„Ich liebe meine Albträume“: Thomas Franke im Interview

Interview mit Thomas Franke : „Ich liebe meine Albträume“

„Franke liest Franke“ heißt es am Freitag, 12. April, im Drachenwinkel in Diefflen. Ab 20 Uhr stellt der Schauspieler und Grafiker Thomas Franke das Werk von Herbert W. Franke vor, das er illustriert hat.

Herbert W. Franke gilt als einer der wichtigsten Science-Fiction-Autoren Europas. Der 1927 geborene Wissenschaftler hat zahlreiche Sachbücher und ab den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts Kurzgeschichten und Romane. Thomas Franke ist Schauspieler und Grafiker. Bereits seit mehreren Jahrzehnten illustriert er die Bücher von Herbert W. Franke. Im Rahmen des Literaturfestivals „Erlesen“ stellt er nun die Gesamtausgabe des Werks von Herbert W. Franke vor, von dem bereits mehrere Bände erschienen sind. Los geht es am Freitag, 12. April, um 20 Uhr in der Buchhandlung Drachenwinkel in Diefflen.

Herr Franke, Sie präsentieren in Dillingen die bisher erschienenen Bände der Werkausgabe von Herbert W. Franke, die Sie illustriert haben. Was genau erwartet die Besucher bei der Lesung?

FRANKE Bisher liegen zwölf Bände vor, unter denen drei Kurzgeschichtensammlungen zu finden sind: „Der grüne Komet“, „Einsteins Erben“ und „Zarathustra kehrt zurück“. Aus diesen drei Erzählungsbänden werde ich im Verlauf der Präsentation dieser Werkausgabe Geschichten vortragen und die Reihe vorstellen, indem ich die Besonderheiten der Gestaltung anhand eines oder zweier Buchexemplare zeige, z. B. die Grafiken auf den Faltblättern und die Innenillustrationen. Ich werde damit beginnen, einige humorvolle Repliken zum gegenwärtigen Stand der Forschung über „Künstliche Intelligenz“ zum Besten zu geben. Sie erinnern sich vielleicht an die Aufsehen erregende Nachricht vom Juli 2017, „Künstliche Intelligenz entwickelt Geheimsprache – Facebook zieht den Stecker“, die damals durch die Medien gereicht wurde und mich als beinahe-zum-Wissenschaftler-Gewordenen Tränen lachen ließ. Da die Situation, in der ich Herbert W. Franke persönlich kennenlernte, gleichfalls eines gewissen Witzes nicht entbehrt, und ich sie zu seinem 90. Geburtstag für ein Science-Fiction-Magazin mit einem kurzen literarischen Bonmot aufschrieb, werde ich dieses vortragen, bevor ich davon erzähle, wie ich den Auftrag zur Gestaltung der Bücher des 30-bändigen Science-Fiction-Gesamtwerks vom Betreiber des Verlags „p.machinery“, Michael Haitel, angetragen bekam. Mit einer Bildpräsentation zeige ich die digitalen Schritte, die zur charakteristischen Gestaltung der Bände führen, und stelle einige der für die Bücher geschaffenen Grafikmotive vor, von denen ich vier oder fünf als Originale mit nach Dillingen bringe. Zwischendurch werde ich die eingangs erwähnten Erzählungen aus den bisher vorliegenden drei Geschichtenbänden des Oeuvres Herbert W. Frankes zelebrieren, welche des öfteren die zukünftigen potenziellen Auswirkungen der Künstlichen Intelligenz zum Thema haben. Franke thematisierte das ja schon in seinen ersten, in „Der grüne Komet“ gesammelten Kürzesterzählungen, die er Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts schrieb. All das läuft bei meinen derartigen Veranstaltungen nicht ohne Humor ab. Alsdann beantworte ich Fragen des Publikums.

Sie illustrieren bereits seit Jahren die Werke von Herbert W. Franke. Wie ist es zu dieser Zusammenarbeit gekommen?

FRANKE Im Jahr 1978, noch während meines Studiums der Malerei und der freien Grafik an der Kunstakademie Burg Giebichenstein in der DDR, gestaltete ich das erste Mal ein Buch von Herbert W. Franke, den Roman „Ypsilon minus“, mit Schutzumschlag und Innenillustrationen. Zu dieser Zeit kannten Herbert W. Franke und ich einander schon. Seine Literatur war mir als an der Science-Fiction-Interessiertem auch in der DDR nicht unbekannt geblieben, und insofern war ich sehr glücklich und stolz, als ich ihn im Jahr 1976 auf einem der von den Science-Ficiton-Fans gern, oft und regelmäßig veranstalteten Convents persönlich traf: auf dem Euro-Con in Poznan in der damaligen Volksrepublik Polen, wo ich als DDR-Bürger hinreisen konnte. Den Auftrag zur Gestaltung seines Romans hatte mir der in der DDR sehr bekannte Verlag „Neues Leben“ erteilt, wo „Ypsilon minus“ als zweiter Band in der Reihe „NL Podium“ erscheinen sollte – und natürlich erschien. Ich galt zu dieser Zeit in der DDR wegen meiner außergewöhnlichen zeichnerischen und grafischen Techniken als Edel-Illustrator, wohl auch, weil ich im Westen Deutschlands zunehmend bekannter wurde. Um 1978 herum wurde mir auch der Auftrag zur Gestaltung der „Phantastischen Bibliothek“ des Suhrkamp-Verlags erteilt, in der einige von Frankes Büchern erschienen. Seit 1976 hatte ich einige der von Franke beim Heyne-Verlag herausgegebenen „Science Fiction Story Reader“-Bücher mit meinen Grafiken illustriert. Ende der 70er Jahre nahm ich die Bearbeitung seines wohl wichtigsten dystopischen Romans „Zone Null“ in Angriff, was jedoch kulturpolitischen Zerwürfnissen mit einigen Neidhammeln in den hohen Etagen der SED-Hierarchie zum Opfer fiel, die mich zu mobben begannen, weil ich mit meinen Arbeiten Westgeld verdiente, Auszeichnungen wie den Kurd-Laßwitz-Preis verliehen bekam und mit einem Lehrauftrag für die Illustration des Phantastischen von der Fachhochschule Bielefeld beauftragt wurde, was meinen Hinauswurf aus der DDR auf den Weg brachte.

Seit unserem Zusammentreffen in Poznan standen wir bis Anfang 1984, bis zu meinem Hinauswurf aus der DDR, in ständigem Briefwechsel, und die ersten drei Tage nach meiner Ankunft in der Bundesrepublik Deutschland wohnte ich auch in seinem Haus bei Wolfratshausen, denn die Staatssicherheit hatte ihn aufgrund der Nachnamensgleichheit kurzerhand zu meinem Großonkel erklärt und aus der Abschiebung eine „Familienzusammenführung“ gemacht, meiner damaligen Frau und mir Fahrkarten von Leipzig nach München gekauft, uns zugesteckt und uns dorthin abgeschoben.

Nach 1984 verloren wir beide einander aus den Augen, begegneten uns nur hin und wieder eher zufällig, auch weil ich viele Jahre vorwiegend als Schauspieler arbeitete, bis ich schließlich im Jahr 2014 gefragt wurde, ob ich die vorerst auf dreißig Bände ausgelegte, über mehrere Jahre erscheinende Gesamtausgabe des Science-Fiction-Werks dieses erstaunlich vielseitigen und fleißig nicht nur Science-Fiction schreibenden, überhaupt vor Kreativität sprudelnden Wissenschaftlers und Künstlers Herbert W. Franke übernehmen wollte, was ich natürlich positiv beschied. So trafen wir also erneut aufeinander.

Tatsächlich verwandt sind Sie ja trotz desselben Nachnamens nicht. Wie würden Sie die Beziehung „Franke und Franke“ beschreiben?

FRANKE Herbert W. Franke war ein mir sehr zugeneigter, von meinem Talent, meinen grafischen Techniken und meiner speziellen Sicht des Genres Science Fiction begeisterter Bewunderer und auch Förderer meiner Arbeiten. Das konnte ich hm bezüglich der meisten seiner literarischen Werke – zumindest als Bewunderer – erwidern. Als ich mit der Bearbeitung der wohlfeilen Ausgabe seines Science-Fiction-Gesamtwerks begann, freute ich mich sehr darüber, eine alte Freundschaft wiederbeleben zu können. Und nachdem der vierte oder der fünfte Band der Ausgabe erschienen war, schickte er mir ein mit seiner Widmung versehenes Exemplar und ließ mich darin wissen, dass er sich sehr darüber freuen würde, daß wir auf diese Weise wieder zusammenfänden, worüber ich mich wiederum freute ... und so weiter. Wir freuen uns übereinander und sinddeswegen miteinander be-freu-ndet.

Was fasziniert Sie am meisten an der Vita beziehungsweise am Werk von Herbert W. Franke?

FRANKE In den ersten Jahren, da ich sein literarisches Werk kennenlernte, faszinierten mich die Kürzesterzählungen, wie sie in der Sammlung „Der grüne Komet“ zu finden sind. Später dann sein Roman „Ypsilon minus“, der eine von der Digitalisierung dominierte Welt beschreibt, in welcher menschliche Regungen optimiert oder gleich völlig unterdrückt und die Menschen von anderen Menschen mittels digitaler Überwachung kontrolliert werden. Die Illustrierung dieses Romans für den DDR-Verlag bereitete mir große Probleme, weil die Verlagsleute ihn unter großen Schwierigkeiten durch die Zensur gepeitscht hatten und meine Probeillustrationen und Entwürfe neue Probleme verursachen würden, sollte ich meine Arbeiten weiterhin mit der Tendenz schaffen, die Überwachung zu thematisieren. Man bat mich, den Illustrationen eine andere Richtung zu geben – und nach diesem Gespräch mit den Leuten im Verlag Neues Leben ahnte ich, dass mein Leben in der DDR ein Ende nehmen würde. Im Roman „Zone Null“ berichtet Herbert W. Franke von einer Welt, in welcher zwei Hemisphären nach einem verheerenden Krieg lange Zeit durch eine radioaktive Zone voneinander abgeschottet sind; als die Menschen der einen Seite die Zivilisation die der anderen kennenlernen wollen, müssen sie feststellen, dass diese sich in eine beinahe durch die Nutzung technischer Möglichkeiten unverständliche Richtung entwickelte – es könnte jedoch auch die menschlichere Zivilisation sein. Dieser Roman, den ich als Paraphrase auf die damalige Zeit des Kalten Krieges las, löste eine kausale Auseinandersetzung mit meinen Lebensumständen aus, und als ich die ersten zwei Grafiken, die ich zu diesem Thema geschaffen hatte, einigen Betonköpfen im Kulturministerium der DDR präsentieren und dabei feststellen musste, dass sie nichts, aber auch nicht das Mindeste meiner Intentionen verstanden – die übrigens nicht gegen die DDR gerichtet waren –, sondern irgendwelchen Blödsinn hineininterpretierten, verfiel ich in Verzweiflung über die Beschränktheit der Fantasie vieler Menschen, was wohl auch aus fehlender Bildung resultieren mag. Letzteres betrifft nicht nur die gerade erwähnten Menschen, sondern ich musste mir diese Beschränktheit auch von Menschen im Westen Deutschlands gefallen lassen. Frankes Werk reizte mich immer wieder zu gesellschaftspolitischen und kulturassoziativen Gedanken, mal abgesehen davon, dass er mit einigen Geschichten und Romanen Entwicklungen voraussah, denen wir mittlerweile ausgeliefert sind. Diese sind im Mindesten so faszinierend wie Orwells „1984“ oder „Schöne neue Welt“ von Aldous Huxley.

Fasizinierend finde ich auch H. W. Frankes überbordenden Fleiß. Mir fällt das Schreiben wie kreative künstlerische Arbeit überhaupt schwer.

Sie haben selbst ja auch mal Physik studiert. Warum haben Sie das aufgegeben und sich der Kunst zugewandt?

FRANKE Die kreativen künstlerischen Begabungen habe ich von meinem Vater geerbt. Meine Eltern dachten lange Jahre, dass ich Klavier studieren würde, denn ich war wohl ein recht begabter junger Musiker. Jedoch tauschte ich eines Tages im Jahr 1969 das Klavier gegen die Gitarre: Mich hatten die Beatles und die Rolling Stones mit ihrer Musik in Brand gesetzt, womit das Musikstudium vom Tisch gewischt war. Zeichnerisches, überhaupt bildkünstlerischer Talent hatte ich ebenfalls von meinem Vater in die Wiege gelegt bekommen, und auch das pflegten und förderten meine Eltern, jedoch ohne darin eine berufliche Zukunft für mich zu sehen.

In der DDR bewarben wir uns als Abiturienten schon im Verlauf der zwölften Klasse – also in unserem Abiturjahr – auf einen Studienplatz an Hochschulen und Universitäten. Ich war als Fan der Wissenschaftlichen Phantastik (so nannten wir im Osten die Science Fiction) begeistert vom Universum und von der Raumfahrt, so dass ich den Berufswunsch eines Astronomen hegte, was bedeutet hätte, ein Festkörperphysikstudium zu beginnen. Allerdings hatten die Auguren der SED andere Pläne mit mir, wie ich viel später erfahren musste: Ich sollte in die Fußstapfen meines Vaters treten und nach einem pädagogischen Studium die Leitung des von ihm sehr erfolgreich geleiteten Kulturhauses in meiner Geburtsstadt Köthen übernehmen. Also wurde meine erste Bewerbung abgelehnt und ich in einem „Umgelenkungsgespräch“ auf einen Studienplatz für Mathematik und Physik an der Pädagogischen Hochschule in Halle manövriert, wo ich nach meinem Grundwehrdienst bei der NVA zu studieren begann, um Lehrer für diese Fächer zu werden. Auf dem Weg dorthin fuhr ich täglich mit der Straßenbahn an der berühmten Hochschule für industrielle Formgestaltung Burg Giebichenstein vorüber, schaute sehnsüchtig hinaus, den Leuten mit den großen Zeichenmappen unter den Armen hinterher, bis ich eines Morgens dort ausstieg, ins Sekretariat ging und fragte: „Braucht ihr nicht noch einen Kunststudenten?“ Die Damen im Sekretariat lachten herzlich, gaben mir jedoch die Unterlagen zur Bewerbung für eine dreitägige Eignungsprüfung mit, die vierzehn Tage später stattfinden sollte. Unter insgesamt 3000 Bewerbern wurden 30 ausgewählt. Ich gehörte nach dem ersten Durchgang dieser Prüfung mit 1500 Bewerbern und Bewerberinnen zu den ersten Auserwählten, allerdings informierte mich die Prüfungskommission, dass, falls es eine gleich gute Punktzahl anlässlich des zweiten Durchgangs der Eignungsprüfungen erreichen würde, ein Arbeiterkind bevorzugt werden müsse, was mir jedoch erspart blieb. Und so studierte ich von 1975 bis 1980 Malerei und freie Grafik.

Als Musiker und Amatuerkabarettist hatte ich zu jener Zeit schon viel Bühnenerfahrung machen können – und als ich meine Diplomarbeit als Maler und Grafiker mit einem Bühnenbild zu Brechts „Herr Puntila und sein Knecht Matti“ erarbeitete, drehte sich das Rad meiner künstlerischen Ausbildung weiter: Als das Bühnenbild im Theater aufgebaut wurde, veranstaltete ich zum Bühnenaufbau heftigen Krach, weil die Bühnenarbeiter die Seiten vertauscht hatten. Ich brüllte wütend auf der Bühne herum, bis man mir mitteilte, dass jemand in der Kantine auf mich warte, weil er mich sprechen wollte. Dort traf ich dann einen deutschlandweit bekannten Dramatiker, der darauf bestand, dass ich mit meiner Präsenz, die man nicht lernen könnte, sondern einfach so hätte, Theater spielen müsse. Ohne Aufnahmeprüfung studierte ich wenige Wochen später die Schauspielkunst an der Ernst-Busch-Akademie für darstellende Künste in Berlin und legte mein Diplom als Staatsschauspieler am Staatlichen Institut für Theater und Schauspielkunst (GITIS Lunatscharskij) in Moskau ab, wohin ich als Austauschstudent delegiert worden war. Jaja: Die Künste hatten mich fest im Griff und ich spürte schnell und auch bis ins Mark hinein, dass diese die Bestimmung meines Lebens sein würden.

Die Lesung am Freitag ist überschrieben mit einer Frage: „Träumen Wissenschaftler von kybernetischen Schmetterlingen?“ Und, tun sie’s?

FRANKE Auf die Frage, die Philip K. Dick im Titel seines Romans „Träumen Androiden von elektrischen Schafen“ (1968) stellte – von Ridley Scott als „Blade Runner“ verfilmt –, und von dem ich mich zum Titel meiner Präsentation anregen ließ, gibt er im Verlauf der Handlung keine Antwort. Wenn Sie mich aber nach meinen Träumen fragen, muss ich antworten: selbstverständlich ja. In meinen Alpträumen tauchen hin und wieder kybernetische Schmetterlinge auf, die anschließend zu meinen Grafiken gerinnen. Ich liebe meine Alpträume!

Mehr von Saarbrücker Zeitung