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Neueröffnung
Gebrauchtes zur Integration gebrauchen

Bei der Geschäftseröffnung in Dillingen (von links): Vera Klein, Hussam Afour und Peter Fabry
Bei der Geschäftseröffnung in Dillingen (von links): Vera Klein, Hussam Afour und Peter Fabry FOTO: Axel Künkeler
Dillingen. Der Second-Hand-Laden von Hussam Afour in Dillingen ist ein Beispiel für das „Ankommen“ Geflüchteter.

Ein Secondhand-Laden hat am Samstag in der Kelkelstraße in Dillingen neu eröffnet. Auf einer Verkaufsfläche von 200 Quadratmetern bietet der Syrer Hussam Afour gut erhaltene Gebraucht-Waren von Spielzeug und Kleidung bis hin zu Haushaltswaren und Möbeln an. Neben dem An- und Verkauf von Mobiliar gehören auch Umzüge, Räumungen und Haushaltsauflösungen zum Geschäftsangebot. Zur Eröffnung am späten Nachmittag kamen rund 50 Gäste.


Hussam Afour kam im September 2016 als Flüchtling von Syrien nach Deutschland. In seiner Heimat habe er als Rechtsanwalt gearbeitet, erzählt der 37-Jährige. Seine Zeugnisse seien in Deutschland nicht anerkannt worden, daher könne er hier nicht als Anwalt arbeiten. Er ließ sich jedoch nicht entmutigen, hat sich vielmehr um seine berufliche und soziale Integration bemüht. Schon im Januar 2017 begann er mit dem Sprachkurs B1, das Aufbau-Zertifikat B2 dürfte ebenfalls kein Problem sein. Seine guten Deutsch-Kenntnisse verdankt er jedoch vor allem der eigenen Initiative zur Integration in seiner neuen Heimat.

Mit seiner siebenjährigen Tochter Celin lebt der alleinerziehende Vater in Erbringen, spielt beim dortigen SV Fußball. „Meine Nachbarn und Freunde sind wie meine Familie“, bedankt er sich für die Unterstützung seines sozialen Umfeldes. Vor allem Vera Klein aus Merzig, die seit fünf Jahren aus privater Initiative als ehrenamtliche Migrationshelferin engagiert ist, hat ihm viel geholfen – ebenso wie zuvor schon zwei syrischen Familien in Dillingen. Hilfe für Hussam Afour („ich bin Deutschland sehr dankbar“) gab es auch von offiziellen Stellen wie dem Jobcenter Merzig.



Nach einem Gespräch mit dem Jobcenter meldete sich der Syrer für das Existenzgründer-Programm FITT „Perspektive Neustart“ an. Dort wurde er in allen relevanten Fragen einer Selbständigkeit geschult, von Steuern und Finanzen bis hin zur Erstellung eines Business-Planes. Drei Überlegungen führten Afour zu seiner Geschäftsidee eines SecondHand-Ladens. „In Deutschland wird viel mit gebrauchten Waren gehandelt“, hat er schnell beobachtet. Dazu komme, dass die Flüchtlinge „alles brauchen, von der Gabel bis zum Schrank“. Käufe im Internet seien aufgrund der Zurückhaltung gegenüber Online-Bezahlsystemen und fehlender Sprachkenntnisse für Migranten jedoch sehr schwierig. Als dritter Punkt komme der große Preisunterschied von Gebrauchtwaren gegenüber Neuanschaffungen hinzu. Die Saarbrücker Gründungsprofis attestieren Hussam Afour die Tragfähigkeit des Konzepts, „seine Persönlichkeit überzeugt, sein Geschäftsmodell ist ausgereift, er ist hoch motiviert und kompetent.“ Der Dillinger Vermieter Peter Fabry („mich hat sein Business-Plan gleich beeindruckt“) ist ebenfalls davon überzeugt, dass die Geschäftsidee von Afour funktioniert. Noch während seines einjährigen Kurses an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) gründete der Syrer die Firma „Wie Neu“, Anfang August wurde der Mietvertrag über insgesamt 350 Quadratmeter Verkaufs- und Lagerfläche abgeschlossen, die in den letzten vier Wochen eingerichtet wurden.

Nun müssen nur noch die Kunden kommen, ob Syrer, Migranten anderer Nationen oder Deutsche. Schon am Samstag war das Publikum bunt gemischt und am Verkaufsangebot im Laden lebhaft interessiert. Bürgermeister Franz-Josef Berg und City-Manager Kai Hölscher ließen sich aus Termingründen entschuldigen, wollen aber noch in der Eröffnungswoche bei dem neuen Dillinger Einzelhändler vorbeischauen.

(AJK)