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Podium zur Digitalisierung
Wirtschaft 4.0 mit Menschen mittendrin

Das Podium (v.l.): Eugen Roth, Bernhard Emunds, Mathias Winters, Anke Rehlinger und Heino Klingen
Das Podium (v.l.): Eugen Roth, Bernhard Emunds, Mathias Winters, Anke Rehlinger und Heino Klingen FOTO: Axel Künkeler
Dillingen. Rege Podiumsdiskussion bei der KEB in Dillingen zu den Chancen und Risiken der Digitalisierung in der Arbeitswelt. Von Axel Künkeler

Die jährliche Gedenkveranstaltung der Katholischen Erwachsenenbildung (KEB) im Kreis Saarlouis für den Sozialphilosophen Oswald von Nell-Breuning am Dienstag im kleinen Saal der Stadthalle widmete sich den „Chancen und Risiken der Digitalisierung“. Die Antwort auf die Frage, ob der „Mensch noch gebraucht wird“, laute Bildung und Mitbestimmung der Arbeitnehmer. Darin waren sich die Teilnehmer der Diskussion dann doch weitgehend einig.


Nach der Begrüßung durch den ersten Vorsitzenden der KEB, Horst Ziegler, führte der Leiter des Frankfurter Nell-Breuning-Instituts, Professor Bernhard Emunds (von der Hochschule St. Georgen), in einem 45-minütigen Referat in das Thema ein. Als aktuelle Trends der digitalen Wirtschaft nannte er die Zunahme sowohl psychischer Erkrankungen wie auch des Niedriglohn-Sektors und von Frauen-Erwerbstätigkeit vor allem in Teilzeit und Minijobs bei Rückgang der Tarifbindung.

Die Veränderungen unter dem Schlagwort Industrie 4.0 seien zwar nicht wirklich neu, müssten aber unter christlich-sozialethischem Blickwinkel gestaltet werden, damit sie „den Menschen dienen“. Beispielhaft nannte Emunds Vorteile der Flexibilität für die Beschäftigten statt des gläsernen Mitarbeiters, Erhalt der Erwerbsarbeit mittlerer Qualifikation statt weiterer Prekarisierung, Arbeitszeitverkürzung statt hoher Arbeitslosigkeit sowie faire Dienstleistungsgesellschaft statt „Dienstboten-Gesellschaft“.



Da der Anstieg der Arbeitsproduktivität in der personenbezogenen Dienstleistung nur begrenzt möglich sei, müsse der Staat zumindest übergangsweise durch Regulierung und Förderung der Dienstleistungsarbeit für eine höhere Attraktivität etwa von Pflegeberufen sorgen. Generell müsse der Wandel gestaltet werden, um die Chancen der Digitalisierung zu nutzen, forderte der Gastredner. Dies gelte sowohl für die Arbeitsorganisation in den Firmen als auch für eine Technikanwendung, die die Interessen der Facharbeiter berücksichtigt, und nicht zuletzt für Arbeitszeitverkürzungen. Die enormen Chancen der Digitalisierung könnten nur genutzt werden, zitierte Emunds den Philosophen Nell-Breuning, wenn wir „die für den Erwerb des Lebensunterhalts nicht mehr benötigte Zeit umwandeln in das Leben mit Sinn erfüllende Zeit“.

Wirtschaftsministerin Anke Rehlinger als Co-Referentin lobte Emunds, das sei „eine wunderbare Aufarbeitung“ der aktuellen Aufgabenstellung gewesen. „Die Digitalisierung wird kommen“, betonte die Ministerin, vielleicht „schneller und mächtiger“ als frühere Entwicklungsschübe, und das mache vielen Menschen Angst. Gläserne Mitarbeiter dürfe es nicht geben, Daten nicht personalisiert gesammelt werden. Die Betriebe sollten ihre Beschäftigten mitnehmen, neben der technischen Ausstattung in Betrieben und Schulen müsse die Aus- und Weiterbildung forciert werden.

In der Digitalisierung stecke auch die Chance, junge Leute wieder für „altbackene Berufe“ zu begeistern. Der moderne Schreiner sei längst nicht mehr „Meister Eder mit dem Pumuckl“. Aber die Sozialpolitik müsse sich um die Leute kümmern, die trotz Bildung keine Chancen mehr haben. Dem auch von Emunds ins Gespräch gebrachten Grundeinkommen erteilte sie persönlich eine Absage. „Das ist keine adäquate Antwort in einem aktivierenden Sozialstaat“, betonte Rehlinger. Sie forderte dagegen die unternehmerische Verantwortung, möglichst alle in die Arbeitswelt zu integrieren sowie die Stärkung des öffentlich geförderten Beschäftigungssektors. Nicht zuletzt müsse mehr über Arbeitszeitmodelle diskutiert werden.

Er stimme „80 Prozent der Analyse“ zu, erklärte IHK-Hauptgeschäftsführer Heino Klingen. Nur mit den „normativen Wertungen“ von Emunds habe er seine Probleme. Vor allem das Gerede vom Ende des Wachstums sei „Quatsch“. Es gebe immer wieder neue Entwicklungen und Produkte, die für Beschäftigung und Wohlstand sorgten. Klingen betonte ebenfalls den Stellenwert der Aus- und Weiterbildung und regte eine Pflicht zur Weiterbildung, etwa für Lehrer an.

„Die Arbeitnehmer fürchten die Risiken der Digitalisierung, müssen daher an den Prozessen beteiligt werden“, sagte der stellvertretende Vorsitzende des DGB-Rheinland-Pfalz/Saarland, Eugen Roth. Eine Stärkung der Gewerkschaften und der Betriebsräte sei erforderlich, um die Mitbestimmung der Digitalisierung zu ermöglichen. Von den Unternehmen forderte Roth ein „modernes Führungsmodell auf Augenhöhe“, der Umgang miteinander müsse menschlicher werden.

Moderator der Diskussion war SZ-Regionalleiter Mathias Winters, der das Plenum zunächst abstimmen ließ. Etwa zwei Drittel der rund 80 Anwesenden sahen eher Chancen bei der Digitalisierung. Aber die Fragen und Wortbeiträge aus dem Plenum drehten sich dann doch fast ausschließlich um die Risiken. Da wurde eine fehlende Steuerung durch die Politik ebenso beklagt wie „Trickserei und Mauschelei“ der Finanzwirtschaft. Die Bewertung der gesellschaftlichen Arbeit wurde ebenso hinterfragt wie der Anstieg der psychischen Erkrankungen.

Kontrovers diskutiert wurde auch die Steuerpolitik. Forderungen nach höherer Vermögens- und Erbschaftssteuer wurden erhoben, während eine Maschinensteuer weitgehend kritisch betrachtet wurde. Am Ende der rund zweieinhalbstündigen Veranstaltung waren sich aber die meisten im Kern einig, die Chancen der Digitalisierung zu nutzen. Es komme auf die richtige Gestaltung des Wandels an, aufzuhalten sei er ohnehin nicht. „Trotzdem müssen wir die Risiken diskutieren, damit wir die passenden Antworten finden“, lautete das Schlusswort von Professor Emunds.