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„Wenn ich mehr hätte, würde ich mehr geben“

„Wenn ich mehr hätte, würde ich mehr geben“

Alte und junge Menschen, Kinder, Rentner stehen jeder Woche an, um kostenlose Lebensmittel von der Tafel zu bekommen. Bei der letzten Ausgabe in diesem Jahr starten die Tafel-Kunden eine spontane Sammelaktion für die ehrenamtlichen Helfer der Tafel.

Kalter, grauer Nachmittag, eine Frau und ein Mann stehen an einem kleinen Tisch vor dem Saarlouiser Sozialkaufhaus. Darauf eine Dose mit Kleingeld und zwei bunte Klappkarten, Filzstifte, ein Becher mit heißem Tee. Die beiden sind Empfänger der Saarlouiser Tafel und sie haben sich zur letzten Lebensmittelausgabe in diesem Jahr spontan entschlossen, sich bei den ehrenamtlichen Helfern zu bedanken.

An ihrem Tischchen sammeln sie von den anderen, die heute zur Tafel gehen. "Keiner soll sich gezwungen fühlen: Jeder gibt das, was er kann", sagt Rita Müller. Rita Müller und Mirko Kiefer heißen in Wirklichkeit anders, möchten aber nicht mit Namen und Foto in der Zeitung erscheinen: Weil sie befürchten, überall als Hartz VI-Empfänger und Tafel-Kunden abgewertet zu werden.

Rita Müller ist 44 Jahre alt, gelernte Bürokauffrau. Vor einigen Jahren hat sie ihren Job verloren, erzählt sie. So wie ihr gehe es vielen, meint sie: "Ich konnte eine Zeitlang nicht arbeiten. Da wurde mein Zeitvertrag nicht mehr verlängert."

Sie fand zunächst keinen Job, rutschte ins Arbeitslosengeld II, Hartz IV. "Das Geld wurde immer weniger, und dann war das bisschen Ersparte auch weg", erinnert sie sich. So kam sie zur Saarlouiser Tafel.

"Ich bin ehrlich: Es hat mich anfangs sehr viel Überwindung gekostet." Als die Lebensmittelausgabe noch am Saarlouiser Bahnhof war, fiel es ihr schwerer, sich anzustellen. Der neue Standort, am Sozialkaufhaus, liegt weniger zentral. Müller weiß, dass viele Tafel-Bezieher nicht gesehen werden wollen: "Es gibt welche, die erzählen nicht mal der eigenen Familie davon."

Beim ersten Besuch war sie skeptisch, erinnert sie sich. "Ich wusste ja nicht, wer das macht und wie man dort behandelt wird", erzählt Müller. "Aber die Leute, die hier arbeiten, sind alle supernett und waren von Anfang an richtig freundlich. Das war für mich sehr wichtig. Es ist fast wie in einem richtigen Geschäft." Das sei der Grund, warum sie einfach mal Danke sagen wollten, erzählt Müller.

30 bis 40 Ehrenamtler sind jede Woche im Einsatz, um die Lebensmittel einzusammeln und auszugeben, hinterher wird noch aufgeräumt. "Viele machen das seit Jahren. Die hätten bestimmt auch alle etwas besseres zu tun", meint Müller und lacht.

Jede Woche steht eine Menschentraube vor der Tafel an, bei jedem Wetter. Es werden Nummern zugeteilt, mit einer Uhrzeit, so dass die Tafel-Kunden nicht stundenlang anstehen müssen. Ein alter Mann in löchrigen Hosen schiebt sein klappriges Fahrrad. Junge Frauen in ausgeleierten Jogginghosen und schäbigen Winterjacken, Plastiktüten in der Hand. Gebückte Rentnerinnen ziehen ihren Trolli hinter sich her. Fast alle kommen zu Fuß. Ein bleicher Jugendlicher schleicht vorbei. Frauen mit Kopftuch und Kleinkind an der Hand, ältere Damen, mit Mühe zurechtgemacht, stehen vor der Tür, ein paar unterhalten sich, die meisten starren stumm auf den Boden.

Geduldig sprechen Müller und Kiefer die Vorbeigehenden an, erklären, dass sie den Mitarbeitern ein kleines Dankeschön überreichen wollen: Zwei selbstgebastelte Weihnachtskarten, eine Dose mit dem gesammelten Kleingeld. "Keiner soll sich gezwungen fühlen, was zu geben", betont Müller immer wieder. "Man kann auch einfach nur unterschreiben."

Müller ist Aufstockerin. Das bedeutet, sie arbeitet, verdient aber nicht genug, um davon leben zu können. "Ich wollte im Berufsleben bleiben, deshalb habe ich immer Ein-Euro-Jobs angenommen. Dann hatte ich das Glück, etwas Richtiges zu bekommen." Heute arbeitet sie auf einer Teilzeitstelle im pädagogischen Bereich. "Manche sagen: ,Für dieses Geld gehe ich nicht arbeiten!' Aber das kann ich nicht nachvollziehen. Ich wollte immer auch etwas leisten, es ist für mich wichtig, dass ich mich nützlich mache."

Kiefer ist 45 Jahre alt und Ein-Euro-Jobber. Seit Anfang des Jahres geht er regelmäßig zur Tafel. "Ich habe davon gehört, dass man nur den ALG-II-Bezug nachweisen muss", erzählt er. "Berührungsängste hatte ich da keine." Mit seinen "Einkäufen" versorgt er seine fünfköpfige Familie. "Für drei Euro bekomme ich etwa drei Taschen voll Lebensmitteln, im Gegenwert von 70 bis 80 Euro", sagt er. "Durch das bunte Angebot habe ich Sachen, die ich nie im Laden kaufen würde. Zum Beispiel Chinakohl oder Wirsing." Dem Familienvater gefällt es, dass er Abwechslung in den Speiseplan bringen kann. "Man guckt dann: Was hab ich, was kann ich damit machen?" Vor allem die Kinder profitieren davon, meint er, was anderes zu essen als Nudeln und Pizza.

"Man kann nicht eine Woche davon überleben", sagt Kiefer. "Aber ich kann gut vier Tage überbrücken, dann muss man vielleicht mal noch was zukaufen. Aber das ist schon eine große Entlastung."

"Ich hab leider nur 1,85 Euro", sagt eine ältere Frau und öffnet die Hand mit den Münzen. Einen Euro braucht sie für die Tafel. Den Rest zählt sie in die Dose. "Eine gute Sache", sagt sie zu der Idee, sich bei den Helfern zu bedanken. "Viele haben wirklich nur genau das Geld dabei, die sie für die Tafel brauchen", weiß Müller. Pro Bedarfsgemeinschaft werden pauschal ein, zwei oder maximal drei Euro berechnet.

Eine andere Dame kramt 20 Cent aus ihrer Börse. "Mehr hab ich nicht mehr", entschuldigt sie sich. "Ich hab noch kein Geld bekommen diesen Monat. Wenn ich mehr hätte, würde ich mehr geben." - "Das ist nicht schlimm", entgegnet Müller schnell. "Wenn wir alle mehr hätten, müssten wir nicht hier stehen."

Helfer und Tafel-Kunden kennen sich mit der Zeit. "Die fragen auch mal: Wie geht es Ihnen heute? Was macht das Kind, was macht der Mann?", erzählt Müller. "Man ist so froh, wenn man ein Mal in der Woche ein bisschen Ansprache hat. Da wird auch mal ein Witz gemacht und gelacht."

"Ich war drei Wochen krank. War ich so froh, als ich wieder zur Tafel konnte", schmunzelt Kiefer. Wenn man länger arbeitslos ist, wird der Bekanntenkreis immer kleiner, weiß Müller aus bitterer Erfahrung. Für Cafes, Kino oder Konzerte hat man schlicht kein Geld. "Dann ist man froh, wenn man andere trifft, denen es genauso geht."

Viele bunte Unterschriften und stolze 150 Euro haben die beiden Tafel-Kunden am Ende des Tages gesammelt - ein beachtlicher Betrag, wenn man bedenkt, dass kaum jemand mehr als ein oder zwei Euro übrig hat, die meisten sogar weniger. Als die Tafel an diesem Dienstag schließt, wird die Dose mit den Karten an die völlig überraschten Helfer überreicht - ein emotionaler Moment. "Davon können die jetzt einen Kaffee trinken gehen oder so was", sagt Müller. "Die sollen auch mal was für sich machen."

Zum Thema:

Auf einen BlickDie Tafel verteilt einwandfreie Lebensmittel, die nicht mehr verkauft werden, zum Beispiel Brot vom Vortag, Produkte kurz vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums, an Menschen mit geringem Einkommen. Die Waren werden in Bäckereien und Geschäften abgeholt, kontrolliert und sortiert. Empfänger sind Menschen mit Arbeitslosengeld II, Grundsicherung nach dem Sozialgesetzbuch XII, Wohngeld oder Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz. Die Dillinger Tafel, De-Lenoncourt-Straße 9, ist geöffnet Freitag von 13 bis 16 Uhr, die Saarlouiser Tafel, Pavillonstraße 45, Dienstag von 13 bis 18 Uhr und die Lebacher Tafel, Am Markt 20, Donnerstag von 13 bis 16 Uhr. Alle drei werden organisiert von der Caritas. Daneben gibt es die Mobile Tafel in Rehlingen-Siersburg und Lebensmittelausgaben einzelner Pfarreien, zum Beispiel in Nalbach und Bous. nic