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Pogromnacht
„Es geschah auch hier bei uns vor Ort“

Der Gedenkstein
Der Gedenkstein FOTO: Axel Künkeler
Dillingen gedenkt der Opfer der Reichspogromnacht vor 80 Jahren. Beeindruckt und bewegt verfolgten die Gäste die gemeinschaftlich gestaltete Feier am Mittwochabend. Von Axel Künkeler

DILLINGEN Mit einer Kranzniederlegung am Platz der ehemaligen Synagoge sowie einer Gedenkfeier der Katholischen Erwachsenenbildung (KEB) mit der Lothar-Kahn-Schule (LKS) Rehlingen-Siersburg erinnerte die Stadt Dillingen am Mittwochabend an die Opfer der Reichspogromnacht vor 80 Jahren.


Zunächst hatten sich drei Dutzend Menschen an dem Ort versammelt, an dem 1938 noch die im April 1924 eingeweihte jüdische Synagoge stand. An dem Gedenkstein wurden 51 Kerzen entzündet, die an die Menschen erinnern sollen, die in Dillingen geboren waren oder hier längere Zeit lebten und im Holocaust einen gewaltsamen Tod fanden. Deren Namen wurden von Gertrud Schmidt von der Stadtverwaltung verlesen, nachdem Bürgermeister Franz-Josef Berg und Landtags-Präsident Stephan Toscani im Beisein des Vorsitzenden der Synagogen-Gemeinde Saar, Richard Bermann, einen Kranz niedergelegt hatten.

Sehr eindrucksvoll schilderte Berg anhand von Einzelschicksalen die Dillinger Geschehnisse in der November-Nacht 1938. So wurde die Musikalienhandlung des 80-jährigen Siegfried Alkan in der Johannesstraße überfallen, Musikinstrumente und Noten auf die Straße geworfen. Der alte Mann wurde blutig geschlagen und irrte durch die Straßen ohne Hoffnung auf Hilfe. Auch die Synagoge wurde in Brand gesetzt, ansonsten sind nur wenige mündliche Überlieferungen erhalten geblieben.



Klar sei aber, betonte der Dillinger Bürgermeister, „es geschah nicht nur in Städten wie Berlin oder Saarbrücken, es geschah auch hier bei uns vor Ort“. Deshalb stelle er sich der Erinnerung an die Reichspogromnacht, „auch wenn sie ein schreckliches Kapitel der Stadtgeschichte ist“. Erinnerungskultur sowie Zivilcourage seien in der heutigen Zeit von jedem einzelnen Bürger gefordert, damit nie wieder Ausgrenzung und Fremdenhass einen Platz in der Gesellschaft haben.

Bei der anschließenden Gedenkfeier im Pfarrheim St. Maximin Pachten, betonte auch Toscani die Bedeutung des Erinnerns. Für die Vergangenheit bedeute es, „den Opfern ihre Würde zurück zu geben“. Zudem müsse man verstehen, wie es dazu kommen konnte, schilderte der Landtags-Präsident das Erstarken des Nationalsozialismus seit 1933. Die NS-Propaganda der Ausgrenzung Andersartiger (die „Erziehung zur Unmenschlichkeit“, zitierte er Heinrich Mann) habe den Nährboden geschaffen für Diskriminierung und Verfolgung.

Für Gegenwart und Zukunft müsse man daraus lernen, dass unsere Zivilisation „auf dünnem Boden“ stehe, die Werte unserer Demokratie nicht für alle Zeiten gesichert sind. Erinnerung, Zivilcourage jedes Einzelnen sowie ein starker, wehrhafter Rechtsstaat seien erforderlich. Es sei „die gemeinsame Aufgabe des Staates und von uns allen“ aus der Erinnerung die Lehren für die Zukunft zu ziehen.

„Erinnern für die Zukunft“ lautete denn auch der Titel eines Filmprojekts, das Schüler der LKS vorstellten. Die 15- bis 16-jährigen Zehntklässler hatten die Schändung des jüdischen Friedhofs im März 2017 in der französischen Nachbargemeinde Waldwisse zum Anlass für den Film genommen. Darin gingen sie der Frage nach, wie es dazu kommen konnte und wie in der deutsch-französischen Grenzregion mit den Ereignissen von 1938 heute umgegangen wird.

Musikalisch umrahmt wurde die Gedenkfeier durch Thomas Bernardy und Oranna Kasper mit Liedern des Niederländers Hermann van Veen sowie des jüdischen Komponisten Friedrich Hollaender. Betroffen machte nicht nur Hollaenders Song „An allem sind die Juden schuld“, mit dem er schon 1931 wachrütteln wollte. Was damals nicht gelang, hat vielleicht ein wenig die Dillinger Veranstaltung geschafft. Die weit über einhundert Teilnehmer waren jedenfalls überzeugt: „Nie wieder“, darf so etwas passieren.