| 20:43 Uhr

Konzert
Die Poesie begleitet ihn schon seit Kindertagen

Konstantin Wecker kommt am Freitag in den Dillinger Lokschuppen.
Konstantin Wecker kommt am Freitag in den Dillinger Lokschuppen. FOTO: Kultopolis / Thomas Karsten
Dillingen. Der Liedermacher spricht über die aktuelle politische Lage, seinen Zugang zu Poesie und Musik und die Zukunft. Von Jörg Laux

Der Liedermacher Konstantin Wecker kommt am Freitag im Trio in den Dillinger Lokschuppen. Wir hatten vorher die Gelegenheit, mit ihm zu reden – über Poesie, die unvermeidliche Politik und das Saarland.


Sie sind derzeit wieder auf Deutschland-Tour, allerdings nicht solo oder mit großer Band, sondern als Trio mit Fany Kammerlander (Cello) und Jo Barnikel (Keyboards). Wie kam es zu dieser Konstellation?

WECKER Als ich die Fany Kammerlander vor dreieinhalb Jahren kennengelernt habe – das war auf einem Konzert –, und ich kannte sie bereits als herausragende Cellistin, haben wir uns mal zusammengesetzt und gesagt, es wäre doch eigentlich wunderbar, wenn wir mal eine kammermusikalische Besetzung machen würden. Also zwei Flügel eigentlich und Cello – wobei der Jo auch ein paar andere Sounds dabei hat, aber eigentlich ist es eine sehr kammermusikalische Sache. Wir bleiben ziemlich akustisch. Es ist ein wirklich sehr poetisches Programm. Allerdings halte ich mich auf keinen Fall aus den politischen Scheußlichkeiten, die es im Moment zu bekämpfen gilt, heraus.



Sie zählen zu den bedeutendsten Liedermachern Deutschlands, und das seit 1973, als Ihre erste Platte herausgekommen ist („Die sadopoetischen Gesänge des Konstantin Amadeus Wecker“). Wie sehen Sie sich selbst? Eher als Musiker oder eher als Poet?

WECKER Eigentlich mehr als Poet. Ich bin zwar mit der Musik groß geworden. Mein Vater war ja Opernsänger. Aber ich bin schon sehr früh mit der Poesie in Verbindung gekommen, weil meine Mama Gedichte sehr geliebt hat. Und die hat sie so vorgetragen, bei der Hausarbeit: Schiller, Goethe, weil sie alles auswendig gelernt hat – und das war nicht pädagogisch von ihr, sondern aus reiner Freude. Und da hab ich mitgekriegt, dass man sich an Gedichten einfach erfreuen kann. Als Zwölf- oder 13-Jähriger habe ich dann angefangen, meine ersten Gedichte zu schreiben – und natürlich welche zu lesen. Ich hätte ohne Georg Trakl (österreichischer Dichter des Expressionismus, 1887-1914) meine Pubertät nicht überstanden. Ich hatte dann auch so eine Art „Club der toten Dichter“, in dem haben wir uns unsere eigenen Gedichte um die Ohren gebrüllt. Ich hab zwar immer Musik gemacht, auch während dessen, und hab dann auch Musik studiert und bin auch ein ganz ansehnlicher Pianist geworden. Also, kein klassischer, aber für das, was ich brauche, spiel ich sicher sehr schön, und es macht auch große Freude. Poesie ist für mich ein Symbol geworden, für das, was aus dem tiefsten Herzen kommt und was man mit Ratio zuerst einmal nicht erschaffen kann. Für mich war das immer dieses Wunderbare, wo wir ahnen, es gibt noch mehr als das, was unser Verstand erfassen kann.

Ihr aktuelles Bühnenprogramm enthält auch Stücke aus Ihrem jüngsten Doppel-Album „Poesie und Widerstand“, das quasi auch ein Blick zurück auf Ihr Schaffen beinhaltet. Wie wählt man aus dem doch gewaltigen Fundus an Liedern und Texten ein Tour-Programm aus?

WECKER Vieles hat natürlich mit dem Trio zu tun, auch mit den musikalischen Elementen. In dem Trio-Programm wage ich es, ein Schubert-Lied zu singen, und bringe dann gleich danach zwei Lieder, die ich Anfang der Achtziger geschrieben habe, die so unglaublich beeinflusst sind von Schubert, um auch einfach mal deutlich zu zeigen, wo man sich bedient als Komponist. Und das hat natürlich auch damit was zu tun, dass wir das Cello schön zur Geltung kommen lassen wollen. Ich wähle das Programm natürlich schon auch nach der Besetzung aus. Und das Zweite ist, ich werde in diesem Programm auch mit ziemlich aktuellen Liedern beginnen. Ich hab ja einen neuen „Willy 2018“ geschrieben. Wieder am Grabe meines Freundes Willy, das ist ja schon 50 Jahre her, erzähl ich jetzt wieder mal, was eigentlich los ist. Ich habe auch ein ganz neues Lied geschrieben, „Das Leben will lebendig sein“, in dem ich mich frage, wie das sein kann, dass die ganze braune Brühe wieder hochkocht. Ich finde schon, im Moment müssen wir uns unglaublich wehren, damit wir nicht des Ansatzes der Demokratie, wie wir ihn gelernt haben, schnell wieder verlustig werden. Das ist sehr gefährlich.

Nun haben Sie am 5. Oktober im Dillinger Lokschuppen Ihr einziges Konzert im Saarland. Allerdings waren Sie schon früher oft hier. Was verbinden Sie mit dem Saarland?

WECKER Ich bin gerne im Saarland, weil das sind so freundliche Menschen, finde ich, so herzliche Menschen. Ich hab das Gefühlt, auch wenn man dort in eine Kneipe geht, es herrscht so eine Offenheit. Vielleicht hat das auch mit der Nähe zum Wein zu tun und mit der Nähe zu Frankreich, wahrscheinlich. Also, ich bin gern im Saarland.

Konstantin Wecker ist ja auch immer schon ein politischer Mensch gewesen, der sich klar als Pazifist, für bedingungslos offene Grenzen und gegen Rassismus positioniert. Nun sind Sie ja auch Bayer. Wie fühlen Sie sich in Zeiten wie diesen – Stichwort: Seehofers Asylpolitik – als Bayer?

WECKER Es ist eine Katastrophe. Man kann sich als Münchner noch einigermaßen wohlfühlen. Pegida hatte zum Beispiel in München von Anfang an keine Chance. Da waren 100 Pegida-Leute bei der ersten Demo vor Jahren und auf der anderen Seite waren 20 000 Münchner dagegen. Das war ein deutliches Übergewicht. Das liegt auch daran, dass München immer schon eine sehr multikulturelle und weltoffene Stadt war. Im Gegensatz zu woanders, wo man „die Fremden“ nie wirklich erlebt hat. Dennoch finde ich, was Herr Seehofer jetzt macht, ist so wahnsinnig gefährlich. Wir laufen Gefahr, dass Europa faschistisch wird. Und das muss man auch so benennen können. Meine Mama, eine Antifaschistin wie mein Papa, demonstrierte ja mit mir früher, als die ersten NPD-Demos kamen. Da gingen wir nach München am Rathaus vorbei und dann sagte sie: „Schau Konstantin, da war diese braune Brut, ich hab sie noch genau im Kopf. Aber die Neonazis, die sind ja noch viel dümmer als die Nazis damals. Die wissen doch, wie es ausgegangen ist.“ Ich finde das einen so markanten Satz. Wie kann man nach all dem Elend, den uns der Nationalsozialismus und der Faschismus gebracht hat, ein Neonazi sein? Wie kann man sich diese Zeit wieder zurückwünschen? Es geht mir einfach nicht in den Kopf. Da müssen wir ganz enorm dagegen angehen, und ich merke zurzeit, und das gibt mir auch sehr viel Mut, dass Kunst Mut machen kann.

Sie stehen nun seit 60 Jahren auf der Bühne, setzen sich engagiert für Frieden und eine grenzenlose Welt ein, inklusive den Anfeindungen, dem Shitstorm, wie man heutzutage sagt. Denken Sie manchmal ans Aufhören?

WECKER Ich war jetzt zwei Monate wieder in Italien in meinem Haus dort in der Toscana. Da gab’s ein paar Tage, an denen ich gedacht habe: eigentlich nicht blöd, das Rentnerdasein. Auf der anderen Seite fehlt mir dann die Bühne. Meine Frau lacht dann auch immer und sagt: „Jetzt tu doch nicht so. Spätestens in drei Wochen musst du wieder Bühnenluft schnuppern.“ Also, gerade im Moment, krieg ich auch so viel Kraft und Wärme durch mein Publikum. Und es könnte sein, wenn ich dann jetzt nur noch schreiben und gar kein Publikum mehr erleben würde, dass ich dann zum Zyniker werde. Im Moment möchte ich nicht dran denken und kann nur – toi, toi, toi – hoffen, dass das alles körperlich so weitergeht und ich noch eine Zeit lang auf der Bühne stehen kann.

Das Interview führte Jörg O. Laux