Dillinger unterm Damoklesschwert

Dillinger unterm Damoklesschwert

Fred Metzken warnt: Stahlindustrie investiert hundert Millionen Euro, aber CO{-2}-Auflagen gefährden Existenz.

Jahres-Bilanz zog gestern die Dillinger Hütte. 2016 war ein sehr schwieriges Jahr. Darüber und über die Aussichten sprach die SZ mit Fred Metzken, Sprecher des Vorstands von Dillinger.

Herr Metzken, vor einem Jahr waren die Prognosen ein wenig pessimistisch. Was hat sich bewahrheitet, was eher nicht?

Fred Metzken Unsere bereits sehr verhaltenen Erwartungen wurden leider im negativen Sinne übertroffen: 2016 war das schwierige Jahr, das wir prognostiziert hatten, und die Umsatz- und Ergebniszahlen der Dillinger Gruppe sind massiv unter Druck geraten. Das Problem der Überkapazitäten in der Welt - vor allem auf unserem Grobblechmarkt - ist weiterhin nicht gelöst, das Preisniveau blieb dadurch im Keller, und wir haben trotz guter Auslastung kein Geld verdient. Gravierende Kosten durch zusätzliche CO{-2}-Auflagen hängen nach wie vor wie ein Damoklesschwert über den europäischen Stahlherstellern, und hier sind wir noch lange nicht am Ziel. Aber: Unsere Mitarbeiter haben sich gut geschlagen in diesem schweren Jahr, und Dillinger ist mit den erfolgten Investitionen als Technologieführer gut aufgestellt.

2016 war Stahl auch ein öffentlich und politisch stark wahrgenommenes Thema. Wie hat sich das für die Dillinger Hütte ausgewirkt, und was erwarten Sie noch?

Metzken Die Probleme der Branche sind in der Gesellschaft und in Teilen der Politik - zumindest hier im Saarland - angekommen und verstanden worden; das hat die Akzeptanz der Stahlindustrie nach unserer Wahrnehmung erhöht. Der Kampf und die Überzeugungsarbeit an die Adresse der Entscheider in Berlin und Brüssel geht unvermindert und wieder verstärkt weiter. Unsere Forderungen sind klar: Wir benötigen einen fairen Wettbewerb, schnelle Handelsinstrumente der EU gegen unfaire und massive Einfuhren in die EU zu Dumpingpreisen. Wir setzen uns für einen fairen Klimaschutz ein, bei dem den wettbewerbsverzerrenden Nachteilen aus dem CO{-2}-Handel für die heimische Industrie Einhalt geboten wird. Hier in Deutschland stehen im globalen Vergleich die effizientesten und klimaschonendsten Anlagen. Wir werden weiter dafür kämpfen, dass sie von zusätzlichen CO{-2}-Minderungsauflagen bei der Zertifikatzuteilung befreit werden.

Wie hoch sind die Investitionen 2016 gewesen und inwieweit profitiert die saarländische Wirtschaft davon?

Metzken Alleine in Dillingen sind 2016 mit der neuen Stranggießanlage CC6 und der Neuzustellung des Hochofens 4 (gemeinsam mit Saarstahl) Investitionen in Höhe von rund 550 Millionen Euro ans Netz gegangen. Das ist ein enormer Kraftakt und Beweis für die zukunftsweisende Unternehmenspolitik. Ein Beispiel für die Bedeutung in der Region: Bei der Neuzustellung des Hochofens 4 wurden rund 60 saarländische Firmen mit Arbeiten oder Zulieferungen beauftragt. 2016 wurde insgesamt von Dillinger, ROGESA und ZKS ein Gesamtauftragsvolumen - das geht von der Heftklammer bis zu Stahlbauten - in Höhe von 258 Millionen Euro vergeben. Hier kommt für einen Zeitraum von fünf Jahren - also seit 2012 - die imposante Summe von 1,4 Milliarden Euro zusammen. Und bei Saarstahl kommt nochmals ein ähnlicher Betrag dazu. Jeder kann sich ausrechnen, was das für das kleine Bundesland Saarland bedeutet. Und was es bedeutet, wenn die Summen nicht mehr investiert werden können, weil sie durch die geplanten massiven Auflagen ab 2021 durch den CO{-2}-Zertifikaten-Handel aufgezehrt werden.

Die neue Stranggießanlage sollte bis Mitte 2016 voll produzieren. Wie haben sich die Markterwartungen erfüllt?

Metzken Unsere Erwartungen sind erfüllt, die Anlage ist 2016 gut angelaufen, und wir konnten mit einem Brammenformat von 500 Millimetern Dicke einen Weltrekord erzielen. Damit können wir die Position von Dillinger als weltweiter Technologieführer im Grobblechmarkt stärken und weiter ausbauen. Die Anlage wird uns helfen, einen zunehmend anspruchsvolleren Produktmix abzudecken und uns im Dickblechbereich mit qualitativ hochwertigen Gütern noch weiter zu entwickeln.

Welche Tendenzen sehen Sie bei Beschäftigung und Ausbildung am Standort Dillingen?

Metzken Wir stehen auch in der Krise zu unserer Belegschaft und halten an einer verlässlichen und verantwortungsvollen Personalpolitik fest. Es laufen ja bereits seit einigen Jahren Kostensenkungsprogramme, die einen schrittweisen Stellenabbau vorsehen. Gemeinsam mit dem Betriebsrat haben wir letzte Woche eine Vereinbarung zur Standortsicherung "Dillinger 2020" getroffen. Wir werden alle Potenziale zur Kostenreduzierung ausschöpfen und auch die Ideen und Maßnahmen von Mitarbeitern hier fordern und fördern. Den guten Entwicklungs- und Innovationsprozess im Unternehmen wollen wir weiter vorantreiben.

Wir werden auch die vernünftige und sozialverträgliche Anpassung unserer Belegschaftszahl fortführen und genau prüfen, ob ausscheidende Mitarbeiter ersetzt oder deren Stellen erneut besetzt werden. Wir streben gemeinsam mit dem Betriebsrat einen Personalstand von 4700 Mitarbeitern bis Ende 2020 an. Unsere Erstausbildung führen wir auch 2017 auf ähnlichem Niveau stabil weiter: Insgesamt sind derzeit 236 junge Leute in der Ausbildung.

Welche drei Schlagzeilen von Berichten über die Stahlindustrie und besonders Dillinger möchten Sie 2017 gerne noch lesen?

Metzken "Weniger Stahl auf dem Markt, Preise ziehen spürbar an",

"CO{-2}-Emissionshandel: Kommission, Parlament und Rat wenden Bedrohung für Stahlindustrie ab",

"Dillinger: 2017 besseres Geschäftsjahr als erwartet".

Fred Metzken, Vorstands- sprecher.

Das Gespräch mit Fred Metzken führte Mathias Winters.