"Wir leben mit viel Gegenwind"

Saarlouis. Sie war ein Abenteuer, die Vorbereitung der Erschließung des Lisdorfer Berges in Saarlouis zu einem der größten in Planung befindlichen Industriegebiete Deutschlands. Vom öffentlichen Glanz, in dem sich Behörden und Landeseinrichtungen seitdem sonnen, fällt kaum etwa auf die Naturschützer ab. Dabei war und bleibt der Vorgang für sie ein ebenso großes Abenteuer

Saarlouis. Sie war ein Abenteuer, die Vorbereitung der Erschließung des Lisdorfer Berges in Saarlouis zu einem der größten in Planung befindlichen Industriegebiete Deutschlands. Vom öffentlichen Glanz, in dem sich Behörden und Landeseinrichtungen seitdem sonnen, fällt kaum etwa auf die Naturschützer ab. Dabei war und bleibt der Vorgang für sie ein ebenso großes Abenteuer.Der Naturschutzbund Saar (Nabu) hat im März 2012 mit einem entsetzten Nein reagiert, als er um Stellungnahme gebeten worden war zum Konzept für den ökologischen Ausgleich des verbrauchten Naturgeländes auf dem Lisdorfer Berg. Die Anfrage ist gesetzlich vorgeschrieben. Nabu-Landesvorsitzender Ulrich Heintz: Die Stadt Saarlouis legte einen Plan vor, der das Gebot ganz vernachlässigt habe, die Funktion einer Fläche für die Natur auf einer anderen Fläche auszugleichen. Der Plan habe darauf gezielt, den Natur-Wert der Fläche nur im Stadtgebiet Saarlouis selbst auszugleichen. Ausgleich hieß: Der Bauherr zahlt einen Betrag - die Rede ist von vier Millionen Euro - für die ökologische Aufwertung anderer Flächen, um die für den Bau verbrauchte Naturfläche auszugleichen. "Geradezu zwangsläufig zu einer verstreuten Ansammlung naturschutzfachlicher Behübschungsmaßnahmen" habe die Saarlouiser Absicht führen müssen, sagt Heintz in einem SZ-Interview.

"Gleichgültigkeit"

Ein Planungsfehler im engeren Sinne sei das nicht gewesen, erläutert der Saarlouiser Nabu-Vorsitzende Ulrich Leyhe. Eher der "Ausdruck von Gleichgültigkeit gegenüber der Natur". Ein "Minimalausgleich" wäre das gewesen. Das zuständige Landesamt für Umwelt- und Naturschutz (LUA) hätte den Entwurf, befürchtet Leyhe, wohl "zähneknirschend hinnehmen müssen. Eigentlich ein Unding." Das LUA dürfe nicht gegen solche Pläne klagen. Der Nabu schon.

So bereitete der Nabu eine Klage gegen das Ausgleichskonzept vor. Leyhe: "Der Einsatz für die juristischen und gutachterlichen Vorarbeiten hat den Nabu etwa 20 000 Euro gekostet, die nur aus Mitgliedsbeiträgen stammen. Die ehrenamtlichen Aufwendungen sind nicht bezifferbar."

Es kam jedoch nicht zur Klage, weil die Stadt ihren Entwurf unter dem Eindruck von Kritik zurückzog. Da hatte der Nabu schon begonnen, ein eigenes Konzept auszuarbeiten.

Die Fundierung der Klage und ein alternatives Konzept unter Zeitdruck waren nur möglich, weil Nabu-Mitglieder jahrelang und natürlich ehrenamtlich Daten gesammelt und Flächen beobachtet hatten. Darauf griff der Nabu jetzt zurück.

Leyhes "guten Orts- und Artenkenntnissen" sei zu danken, dass rasch neue Vorschläge auf dem Tisch lagen, lobt Heintz. "Sie konnten fast ausnahmslos auch umgesetzt werden."

Die nun vorgeschlagenen Ausgleichsflächen lagen teilweise auf dem Gebiet anderer Gemeinden. Deren Zustimmung musste eingeholt werden. Anfang Dezember 2012 war alles komplett. Das neue Konzept hatte auch den Stadtrat Saarlouis passiert.

Auf den letzten Drücker. Denn Ende Dezember mussten die ersten Bagger geordert sein. Sonst wären EU-Fördermittel in zweistelliger Millionenhöhe weg gewesen. Dann hätte es vermutlich gar kein Industriegebiet gegeben.

"Im Fall Lisdorfer Berg hätte eigentlich das LUA den Nabu-Part übernehmen müssen", bilanziert Leyhe. "Das LUA müsste mit weiter reichenden Kompetenzen ausgestattet werden", folgert er. Derzeit aber herrsche dort "erheblicher Personalnotstand. Naturschutz darf alles, nur kein Geld kosten."

Für den Nabu geht es weiter mit dem Lisdorfer Berg. "Wir werden ein Auge darauf haben, dass die Ausgleichsmaßnahmen vernünftig laufen", kündigt Leyhe an.

"Leben mit Gegenwind"

Mehr als ein "wohlwollendes Nicken" erwartet der Nabu nicht von der Öffentlichkeit. "Bei uns hat sich jedenfalls noch kein Marienkäfer bedankt", meint Leyhe augenzwinkernd. "Wir sind es als Naturschutz treibender Verband gewöhnt, mit viel Gegenwind zu leben." > Seite C: Interview

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