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Pachten hat einen Bunker als Museum

Museen im Saarland : Ein beklemmender Ort der Zuflucht

Der restaurierte Westwallbunker Nummer 20 in Pachten bot früher zehn Familien und seiner militärischen Besatzung Schutz.

Nach 22 Stufen steht der Besucher etwa sechs Meter unter der Erde zwischen 3,5 Meter dicken Wänden aus Stahlbeton. In einem Bunker, in dem anscheinend vor 75 Jahren die Zeit stehen geblieben ist. Dieser Bunker mit der Nummer 20 im Dillinger Stadtteil Pachten ist keine Wehrmachtnostalgie. Er stellt vielmehr ein bedrückendes Relikt der Naziherrschaft dar. Eines von ehemals 4000 des sogenannten Westwalls im Saarland und Dutzenden allein im Raum Dillingen-Pachten.

Nur etwa zehn der Bunker seien noch im Saarland zugänglich, schätzt Johannes Dräger, Vorsitzender des Vereins „Projekt Westwall“. Als Museum hergerichtet vermittelt Bunker 20 einen Eindruck aus der Zeit, als im Dezember 1944 die US-Armee rund drei Wochen lang vom westlichen Saarufer gegen den Westwall vorrückte. Vom Bunker in Pachten ragt nur die Stahlkuppel aus dem Boden. Damals befand sich das Bauwerk als Teil der deutschen Verteidigungslinie vor dem südwestlichen Ortsrand des alten Pachten. Heute liegt es zwischen Wohnhäusern auf einem Kinderspielplatz.

Kern der Anlage ist die Kuppel mit sechs Schießscharten. Zugänglich ist sie über den rund sechs Meter tiefer liegenden Mannschaftsraum. Sie alleine kostete etwa 25 000 Reichsmark, sagt Dräger. „Das waren damals die Kosten für ein Einfamilienhaus.“ Dieses Geld wurde ausgegeben für den massiv geschützten Standort zweier MG 34. Deren effektive Schussweite liegt bei rund 1,6 Kilometern. Damit deckte der Bunker einen Bereich ab, der südlich von der Primsmündung in die Saar bis zum nördlichen Rand des Ökosees bei Pachten reicht. Sowie bis zu den Hängen des Limbergs westlich der Saar.

Von den MG ragt bloß die Mündung aus runden Öffnungen der Stahlkuppel. Im Innern stecken die Waffen auf einer Lafette, umgeben von Munitionskasten, Justiervorrichtungen und Zieloptik. Die MG können auf einem Laufring zu jeder der sechs Schießscharten bewegt werden. Diese Scharten lassen sich mit halbrunden Stahlkalotten verriegeln. „Hier drin war der Kommandant, zwei Richtschützen und zwei Ladeschützen“, erklärt Dräger. „Dazu Waffen und Munition, bei einem Innendurchmesser der Kuppel von 2,25 Metern.“ Der Kommandant konnte wie in einem U-Boot mittels Periskop das Umfeld überblicken oder an den Scharten über Winkeloptiken. Die beim Schießen entstandenen Rauchgase wurden über ein manuell betriebenes Lüftungssystem abgesaugt.

Dräger zeigt Stellen, wo Hartmantelgeschosse in den massiven Stahl eingedrungen waren. „Aber insgesamt hat er erstaunlich geringe Schäden.“ Vermutet wird, dass die Amerikaner den Bunker umgangen haben oder die deutsche Besatzung ihn früh aufgab. Andere Bunker im Umfeld weisen größere Schäden auf. Teilweise wechselten dort in einer Nacht dreimal die Besatzungen, oftmals nach brutalen Kämpfen. Wenn ein schweres Geschoss die Kuppel traf, dröhnte es im gesamten Bauwerk.

Durch eiserne Luken und über stählerne Tritte in der Wand geht es knapp sechs Meter nach unten. Dazwischen liegt eine Ebene, wo leere Hülsen aufgesammelt wurden. „Die wurden in der Munitionsfabrik wiederverwendet und konnten maximal dreimal benutzt werden“, weiß Dräger. Auf der untersten Ebene beginnt der Verbindungsgang zum Mannschaftsraum. Den schützen zweiteilige und gegen Gas abgedichtete Stahltüren. Jede der Türhälften wiegt um die 500 Kilogramm. Zweiteilig deshalb, damit bei Trümmern am Boden nicht die komplette Tür blockiert wurde.

Zwölf Mann waren als Besatzung vorgesehen, erklärt Dräger. „Dann wurde es schon recht eng.“ Der Mannschaftsraum ist nur 42 Quadratmeter groß. Noch schlimmer muss es für Zivilisten aus dem Umfeld gewesen sein. Bei Fliegeralarm war der Bunker zehn Familien als Schutzraum zugewiesen. Im November 1944 saßen sie teilweise Tag und Nacht fest, während US-Artillerie unablässig den Raum Pachten beschoss. „47 Personen“, sagte Dräger. Die meisten Familien mit vier Kindern. „Eine sogar mit neun. Die war in der Proviantkammer untergebracht, auf zwei mal drei Metern.“

Im Dezember rückten amerikanische Truppen vor. Die Zivilisten wurden evakuiert, in die Bunker kamen deutsche Soldaten. Viel weiß man nicht über Bunker 20. Aber hier konzentriert sich die Geschichte anschaulich in einem gut erhaltenen Westwall-Bauwerk. Errichtet worden war es im Sommer 1936. Im Winter 1946 füllte Hochwasser der Saar den Bunker und bewahrte ihn vor Plünderung.

2004 vermeldete eine Zeitung, dass der Bund 32 Millionen Euro ausgeben wolle, um ehemalige Westwallbunker zu beseitigen. Die SPD-Innenstadt Dillingen forderte jedoch den Erhalt von mindestens einer Anlage in der Stadt. Nach Gesprächen des damaligen Bürgermeisters Erwin Planta und der Dillinger Geschichtswerkstatt fiel der Blick auf Bunker 20. Denn der lag nicht auf Privatbesitz, sondern auf städtischem Gelände. Im Oktober 2005 wurde der Bunker wieder geöffnet. „Voller Wasser und voller Müll“, erinnert sich Dräger.

Seit Juni 2006 steht das Bauwerk als Einzeldenkmal in der Denkmalliste des Saarlandes. Bis zur offiziellen Eröffnung als Museum im Jahre 2008 räumte der Verein den Bunker frei, restaurierte ihn und isolierte ihn aufwendig gegen eindringendes Wasser. Auf die Frage, warum dieser Aufwand, sagt Johannes Dräger: „Wir wollen zeigen, so war das damals.“ Wir, das ist der Verein „Projekt Westwall“ mit rund zehn Mitgliedern. Bislang hat er um die 16 000 Euro in Ausstattungen und Bauwerk investiert. „Deshalb nehmen wir in diesem Jahr auch erstmals Eintritt.“ Denn Instandhaltung und Suche nach historischen passenden Objekten gehe ins Geld. Beispielsweise wurden Klappbetten aus der U-Boot-Basis in Saint-Nazaire am Atlantik aufgespürt. Die Schreibmaschine hat noch das runenartige Zeichen für die SS in der Tastatur. Der Bunkerofen stammt aus Norwegen.

Die Besucherzahl des Bunkermuseums liegt bisher bei über 750. Darunter Personen aus Nachbarländern, aus Polen, Kanada und Australien. Aber auch Vertreter der US-Gefallenensuche waren schon dort, Bundeswehr-Ausbilder und Veteranen des Zweiten Weltkrieges.

Alle Teile, die in der Serie der Saarbrücker Zeitung „Museen im Saarland“ bisher erschienen sind, finden Sie im Internet.

www.saarbruecker-zeitung.de/museen-im-saarland