opfern gibt es einen Flyer, der im Dillinger Rathaus erhältlich ist. az