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Geschichte
Den Kämpfen am Westwall auf den Grund gegangen

Die Autoren Johannes Dräger (links) und Stefan Reuter mit der Neuauflage ihres Westwall-Buches.
Die Autoren Johannes Dräger (links) und Stefan Reuter mit der Neuauflage ihres Westwall-Buches. FOTO: Johannes Bodwing
Dillingen . Die neue Auflage eines Buches über den Westwall bei Dillingen schildert auch das Geschehen der letzten Kriegsmonate. Von Johannes Bodwing

Zweieinhalb grausame Wochen erlebte der Raum Dillingen-Pachten im Dezember 1944: Auf der Linie Ortseingang Roden bis Ortseingang Beckingen rückten amerikanische Soldaten über die Saar vor. Ihnen standen in Bunkern und Unterständen Soldaten der Wehrmacht gegenüber.


Über diesen Abschnitt des sogenannten Westwalls berichteten Stefan Reuter und Johannes Dräger in der Dillinger Stadtbücherei. Dort stellten sie ihre zweite Auflage von „Der Westwall im Raum Dillingen von 1936 bis heute“ vor. Die erste Ausgabe war vor zwölf Jahren erschienen und ist seit Jahren vergriffen. Reuter und Dräger legten auf dieser Grundlage die erweiterte Neuauflage an. Darin steckten zwei Jahre Arbeit, berichteten die Autoren.

In zwei großen Abschnitten gehen sie auf die Geschichte und Technik des Westwalls ein sowie auf die Kämpfe zwischen dem 6. und 26. Dezember 1944. Neue Fotos enthält das Buch, einen Bunker-Index und den Bunkerrundweg. Dräger und Reuter versuchen auch, die Verluste im Dezember 1944 zu ermitteln. Die amerikanische Seite habe detaillierte Zahlen, sagte Reuter. Er zweifle jedoch die 239 gefallenen GIs als zu gering an. „Auf Seiten der Wehrmacht existiert nichts.“ Mindestens 448 Tote konnten Dräger und Reuter über Archive nachweisen. Aber auch hier liege die tatsächliche Anzahl höher. Denn schon bei einem einzigen Angriff auf der Pachtener Heide seien 150 deutsche Soldaten ums Leben gekommen.



Die Befestigung der deutschen Reichsgrenze erklärte Dräger mit dem Versailler Vertrag von 1918. Erste Bauten habe es in Ostpreußen gegeben, ab 1936 dann auch im Westen. Dort reichten sie über 630 Kilometer hinweg von der Schweizer Grenze bis zur niederländischen. Im Raum Dillingen waren es 186 Bunker. Nach anfänglichen Bauten mit Wandstärken von 30 Zentimetern bis zu einem Meter wurden solche mit zwei bis 3,5 Metern dicken Wänden angelegt.

Was sich rückwirkend als gravierender Planungsfehler herausstellte, merkte Dräger an, war die ursprüngliche Ausrichtung auf Frankreich als Feind. „Aber 1944 waren die Amerikaner der Gegner, mit ganz anderen Waffen“, sagte Dräger. Trotzdem habe der Westwall den Krieg noch um sechs Monate verlängert.

Zwei wesentliche Gründe nannte Reuter für die Kämpfe im Raum Dillingen: Das sei einmal der kürzeste Weg vom Landungsraum der Alliierten in der Normandie bis ins Deutsche Reich mit rund 550 Kilometern. Andererseits die alte Schleusenbrücke in Saarlouis; damals die einzige nicht gesprengte Brücke in großem Umkreis. US-Soldaten nahmen sie am Morgen des 3. Dezember 1944 im Handstreich ein. Der deutsche Druck auf den Saarlouiser Brückenkopf sollte durch einen Übergang bei Dillingen-Pachten abgeschwächt werden.

Dazu erfolgte am 6. Dezember, 4.15 Uhr, ein Vormarsch zwischen Prims und etwa der Bahnstrecke nach Siersburg. Die Schwerpunkte der Kämpfe lagen im Bereich Schlachthof, Pachtener Köpfe und Pachtener Heide. Am 15. Dezember rückten US-Soldaten bis zu ersten Häusern im Bahnhofsbereich vor. Wegen der sogenannten Ardennen-Offensive am 16. Dezember gaben die US-Truppen den Brückenkopf Dillingen am 22. Dezember wieder auf. Danach ruhten die Kämpfe in Dillingen bis März 1945, in Saarlouis gingen sie fast unvermindert weiter. „Die Amerikaner haben beim Rückzug Unmengen an Dynamit aufgewandt“, sagte Reuter. Damit wollten sie die gefürchteten Bunker unschädlich machen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erließ der alliierte Kontrollrat eine Direktive zur Zerstörung von Bunkern. Die „war lange Zeit nicht mehr aufzutreiben“, berichtete Reuter. Eine Fassung aus der US-Kongressbibliothek findet sich nun übersetzt im Buch. In dieser Detailtiefe über einen einzelnen Abschnitt des Westwalls sei ihr Buch bislang einzigartig, stellten die Autoren dar. Mit 1000 Exemplaren ist die erweiterte Auflage im Eigenverlag der Geschichtswerkstatt Dillingen erschienen.

Die 492 Seiten „Der Westwall im Raum Dillingen von 1936 bis heute“, mit zahlreichen neuen Fotos und neuen Inhalten, sind für 29,80 Euro erhältlich bei der Geschichtswerkstatt Dillingen sowie der Dillinger Buchhandlung, demnächst auch in Saarlouis.