| 20:59 Uhr

Lesung
„Ich bin der nutzlose Florin“

Hannelore Kloth liest aus „Die Reise zum leuchtenden Stern oder Ein Astronaut im Weltall“ von Florin Müller (rechts). Julian Bodem (links) hat ein weiteres Buch von Florin bebildert.
Hannelore Kloth liest aus „Die Reise zum leuchtenden Stern oder Ein Astronaut im Weltall“ von Florin Müller (rechts). Julian Bodem (links) hat ein weiteres Buch von Florin bebildert. FOTO: Tina Leistenschneider
Dillingen. In einer Lesung im Dillinger Seniorentreff wurden zwei Werke des Autisten Florin Müller vorgestellt. Von Tina Leistenschneider

Wer sie nach ihren Namen fragt, erhält keine Antwort. Um sich vorzustellen, brauchen sie ihren Laptop. Ihre Finger schweben suchend über die Tastatur, geben mühsam Buchstabe für Buchstabe ein und tippen mal daneben. Eine Berührung an der Schulter, die Augen bemerken den Fehler, der von den Fingern korrigiert wird. „Julian Bodem“ gibt einer von ihnen ein, dann stellt sich sein Freund neben ihm vor: „Ich bin der nutzlose Florin.“ Mehr schreibt er nicht. Sein Blick wandert flüchtig vom Laptop zu seinem Publikum, das betroffen schweigt.


Nutzlos, so fühlen sie sich manchmal. Julian und Florin sind beide Autisten und gefangen in einem Körper, der ihrem Willen nicht gehorcht. Seit ihrer Kindheit leiden die beiden am Kanner-Syndrom, frühkindlichem Autismus. Wie vielen Autisten fällt ihnen die Kommunikation mit ihren Mitmenschen schwer, sie haben nie sprechen gelernt. Um sich mitteilen zu können, nutzen beide für Außenstehende meist unverständliche Laute, eine abgewandelte Form der Gebärdensprache und ihren Laptop, über den sie ihre Gefühle und Gedanken zum Ausdruck bringen. Eine große Erleichterung für beide, weiß Birgit Müller, Adoptivmutter von Florin: „Ohne den Laptop würde er heute noch Worterkennung machen“, sagt sie.

Als Florin vier Jahre alt war, adoptieren sie und ihr Mann den Jungen aus einem rumänischen Waisenhaus, ohne von seiner Behinderung zu wissen. Wie die beiden ihre Störung wahrnehmen, darüber berichteten Julian Bodem aus Saarburg und Florin Müller aus Dillingen bei einer interaktiven Lesung im Seniorentreff in Dillingen. Interaktiv deshalb, weil weder Schriftsteller noch Illustrator sprechen können. Beide sind auf die Hilfe ihrer Familien angewiesen, die die Gedichte und Textauszüge aus ihren Büchern „Die Reise zum leuchtenden Stern oder Ein Astronaut im Weltall“ und „Worte und Bilder des Lebens“ vorlesen.



Mit einem sanften Streicheln über die Wange oder durch eine weiche Berührung an der Schulter oder am Knie stützt die Therapeutin Hannelore Kloth Julian und Florin, hilft ihnen, ihren Körper zu kontrollieren. „Ein Autist braucht manchmal eine Berührung am Arm, um wahrzunehmen, wo der eigene Arm ist“, erklärt sie. Wenn sich Florin während der Lesung mit der Hand gegen die Wange schlägt, nimmt Kloth die Hand ihres Schützlings und senkt diese. Wenn Julian mit unverständlichen Lauten auf eine vorgelesene Textpassage reagiert, streicht sie ihm beruhigend über den Rücken und bietet ihm eine psychische Stütze. Es kostet die zwei Freunde Kraft, belastende Situationen ruhig zu ertragen. Kraft, die sie nicht immer haben. Dann bricht es in unwillkürlichen Handlungen aus ihnen heraus.

„Kein Mensch dieser Welt kann dauerhaft alleine Kraft aufbringen, um belastende Dinge in sich gekehrt ertragen zu können, ohne Schaden davon zu nehmen“, schreibt Florin in seinem Buch und äußert seinen Wunsch, etwas Nützliches zu Frieden, Notlinderung und Liebe beitragen zu können. Viele seiner einfühlsamen Gedichte greift sein Freund Julian auf und setzt diese bildlich in Szene. So auch bei dem Gedicht „Wut“, über das Julian hastige und schnelle Striche malte und so die Bedeutung des Gedichts unterstreicht. Eine Wut, die beide spüren. Die Wut über ihren in Ketten liegenden Körper, der ihnen die Freiheit raubt. Indem Julian zum Pinsel greift und Florin seine Gefühle lyrisch zum Ausdruck bringt, können beide für einen Moment die Fesseln ablegen.