1. Saarland
  2. Saarlouis
  3. Dillingen

Schulfrei an der Köllertalschule für Körperbehinderte

Lernbehindert in Corona-Zeiten : Die Sehnsucht nach dem Alltag ist groß, sagt Dillinger Mutter eines behinderten Jungen

Schulfreie Zeit: So sehen das Kinder und Eltern der Köllertalschule für Körperbehinderte. Diego ist sonst viel fröhlicher, sagen zum Beispiel seine Eltern aus Dillingen.

Seit dem 16. März sind im Saarland alle Schulen wegen der Corona-Pandemie geschlossen, auch Förderschulen wie die Köllertalschule, die Staatliche Förderschule körperliche und motorische Entwicklung Püttlingen. Hier werden Schüler aus dem Regionalverband Saarbrücken sowie den Kreisen Saarlouis und Merzig-Wadern unterrichtet.

Bei Familie Havener aus Dillingen-Diefflen hat die Corona-Krise den kompletten Alltag auf den Kopf gestellt. Regulär arbeitet Mutter Judith in der Firma ihres Mannes, und die beiden Kinder sind vormittags in der Schule. „Unser jüngster Sohn Rico (8) geht in die Grundschule in Diefflen und kommt gegen 13 Uhr heim. Diego, unser Großer, besucht die 6. Klasse der Körperbehindertenschule in Köllerbach und bleibt bis 16 Uhr,  donnerstags und freitags bis 14 Uhr in der Schule. Er ist 14 Jahre alt und kam mit einem offenen Rücken und zusätzlich einem Hydrocephalus, umgangssprachlich Wasserkopf genannt, zur Welt.“

Diego sitzt im Rollstuhl, kann aber für kurze Strecken den Rollator nutzen. Er ist zu 90 Prozent schwerbehindert und hat den Pflegegrad zwei. Auch wenn er keine geistige Behinderung aufweist, ist er in vielem nicht altersgerecht entwickelt. Er ist stuhlinkontinent, und seine Blase muss alle zwei Stunden mit Hilfe eines Katheters geleert werden. Da er momentan auch noch in der Pubertät ist, schwankt seine Laune von gut gelaunt bis zu Tode betrübt. Umso mehr macht ihm sein geänderter Tagesablauf zu schaffen.

Da er gerne in die Schule geht, vermisst er seine Lehrer und seine Klassenkameraden. Sie nicht zu sehen, ist für Diego schlimm. Seine Mutter: „Ich merke es ihm an, dass er genervt davon ist, ständig nur im Haus zu sein. Ich stelle einen beginnenden Lagerkoller bei ihm fest. Diego ist sonst viel fröhlicher, wenn er aus der Schule kommt. Lediglich zu einem Freund hält er über WhatsApp Kontakt. Ihm fehlen auch seine üblichen Freizeitbeschäftigungen, wie Zoo- oder Restaurantbesuche, die er sehr genießt. In der ersten Woche ohne Schule habe ich mich gefragt, wie soll ich das bloß schaffen, beiden Kindern gerecht zu werden, zu arbeiten und den Haushalt zu schmeißen? Auch wenn unser Jüngster sehr selbständig ist, habe ich die Sorge, ihn zu überfordern oder allein zu lassen, wenn ich mich verstärkt um Diego kümmere. Mache ich alles richtig?“

Die Lehrer seien alle sehr bemüht, schicken Wochenpläne, auch Zusatzaufgaben, wenn gewünscht. Sie wollen jedem Kind gerecht werden. „Aber für mich ist es unheimlich schwer, Betreuung, Pflege, Hausaufgabenkontrolle und den üblichen Alltag unter einen Hut zu bringen. Ich habe schnell erkannt, dass ich nicht mehr vormittags zur Arbeit gehen kann. Mittlerweile haben wir in der Firma auch Kurzarbeit. Die Sehnsucht, zu unserem bisherigen Alltag zurückzukommen, ist sehr groß. Vor allem Diego braucht feste Strukturen“, sagt Judith Havener

Ähnlich ergeht es Luca Aurelius aus Dudweiler. Er leidet unter dem William-Beuren-Syndrom, auch als Elfengesicht bekannt. Der 13-Jährige ist schwerstbehindert und geistig auf dem Stand eines 7- bis 8-Jährigen. Außerdem hat er einen Herzfehler und zählt damit zur Hochrisiko-Gruppe. Zusammen mit seiner 15-jährigen Schwester Lilian Violet und seinen Eltern Tobias und Jennifer Schaum wohnt er im siebten Stock eines Hochhauses in Dudweiler. „Uns setzt Corona mit all seinen Auswirkungen schwer zu. An normalen Schultagen wird Luca Aurelius morgens um 7 Uhr abgeholt und bleibt bis 16 Uhr in der Köllertalschule“, erzählt der 37-jährige Vater. „Ich arbeite an der Universität in der Bibliothek, und meine Frau kümmert sich um den Haushalt und die Pflege von Luca. Donnerstags und freitags kommt er gegen 14 Uhr nach Hause und dann fährt meine Frau ihn zur Logopädie, Ergotherapie oder zur Krankengymnastik. Er hat Pflegestufe 4 und braucht rund um die Uhr Betreuung, die wir ab dem Nachmittag dann gemeinsam organisieren. Die Schulschließungen und die Ausgangsbeschränkungen haben unseren Alltag durcheinandergewirbelt. Die Pflege von Luca ist nun mal aufwendig. Anfangs bin ich noch zur Arbeit, mittlerweile bin ich im Homeoffice. Meine Frau und ich können uns damit einteilen, aber das Atemholen fehlt, wenn Luca in der Schule ist. Unsere große Tochter hat genügend zu tun über die Online-Schule, sie kommt gut klar. Um Luca nicht zusätzlich zu gefährden, müssen wir überlegen: Gehen wir gemeinsam mit ihm raus oder besser nur einzeln? Wer geht einkaufen? Reichen unsere Medikamente und Desinfektionsmittel? Letzteres hatten wir gottlob vor der Corona-Krise ausreichend bestellt, doch Luca braucht häufig Antibiotika. Haben wir da alles im Haus? Luca selbst kann sich zwar gut mit dem Tablett und der Spielekonsole beschäftigen, er spielt gerne mit Legosteinen und sammelt Pokémon- oder Star-Wars-Karten. Doch das Rausgerissenwerden aus seinem Alltag verkraftet er nur schwer. Er vermisst seine Klassenkameraden, seine Freunde und seine Oma, die er nicht besuchen darf und seine Therapien. Noch ist die Stimmung gut, wir können am Waldrand spazieren gehen, haben Bärlauch im Steinbachtal gesammelt. Doch wenn die Schule noch länger geschlosst bleiben, befürchten wir, dass die Stimmung kippt.“

Daheim in  schulfreier Zeit: Ylvi und Tove Apel Foto: Monika Jungfleisch/Repro: Monika Jungfleisch

Anders sieht es Familie Apel aus Saarbrücken aus. Sie kommt im großen und ganzen gut mit der schulfreien Zeit zurecht. Während Sohn Tove die 6. Klasse im Schlossgymnasium besucht, gut beschäftigt ist mit Hausaufgaben, die über e-mails ins Haus flattern, und seine Klassenkameraden sehr vermisst, genießt die querschnittsgelähmte Tochter Ylvi die schulfreie Zeit. Die 15-Jährige kam mit einem offenen Rücken zur Welt, sitzt im Rollstuhl und weist leichte mentale Einschränkungen auf. „Obwohl Ylvi ihre Schule liebt und sich freut, wenn die Hausaufgaben kommen, wird uns auch ohne Schule nicht langweilig“, erklärt Mutter Barbara (45). Die gelernte Krankenschwester malt und bastelt viel mit ihrer Tochter. Zusammen mit Papa Patrik, der als Mediengestalter vom Homeoffice aus arbeitet, spielen Ylvi und ihr Bruder Tove im Garten und sie können sogar mit den Großeltern im Nachbargrundstück problemlos über den Zaun plaudern. „In diesen Zeiten ein Haus mit Garten zu haben, ist ein großes Geschenk,“ freut sich Familie Apel.

Für Familie Rammal aus Völklingen bringt das Corona-Virus zusätzlichen Stress mit sich. Der 15-Jährige Ali leidet unter Muskelschwund und wird zeitweise beatmet. Schon 14 Tage vor den Schulschließungen blieb der Junge zuhause, aus Sorge, sein Zustand könnte sich verschlimmern. Gottlob wird die Familie, in der auch zwei jüngere Geschwister (10 und 2 Jahre) versorgt werden müssen, unterstützt von einer Krankenschwester, die sich sieben Stunden am Tag um den kranken Ali kümmert. Neben der Sorge, ob das Virus die Beatmung des Sohnes erschwert, kommt die Langeweile, mit der der geistig aufgeweckte, wenn auch nicht altersgerecht entwickelte Ali zu kämpfen hat. Richtig problematisch ist die Situation bei Familie Ariafar aus Saarbrücken. Der 15-jährige Sohn Amirsam ist Autist, seine Mutter hat schwere Herzprobleme, und der Vater ist Diabetiker.  „Wir haben keine Hilfe zu Hause und unser Sohn verlangt viel Geduld von uns. An manchen Tagen ist er sehr verzweifelt, dass sein Alltag aus den Fugen geraten ist, dann wird er aggressiv, hat schon den Fernseher und eine Scheibe kaputtgeschlagen. Das kostet uns viel Kraft. Aber wenn wir mit ihm spazieren gehen, beruhigt er sich.“

Luca Aurelius Schaum auf Spaziergang mit Papa Tobias Foto: Monika Jungfleisch/Repro: Monika Jungfleisch

Alle hoffen, dass die Schule bald wieder losgeht. Denn so sehr sich die Kinder am Anfang über freie Tage gefreut haben, so sehr wünschen sie sich ihren geregelten Alltag zurück.