Jungs und Mädchen üben beim ersten Mädchenpowertag in Dillingen

Kinder : Wie Kinder lernen, stopp zu sagen

Erster „Mädchenpower-Tag“ in der Pfarrgemeinde St. Maximin in Dillingen: Zuerst werden Klischees erkannt, dann geht es spielerisch übend in lebensnahe Situationen.

Die Hand greift in den Sack und zieht einen Dino hervor. „In welchem Zimmer wird mit einem Dino gespielt, und wer spielt damit?“, fragt Melanie Schnabel die Mädchen, die in einem Kreis um sie sitzen. Pauline betrachtet den Dino und sortiert ihn ins Kinderzimmer ein. „Und wer spielt damit?“ „Jungs“, sagt die Siebenjährige. „Nein“, antwortet ihr Tabea. „Auch Mädchen spielen mit Dinos.“ Zustimmendes Nicken neben ihr.

Und was ist mit Deo oder einem Geschirrtuch? Schnell erkennen die Kinder Klischees, sie merken, dass Gegenstände durchaus von beiden Geschlechtern nutzbar sind. „Wie unterschiedlich man ist, hängt nicht vom Geschlecht ab“, sagt Schnabel. Sie ist Leiterin der saarländischen Fachstelle Mädchenarbeit und führt den Workshop am ersten „Mädchenpower-Tag“ in der Pfarrgemeinde St. Maximin in Dillingen durch – ein Projekt der Pfarrgemeinde und des Paritätischen Bildungswerks Rheinland-Pfalz/Saarland.

Nächste Übung: Sechs Mädchen stehen sich gegenüber, drei von ihnen gehen Schritt für Schritt nach vorne, bis das Gegenüber die Hand hebt und signalisiert: „Stopp!“ – bis hierhin und nicht weiter. „Jetzt sagt mit eurem Gesicht Stopp“, fordert Schnabel die Mädchen auf: Sie will erreichen, dass die Kinder früh lernen, ihre Grenzen wahrzunehmen und zu signalisieren.

Wieder nähern sich die Mädchen an, bis das Gegenüber mit einem Blick zu verstehen gibt, stehenzubleiben – nur wenige Zentimeter entfernt. „Hat euch das überzeugt?“, fragt Schnabel die Kinder. Sie verneinen. „Weil sie gelacht haben“, erklärt Pauline – Mimik und Haltung schüchterten nicht ein.

Dass jedoch beides wichtig ist, um ernst genommen zu werden, lernen Mädchen und auch eine Gruppe Jungen am ersten „Mädchenpower-Tag“. Initiiert wurde die Idee von Bernd Thome, Schulleiter der Primstalschule in Diefflen. „Meine zwölfjährige Tochter wurde vergangenes Jahr von einem älteren Herren völlig grundlos ins Gesicht geschlagen“, erzählt Thome. Trotz ärztlichem Attest habe eine Anzeige bei der Polizei nichts gebracht. „Das ist bitter“, meint Thome – und macht sich Gedanken darüber: „Welches Signal wird damit an meine Tochter und auch an andere Kinder gesandt?“ Ihr und ihren Freunden sei nicht geglaubt worden. Da stellte sich Thome die Frage: „Was können wir tun, um den Kindern zu helfen, dass es gar nicht so weit kommt?“

Deswegen lernen Jungen und Mädchen, aufgeteilt in drei Gruppen, nach Alter und Geschlecht, ihr eigenes Ich zu stärken und die Wünsche so auszudrücken, dass sie gehört werden. Ursprünglich war der Tag für Mädchen gedacht, „weil man denkt, dass sie eher Opfer von Gewalt werden“, sagt Thome. Aber in Elterngesprächen merkte er das Interesse daran, auch Jungen zu involvieren. „Die Übungen unterscheiden sich nicht“, sagt Boris Welter-Bund, Leiter der Fachstelle Jugendarbeit. Und Schnabel ergänzt: „Die Kinder sollen lernen, Stopp zu sagen, Haltung einzunehmen und Grenzen aufzuzeigen.“

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