Foodsharing ist inzwischen im ganzen Kreis Saarlouis aktiv

Essen retten : Wenn das Essen zu gut für die Tonne ist

Die Initiative Foodsharing gibt es inzwischen im ganzen Landkreis Saarlouis mit über 100 aktiven Nutzern.

Der Urlaub steht an, doch der Kühlschrank ist noch fast voll: Wohin mit den ganzen Lebensmitteln? Für die Tonne sind sie viel zu schade. Anderes Beispiel: Von der Grillparty sind noch fünf ganze Baguettes übrig – wohin damit? Oder: Die Buffet-Reste von der Kommunion, Dutzende übriggebliebene Schwenker nach dem Vereinsfest – oder was nach dem Wochenmarkt noch nicht verkauft worden ist: All diese Lebensmittel müssen nicht in den Müll wandern, sondern werden noch gerne von anderen gegessen und verwertet. Sie müssen nur davon erfahren.

Darum kümmert sich die bundesweite Initiative Foodsharing (siehe Info). 103 registrierte Essensretter, die sich in Teams um die Abholung von Lebensmitteln in 78 Betrieben kümmern – damit ist der Bezirk Landkreis Saarlouis, vor allem dessen Hauptstandort Dillingen, die aktivste Foodsharing-Gruppe im Saarland.

Petra Bellmann, Joachim Johannes und Marion Sinnwell gehören zu den aktiven Essensrettern in Dillingen. Sie sind in den Teams organisiert, die Lebensmittel in den Läden abholen und verteilen, schauen täglich nach den „Fair-Teilern“ im Stadtgebiet, halten die Standorte sauber und springen auch mal ein, wenn jemand bei der Abholung ausfällt. Warum? „Man hat das gute Gefühl, etwas Gutes zu tun“, sagen sie fast unisono. „Man kann etwas bewirken, es ist kommunikativ, ich habe ganz viele Leute kennengelernt“, ergänzt Petra Bellmann. „Es ist inzwischen ein richtiges Hobby“, meint Marion Sinnwell lachend. „Aber ein cooles.“

Gerade haben sie den fünften „Fair-Teiler“ in Dillingen an den Start gebracht: In den neuen Vereinsräumen von Pro Dillingen, in der De-Lenoncourt-Straße, zentral am Hoyerswerdaplatz. Seit der vergangenen Woche kann sich auch dort täglich jeder an aussortierten Waren bedienen. In dem großen Regal, säuberlich und ordentlich in Kisten abgelegt, sowie im großen Kühlschrank landet täglich kistenweise Frisches, allen voran Obst und Gemüse, Backwaren sowie Milchprodukte.

Häufig handelt es sich um Produkte mit kleinen Schönheitsfehlern, die zu gut für die Tonne sind, aber nicht mehr gekauft werden: Etwa Gemüse mit einer Delle oder Salat, der zu welken beginnt. „Mein Klassiker ist der Dreierpack Paprika“, erzählt Marion Sinnwell. „Eine ist matschig, und der Rest wird mit weggeworfen. Oder das Netz Zitronen, von denen eine schimmelt. Wir nehmen die eine raus, der Rest kann noch gegessen werden.“

Was mit zwei, drei kleinen Lebensmittelläden in Dillingen begann, weitete sich schnell aus: Heute bestehen zahlreiche Kooperationen mit örtlichen Gemüseläden, Bäckereien und Restaurants, aber auch großen Lebensmittelketten und der Tafel. Foodsharing stellt übrigens keine Konkurrenz zu den Tafeln dar, betont Joachim Johannes, denn bei Foodsharing kann jeder mitmachen – und viele retten Lebensmittel aus Überzeugung, nicht aus Bedürftigkeit. Und da die Initiative auch Lebensmittel verwertet, die die Tafel nicht abnehmen darf, etwa selbstgekochte Marmelade oder Joghurt mit überschrittenem Mindesthaltbarkeitsdatum, ist sie eher eine Ergänzung.

Die Dillinger Foodsharing-Szene ist sehr aktiv, deshalb stehen dort auch schon mehrere Fair-Teiler; aber auch in Schmelz, Altforweiler oder Wadgassen gibt es inzwischen kleine Gruppen, die mit den örtlichen Läden zusammenarbeiten.

Lebensmittel vor der Tonne retten, mehr Nachhaltigkeit beim Einkauf, das ist zurzeit ein Trend-Thema in der Gesellschaft, stellen die Foodsharer fest: „Seit Januar hatten wir über 40 Neuanmeldungen“, berichtet Bellmann. „Zeitweise kamen täglich neue.“ Von den mehr als 100 Angemeldeten, die meisten davon übrigens Frauen, aus allen Altersgruppen, seien 60 aktiv in den Teams, die in den Märkten abholen und verteilen. Mit einer öffentlichen Verteilaktion am Odilienplatz hat die Gruppe kürzlich auf ihr Engagement und das Problem der Lebensmittelverschwendung aufmerksam gemacht (die SZ berichtete).

„Es ist eine sehr große Menge, die inzwischen täglich gespendet und verteilt wird“, betont Sinnwell. „Manchmal sind es bis zu 20 Kisten an einem Tag.“ Das gerettete Essen loszuwerden, ist meistens kein Problem: In den Fair-Teilern bleibt so gut wie nie etwas übrig. Die Standorte sind inzwischen bekannt. Wie viele Menschen sich dort regelmäßig bedienen, weiß niemand: „Es kann ja jeder hingehen, egal ob registriert oder nicht“, meint sie.

Manche hätten Hemmungen, Aussortiertes kostenlos anzunehmen, hat Johannes erfahren: „Die denken: Ich bin doch nicht bedürftig, was sollen die Leute denken.“ Andere haben damit keine Probleme: „Ich habe so ein Seniorengrüppchen, die sich jeden Freitag treffen, denen bringe ich immer die Kaffeestückchen, die ich vorher aus der Bäckerei abhole“, erzählt Sinnwell. „Die wissen das zu schätzen, für die ist das nichts Schlechtes.“

Aus Lebensmitteln, die keiner mehr will, noch etwas Neues machen, nichts verkommen lassen, wie das früher üblich war, das findet Johannes besonders wichtig: „Man hat plötzlich zehn Kilo Bananen, die weg müssen, oder Pilze. Dann macht man eben was daraus.“ Marmelade aus Trauben oder anderem Obst kocht zum Beispiel Bellmann öfter: „Da wäre ich früher nie darauf gekommen.“ Sie selbst profitiert auch von ihrem Engagement: „Ich habe bestimmte Lebensmittel schon seit Monaten nicht mehr gekauft.“

Familie, Freunde und Nachbarn der Essensretter kennen die spontanen Verteilaktionen, wenn plötzlich 20 Brote übrig sind oder fünf Kisten Erdbeeren, berichten alle drei lachend. „Abnehmer finden wir eigentlich immer“, meint Johannes. Und den ein oder anderen bewege das schon, sich beim eigenen Einkauf bewusster zu verhalten – nicht mehr zu kaufen, als man wirklich essen kann, noch gutes Essen nicht wegzuwerfen, oder auch mal ein nicht so schönes Gemüse mitzunehmen.

„Die Idee von Foodsharing ist, dass wir uns selbst abschaffen“, erklärt Bellmann: Dass die Kunden anders einkaufen, die Betriebe weniger wegwerfen. „Würde jeder sein eigenes Konsumverhalten überdenken, müsste es uns nicht geben“, ergänzt Sinnwell. Neue Mitstreiter gegen die Lebensmittelverschwendung sucht der Bezirk immer, betont Bellmann: „Jeder macht, so viel er will, aber wir sind für jeden froh, der sich engagiert.“

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